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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Neunzehnte Homilie.

V.

So beschaffen ist das Christenthum; es schenkt in der Knechtschaft die Freiheit. Gleichwie ein von Natur unverwundbarer Körper dann erst als unverwundbar sich zeigt, [S. 317] wenn er von einem Pfeile getroffen keinen Schaden erleidet, so erscheint der Mensch wahrhaft und vollkommen frei, wenn er Andern dient und sich doch nicht zum Sklaven erniedrigen läßt. Darum will der Apostel, daß der Sklave so bleibe, wie er ist. Wenn der Sklave als solcher kein guter Christ sein könnte, so dürften die Heiden der Religion große Ohnmacht vorwerfen; sehen sie aber, daß der Sklavenstand kein Hinderniß der Frömmigkeit ist, so werden sie die evangelische Lehre bewundern. Denn wenn uns weder der Tod noch Geißelstreiche noch Bande zu schaden vermögen, so werden noch weniger Sklaverei, Feuer und Schwert und jede Tyrannei, Krankheit, Armuth, wilde Thiere und viele andere noch schrecklichere Dinge den Gläubigen schaden, sondern ihre Kraft noch erhöhen. Und wie sollte uns diese Sklaverei schaden können? Nicht die Sklaverei schadet uns, o Geliebte, sondern die wirkliche Sklaverei, die der Sünde. Bist du kein Sklave in dieser Beziehung, dann fasse Muth und freue dich! Niemand wird dir zu schaden vermögen, denn du hast einen Charakter, der sich nicht sklavisch beugt. Bist du aber ein Sklave der Sünde, so wird dir die Freiheit Nichts nützen, wie frei du auch sein magst. Denn was nützt es, sage mir, wenn du zwar keinem Menschen dienest, wohl aber den Leidenschaften fröhnest? Die Menschen gehen oft schonlich mit ihren Sklaven um, diese Gebieterinen aber können sich an deinem Untergang nie genug sättigen. Du dienst einem Menschen? Aber dein Herr dient auch dir, indem er dir Nahrung gibt für deine Gesundheit, Kleidung, Beschuhung und alles Andere sorgt. Und du fürchtest dich nicht so sehr, ihn zu beleidigen, als er fürchtet, es möchte dir etwas Nothwendiges fehlen. Aber der Herr legt sich zur Ruhe, während du wachst. Wie? Das kommt nicht nur bei ihm vor, sondern auch bei dir; denn während du daliegst und süß schlummerst, ist er nicht bloß auf den Beinen, sondern muß oft vielerlei Ungemach auf dem Forum erdulden und beschwerlicher wachen als du. Wie? Hat Joseph von seiner Gebieterin so viel aushalten müssen als dies von ihrer sünd- [S. 318] haften Lust? Denn Joseph that nicht, was sie befehlen wollte; sie aber that Alles, was ihr die sie beherrschende Wollust gebot, und hörte nicht auf, bis sie mit Schande bedeckt war. Welcher Herrscher gebietet denn Solches? Welcher Tyrann ist so grausam? „Bitte den Sklaven, sagt die Wollust, flehe an deinen Knecht, schmeichle Dem, den du um Geld gekauft hast; und verschmäht er dich, so dringe noch mehr in ihn; und wenn er noch so oft nein sagt und dich nicht erhören will, so suche einen einsamen Ort, brauche Gewalt und mache dich lächerlich!“ Was ist schmachvoller, was schändlicher als solche Reden? „Und kannst du auch so deinen Zweck nicht erreichen, so verleumde den Sklaven und betrüge den Gatten!“ Siehe, wie niederträchtig, wie häßlich, wie unmenschlich, grausam und rasend diese Befehle sind! Wo ist ein Herr, der Solches gebietet, was die Wollust jenem vornehmen Weibe gebot? Und doch wagte sie es nicht, diesen Befehlen entgegen zu handeln. Nichts der Art begegnete Joseph, sondern im Gegentheil, Alles brachte ihm Ehre und Ruhm.

Willst du noch eine andere Persönlichkeit sehen, der die grausame Gebieterin Vieles zumuthete, und die gleichfalls keinen Widerstand wagte? Denke an Kain! Wie viele Befehle hat der Neid ihm gegeben! Er verlangte, daß er seinen Bruder tödten, Gott belügen, den Vater betrüben und alle Scham ablegen sollte. Und das that er Alles und gehorchte in allen Stücken. Und was wunderst du dich, daß diese Gebieterin eine solche Herrschergewalt übt über einen Menschen? Hat sie doch oft ganze Völker in’s Verderben gestürzt. Die Madianitischen Weiber fesselten durch ihre Schönheit so sehr alle Juden, daß sie dieselben fast wie Gefangene in ihrer Botmäßigkeit hielten. Diese Sklaverei nun verwirft Paulus mit den Worten: „Werdet nicht Sklaven der Menschen!“ d. h. gehorchet den Menschen nicht, wenn sie Unerlaubtes gebieten; aber auch euch selbst gehorchet nicht! So erhebt er den Geist und gibt ihm einen erhabenen Schwung und fährt darauf fort:

[S. 319] 25. 26. Hinsichtlich der Jungfrauen aber habe ich keinen Befehl des Herrn, einen Rath aber gebe ich als Begnadigter vom Herrn, um treu zu sein.

Er lenkt nun der Ordnung nach die Rede auf den jungfräulichen Stand. Nachdem er sie in Betreff der Enthaltung belehrt und zurechtgewiesen, geht er nun zum Höhern über und sagt: „Ich habe keinen Befehl; ich bin aber der Meinung, daß Dieses gut sei.“ Warum? Aus dem gleichen Grunde, den er vorher über die Enthaltung angeführt hat.

27. Bist du an eine Frau gebunden? Suche nicht Lösung! Bist du ledig einer Frau? Suche keine Frau!

Das widerspricht nicht Dem, was er früher gesagt, sondern stimmt so ganz überein. Denn auch dort hat er gesagt: „Es sei denn mit gegenseitiger Einwilligung;“ und hier heißt es wieder: „Bist du an eine Frau gebunden? Suche nicht Lösung!“ Das widerspricht dem Vorhergehenden nicht; denn nur was gegen den Willen geschieht, ist Lösung (Trennung); wenn sie sich aber mit gegenseitiger Einwilligung enthalten, ist es nicht Lösung.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger