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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
VierzehnteHomilie.

III.

Aber vielleicht sagt Einer: Ich will, und so thöricht ist Niemand, daß er sagt: Ich will nicht. Allein das Wollen genügt mir noch nicht. Wohl wäre dein Wollen genügend, wenn es so beschaffen wäre, wie es sein sollte, und wenn du Das thätest, was ein ernstlich Wollender thut; mun aber ist dir mit dem Wollen nicht sonderlich Ernst. Wenn es euch beliebt, so wollen wir Dieses auch in Betreff anderer Dinge nachweisen. Sage mir: Wenn Einer ein Weib nehmen will, genügt es da schon, daß er Dieses nur will? Keineswegs; sondern er sucht Brautwerberinen, bittet seine Freunde, mit ihm zu wachen, und sammelt sich Geld. So begnügt sich auch der Kaufmann nicht damit, zu Hause zu sitzen und Etwas zu wollen, sondern er miethet ein Schiff, dingt Schiffer und Bootsknechte, leiht Geld auf Zinsen aus und erkundigt sich fleissig um Grund und Boden und die Preise der Waaren. Wie? Ist es nicht unsinnig, auf irdische Dinge so großen Fleiß zu verwenden und dort, wo es gilt, den Himmel zu erkaufen, es beim bloßen Wollen bewenden zu lassen, ja nicht einmal den [S. 232] rechten Ernst des Willens zu haben? Denn wer Etwas ernstlich will, ergreift auch die Mittel, welche zur Erreichung seines Zieles führen. Denn wenn der Hunger dich drängt Nahrung zu nehmen, so wartest du nicht, bis die Speisen von selbst dir in den Mund kommen, sondern thust Alles, um dir dieselben zu verschaffen; so machst du es auch, wenn dich dürstet oder friert, und bei jedem andern Bedürfniß bist du auf die Pflege deines Leibes bedacht. Ebendasselbe thue nun auch für den Himmel, und du wirst ihn sicher erlangen. Denn darum hat dich Gott mit Willensfreiheit begabt, damit du nicht nachmals ihm vorwirfst, du seiest gezwungen gewesen. Und du bist über einen so ehrenvollen Vorzug unwillig? Denn Viele habe ich sagen hören: „Warum hat mir doch Gott die Tugend freigestellt?“ Aber wie sollte er dich, während du schläfst, schnarchst, den Lüsten fröhnst, schwelgst und dem Bauche dienst, in den Himmel führen? Du würdest dich des Bösen gewiß nicht enthalten haben; denn da du jetzt, obwohl dir Strafe gedroht ist, dem Laster nicht entsagst, so würdest du immer träger und schlechter geworden sein, hätte er dir auch den Himmel zum Lohne versprochen. Du kannst auch nicht sagen, daß er dir wohl das Gute gezeigt, aber nicht dazu mitgeholfen habe; denn er hat dir kräftigen Beistand versprochen. Aber, heißt es, die Tugend ist mühsam und beschwerlich, mit dem Laster aber ist großes Vergnügen verbunden: hier ist der Weg breit und geräumig, dort aber eng und schmal. Aber sage mir: Waren denn beide Wege schon Anfangs also beschaffen? Was du da von der Tugend sprichst, Das sagst du gegen deinen Willen; so groß ist die Macht der Wahrheit. Wenn es nämlich zwei Wege gäbe, wovon der eine in die Hölle, der andere aber in den Himmel führte, und der zur Hölle breit, der zum Himmel hingegen schmal wäre: welchen würdest du wählen? Wenn du auch jetzt hartnäckig widersprichst, so kannst du doch, wenn du auch noch so unverschämt bist, der offenbar anerkannten Wahrheit nicht widersprechen. Denn daß derjenige zu wählen sei, dessen Anfang beschwerlich, das Ende aber nicht so ist, will ich [S. 233] euch aus Beispielen des täglichen Lebens beweisen. Lasset uns, ist’s euch genehm, mit den Künsten beginnen! Diese sind im Anfange mühsam, bringen aber am Ende großen Gewinn. Jedoch, heißt es. Keiner ergreift eine Kunst, wenn nicht Jemand ihn dazu anhält. Denn wenn der Jüngling sein eigener Herr ist, so wird er lieber Anfangs schwelgen und zuletzt tausendfältiges Ungemach dulden, als im Anfange elendiglich leben und erst später aus jenen Mühen Nutzen ziehen. Ist nun diese Wahl nicht Beweis eines verwaisten Verstandes und kindischer Trägheit, das Gegentheil aber Beweis von Klugheit und männlichem Sinne? So ist es nun auch mit uns: Wären wir nicht Kinder, so würden wir nicht jenem kindischen und verwaisten Jünglinge, sondern demjenigen gleichen, der einen Vater besitzt. Daher müssen wir den kindischen Sinn ablegen, nicht aber die Schuld auf die Sache selber werfen; wir müssen unserm Gewissen einen Führer geben, der uns nicht gestattet, dem Bauche zu dienen, sondern uns zum Wettlaufe und Kampfe begeistert. Denn ist es nicht thöricht, wenn wir die Knaben durch starke Anstrengung zu solchen Dingen anhalten, deren Anfang beschwerlich, deren Ende hingegen angenehm ist, wir aber in geistigen Dingen das Gegentheil thun, obgleich es bei den irdischen Dingen nicht so ganz ausgemacht ist, daß ihr Ausgang ein guter sein werde. Denn ein frühzeitiger Tod, Armuth, Verleumdung, Wechsel des Glückes und Vieles der Art können uns nach großen Anstrengungen der Früchte derselben berauben; und erlangt man auch, wornach man gestrebt, so gewinnt man doch nichts Großes; denn mit dem gegenwärtigen Leben zerfließt Dieses alles. Hier aber gilt es nicht diese hinfälligen und vergänglichen Dinge, und wir dürfen nicht bloß um den Ausgang unbesorgt sein, sondern wir haben nach dem Hinscheiden aus diesem Leben zuverlässig noch Größeres zu erwarten. Welche Entschuldigung, welche Verzeihung werden wir haben, wenn wir uns um der Tugend willen keinen Beschwerden unterziehen wollen? Man könnte noch fragen: „Warum ist der Weg so eng?“ Hurer, Trunkenbolde und Unzüchtige achtest du [S. 234] für unwürdig, einen irdischen Palast zu betreten; und du verlangst, daß die Menschen mit ihrer Sorglosigkeit, mit Schwelgerei, Trunkenheit, Geiz und mit allen Lastern in den Himmel aufgenommen werden? Wie wäre Das zu verzeihen?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger