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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Fünfzehnte Homilie.

I.

Kap. V.

3. 2. Überhaupt hört man unter euch von Unzucht und solcher Unzucht, wie sie nicht einmal bei den Heiden ist, so daß Einer das Weib seines Vaters hat. Und ihr seid aufgeblasen und hattet nicht vielmehr Leidwesen, damit Derjenige, welcher solches Werk verübt hat, aus eurer Mitte fortgeschafft werde!

I. Als er von den Spaltungen unter ihnen redete, bediente er sich nicht gleich Anfangs harter Ausdrücke, sondern begann mit sanfter Rede und endete dann mit der Anklage, indem er sprach: „Denn durch Chloe’s Angehörige ist mir hinsichtlich eurer, meine Brüder, bedeutet worden, daß Streitigkeiten unter euch sind.“1 Hier aber nicht so; er nimmt gleich einen strafenden Ton an und zeigt mit Nachdruck, wie die Schmach dieses Vorwurfs sie gemein- [S. 240] schaftlich treffe. Denn er sagt nicht: Warum treibt Dieser oder Jener Unzucht? sondern: „Überhaupt hört man unter euch von Unzucht,“ damit sie nicht lässiger würden, als ginge die Beschuldigung sie gar nicht an, sondern damit sie durch diesen Angriff auf Alle und durch die Anklage gegen die ganze Gemeinde in Beforgniß geriethen. Denn Niemand wird sagen: Dieser oder Jener hat Unzucht getrieben, sondern es heißt: In der Kirche zu Korinth ward dieses Laster begangen. Auch sagt er nicht: Es wird Unzucht getrieben, sondern: „Man hört von solcher Unzucht, dergleichen unter Heiden nicht genannt wird.“ Wenn die Heiden stellt er fortwährend zur Beschämung gegenüber. So sagt er in seinem Briefe an die Thessalonicenser: „Daß ein Jeder sein Gefäß in Heiligkeit besitze, nicht in leidenschaftlicher Lust wie die Heiden;“2 und an die Kolosser und Epheser: „Wandelt nicht mehr, wie die übrigen Heiden wandeln.“3 Wenn sie aber dieselben Laster begehen und darum keine Verzeihung verdienen, weil sie darin gar die Heiden übertreffen, so sage mir: welche Stelle sollen wir ihnen dann anweisen? Denn bei den Heiden, sagt er, wird dergleichen nicht nur nicht begangen, sondern nicht einmal genannt. Siehst du, wie er die Anklage schärft! Denn wenn sie solche Arten von Ausschweifungen erfunden haben, die unter den Heiden nicht gewagt, ja nicht einmal genannt werden: so ist die Größer der Sünde unaussprechlich. Auch die Worte „unter euch“ haben ihren besondern Nachdruck; es heißt: unter euch Gläubigen, die ihr so hoher Gnaden und der Theilnahme am unaussprechlichen Geheimnissen gewürdigt, die ihr zum Himmel berufen seid. Siehst du, wie ernst die Rede ist, und wie er seinen Unmuth gegen Alle äussert? Denn wäre er nicht voll Unmuth gewesen, und hätte er die Rede nicht gegen Alle gerichtet, so würde er sich so ausgedrückt haben. Ich habe vernommen, daß Dieser oder Jener Unzucht ge- [S. 241] trieben; den müßt ihr strafen. Nun aber macht er es nicht also, sondern greift sie alle insgesammt an. Hätten sie vorher im ihn geschrieben, so würde er sich wohl so ausgedrückt haben; nun aber hatten sie nicht nur nicht geschrieben, sondern das Verbrechen sogar zu vertuschen gesucht; darum führt er eine so ernste Sprache.

„Daß Einer das Weib seines Vaters hat.“ Warum sagt er nicht: daß Einer Unzucht treibe mit dem Weibe? Er verschmäht das gar zu Häßliche und umschreibt es auf eine mehr anständige Weise, indem es schon durch das Vorhergehende genug bezeichnet war. Zugleich will Paulus damit die Anklage verschärfen und zeigen, daß bei ihnen solche Schandthaten begangen würden, die er nicht einmal deutlich bezeichnen dürfe. Darum spricht er auch in der Folge ebenso verdeckt: „Derjenige, welcher solches Werk verübt hat,“ und er erröthet wieder und schämt sich, die Sünde offen zu nennen, wie auch wir bei sehr schändlichen Dingen zu thun pflegen, auch nennt er sie nicht Stiefmutter, sondern Weib seines Vaters, um ihn desto schärfer zu treffen. Denn wo schon der bloße Name zur Anklage hinreicht, da begnügt er sich damit ohne weiteren Zusatz. Sage mir nicht, daß nur Einer Unzucht getrieben; Allen wurde dieser Vorwurf gemacht: darum fügt er auch bei: „Und ihr seid aufgeblasen?“ Er sagt nicht: aufgeblasen über die Sünde (denn Das wäre ja unsinnig), sondern aufgeblasen über die Lehre jenes Menschen. Jedoch spricht er Das selber nicht aus, sondern überläßt es ihnen, um sie schärfer zu rügen. Betrachte die Weisheit Pauli! Zuerst stürzt er die heidnische Weisheit vom Throne und zeigt, daß sie an und für sich Nichts sei, wenn auch keine Sünde dazu käme, und dann erst redet er auch von der Sünde. Hätte er bloß in Bezug auf die mögliche Weisheit des Unzüchtigen gesagt, daß die Gnade des Geistes etwas Großes sei, so war damit nur wenig gewonnen; da er nun aber ohne Rücksicht auf die Sünde die heidnische Weisheit niedergeworfen und in ihrer Nichtigkeit dargestellt [S. 242] hat, so bewies Dieses in hohem Grade ihre Armseligkeit. Darum erwähnt er erst des Vergehens, nachdem er vorher (die Weltweisheit und das Evangelium) mit einander verglichen. Er redet den Blutschänder nicht einmal an und zeigt eben dadurch, wie groß die Schande desselben sei. Zu den Andern aber sagt er: Ihr solltet trauern und weinen und euch vor Scham verhüllen; nun aber thut ihr das Gegentheil: „Und ihr seid aufgeblasen und hattet nicht vielmehr Leidwesen?“ „Und was ist denn geschehen,“ heißt es, „daß wir trauern sollen?“ Weil die ganze Gemeinde beschimpft worden ist. „Aber was soll unser Klagen denn nützen?“ „Daß ein Solcher aus eurer Mitte fortgeschafft werde.“ Auch hier nennt er ihn nicht, ja auch sonst nirgends, gerade so, wie wir es bei sehr schändlichen Dingen zu machen gewohnt sind. Auch sagt er nicht: Und ihr habt ihn nicht aus eurer Mitte geschafft, sondern wie bei irgend einer pestartigen Krankheit, wo Wehklage und anhaltendes Gebet erfordert wird: „daß er fortgeschafft werde.“ Hier braucht es Gebet und allseitige Anstrengung, einen Solchen zu entfernen. Er macht ihnen keinen Vorwurf darüber, daß sie ihm die Sache nicht angezeigt hätten, sondern daß sie kein Leidwesen trügen, damit Jener beseitiget würde; er zeigt, daß Dieses auch ohne Dazwischenkunft des Lehrers hätte geschehen sollen, weil das Verbrechen ein offenkundiges war.

1: I. Kor. 1, 11.
2: I. Thess. 4, 4. 5.
3: Ephes. 4, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger