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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Neunzehnte Homilie.

VI.

Damit aber Dieses nicht als Befehl erscheine, setzt er hinzu:

28. Hast du aber eine Frau genommen, so hast du nicht gesündigt.

Hierauf führt er die gegenwärtigen Zeitverhältnisse an — die bevorstehende Noth, die bedrängte Zeit und die Trübsale. Die Ehe zieht nämlich Vieles nach sich, was er hier andeutet, wie er auch in seiner Rede über die Enthaltung gethan hat. Dort sagt er, daß die Frau über ihren Leib [S. 320] keine Gewalt habe, hier aber: „Bist du ledig … hast du aber eine Frau genommen, so hast du nicht gesündigt.“ Er spricht nicht von einer solchen, welche die Jungfrauschaft angelobt hat, denn diese würde gesündiget haben. Denn wie die Wittwen, die eine zweite Ehe eingehen, in Verantwortung fallen, um so mehr ist Dieß bei den Jungfrauen der Fall. „Jedoch Drangsal des Fleisches werden Solche haben.“ Aber auch Vergnügen, wirst du erwidern. Sieh aber, wie er dieses beengt durch die Kürze der Zeit, indem er sagt:

29. Die Zeit ist kurz;

d. h. wir sollen uns entfernen und fliehen, du aber stürzest hinein. Und hätte die Ehe auch keine Beschwerden, so müßte man doch dem Zukünftigen (Ewigen) entgegen eilen. Da sie nun aber Beschwerden mit sich bringt, warum soll man sich dieser Last unterziehen? warum sich eine so schwere Bürde aufladen, da man sich nachher doch so verhalten muß, als wenn man dieselbe nicht hätte? Denn er sagt: „Diejenigen, die Frauen haben, seien, als hätten sie keine!“

Hierauf spricht er von dem Zukünftigen und kommt dann wieder auf das Gegenwärtige zurück; denn das Eine ist geistiger Natur: „Jene (die Vermählte) kümmert sich um Das, was des Mannes ist, diese aber (die Jungfrau) um Das, was Gottes ist“. Das Andere aber bezieht sich auf das Irdische:

32. Ich aber wünsche, daß ihr frei von Sorgen seiet.

Doch überläßt er auch Dieses ihrer eigenen Wahl. Wenn nämlich Jemand gezeigt hat, was man wählen solle, und er dann wieder von Nothwendigkeit spricht, so scheint er in seiner eigenen Rede schwankend zu sein. Darum sucht [S. 321] er sie mehr durch Nachgiebigkeit an sich zu ziehen und zu fesseln, indem er spricht:

35. Dieses aber sage ich zu eurem Besten, nicht um euch eine Schlinge anzulegen, sondern um zu Dem (zu ermahnen), was wohlanständig ist und geschickt macht (dem Herrn zu dienen).

Mögen es die Jungfrauen hören, daß die Jungfrauschaft nicht hierin bestehe; denn welche Jungfrau um weltliche Dinge besorgt ist, die ist wohl keine Jungfrau noch auch eine Sittsame. Nachdem er nämlich gesagt hat: „Die Frau und die Jungfrau ist getheilt,“ gibt er den Unterschied an und zeigt, worin beide von einander sich unterscheiden. Nicht die Ehe, nicht die Enthaltsamkeit gibt er als unterscheidende Merkmale zwischen Jungfrau und Nichtjungfrau an, sondern das Besorgtsein und das Nichtbesorgtsein. Denn das eheliche Leben ist nichts Böses; nur ist es ein Hinderniß der höheren Vollkommenheit.

36. Wenn aber Jemand meint, daß es ihm zur Unehre wäre, wenn seine Jungfrau über die Jahre käme.

Hier scheint er zwar von der Ehe zu reden, aber das Ganze sagt er über die Jungfrauschaft; denn er gestaltet sogar eine zweite Ehe, „nur daß es im Herrn geschehe“. Was heißt das: „im Herrn“? Mit Züchtigkeit und Anstand. Denn diese ist überall nöthig, und ihr muß man nachstreben; denn ohne sie ist es unmöglich, Gott zu schauen.

Niemand wird mich als nachlässig tadeln, wenn ich hier übergehe, was über den jungfräulichen Stand zu sagen wäre; denn über diesen Gegenstand habe ich ein ganzes Buch geschrieben; und da ich darin die Sache mit aller mir möglichen Genauigkeit behandelt habe, so halte ich es für überflüssig, dieselbe hier wieder zu erörtern. Darauf ver- [S. 322] weise ich meine Zuhörer und sage hier nur noch, daß man der Enthaltsamkeit nachstreben müsse; denn Paulus schreibt: „Strebet nach Friede und Heiligung, ohne welche Niemand den Herrn schauen wird!“1 Damit wir nun ihn zu sehen gewürdget werden, so lasset uns — wir mögen im jungfräulichen Stande oder in der ersten oder zweiten Ehe leben — nach der Heiligung trachten, auf daß wir des Himmelreiches theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 323]

1: Hebr. 12, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger