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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
VierzehnteHomilie.

II.

Denn gleichwie die Gegenwart eines Löwen alle Thiere erschreckt, so versetzte die des Paulus Diejenigen in Furcht, welche die Ruhe der Kirche gestört. Darum fügt er hinzu: „Ich werde aber bald zu euch kommen, wenn es der Wille des Herrn ist.“ Allein Dieß bloß zu sagen schien nur eine Drohung; aber daß er es auch wirklich auszuführen und sie zur Rede zu stellen verheißt, das ist ein Beweis hochherzigen Sinnes. Darum fügt er auch bei: „Und dann werde ich gewahren, nicht was die Abgeblasenen geschwätzt, sondern was sie gewirkt haben;“ denn die Aufgeblasenheit kam nicht von ihren eizenen Werken her, sondern von der Abwesenheit des Lehrers, was ebenfalls eine niedrige Denkungsart zeigt. Nachdem er also gesagt: „Ich sandte den Timotheus,“ spricht er nicht gleich: Ich werde kommen, sondern sagt es erst, nachdem er die Aufgeblasenheit an ihnen gerügt hatte. Hätte er Dieses vor der Rüge gesagt, so hätte es eher den Schein einer Selbstentschuldigung als einer Drohung gehabt, und es wäre nicht so glaubwürdig gewesen; da nun aber die Drohung nach der Rüge gesetzt wird, so ist sie glaubwürdig und flößt Furcht ein. Und siehe, wie sicher und bestimmt er sich ausdrückt; denn er sagt nicht einfach: „Ich werde kommen,“ sondern: „wenn es der Wille des Herrn ist;“ auch setzt er keine bestimmte Zeit an; denn weil es möglich war, daß sich seine Ankunft verspätete, so will er sie durch die Ungewißheit der Zeit in Spannung erhalten. Damit sie aber dadurch nicht wieder muthlos würden, setzt er bei: „bald; und dann werde ich gewähren, nicht was die Aufgeblasenen geschwätzt, sondern was sie gewirkt haben.“ Er sagt nicht: Ich werde gewahren ihre Weisheit, ihre Wunder, sondern was? „nicht was sie geschwätzt haben.“ Jenes Geschwätz [S. 229] sucht er ausdrücklich herabzusetzen, die wirksame Thätigkett aber zu erheben. Das geht nun einstweilen Diejenigen an, die es mit dem Blutschänder hielten. Denn hätte er die Rede an diesen gerichtet, so würde er nicht von wirksamer Thätigkeit, sondern von seinen schlechten Thaten gesprochen haben.

„Aber warum fragst du nicht nach den Reden?“ Nicht weil es mir an Beredsamkeit fehlt, sondern weil es bei unserer Sache auf wirksame Thätigkeit ankommt. Gleichwie im Kriege nicht Diejenigen obsiegen, die viel schwätzen, sondern die viel thun, so ist auch hier der Sieg nicht auf Seite der Schwätzer, sondern der Thätigen. Du bildest dir viel ein auf deine Beredsamkeit, will er sagen; du könntest damit allerdings prahlen, wenn es sich bei einer günstigen Gelegenheit um einen Wettstreit von Rhetoren handeln würde. Wenn es sich aber hier um Apostel handelt, welche die Wahrheit verkünden und durch Wunder bekräftigen: was blähst du dich auf mit einer unnützen Sache, die nichtig ist und zu vorliegendem Gegenstande Nichts beitragen kann? Denn was soll wohl eine prunkende Rede beitragen zur Erweckung eines Todten, zur Austreibung der Teufel oder zu einem ähnlichen Wunder? Der Wunder bedarf es jetzt, und durch diese steht unsere Sache fest. Darum spricht er weiter:

20. Denn nicht in der Rede besteht das Reich Gottes, sondern in der Kraft.1

Durch Zeichen, sagt er, siegen wir, nicht durch Beredsamkeit; die Wunder, die wir durch die Kraft des Geistes [S. 230] wirken, liefern den stärksten Beweis, daß unsere Lehre eine göttliche ist, daß wir das Himmelreich verkünden. Wenn also jene Aufgeblasenen sich als große Männer darstellen wollen, so mögen sie bei meiner Ankunft beweisen, ob sie eine solche Kraft besitzen, und mir nicht kommen mit ihren glänzenden Reden; denn diese Kunst geht uns Nichts an.

21. Was wollet ihr? Soll ich mit der Ruthe zu euch kommen oder mit Liebe und im Geiste der Milde?

Diese Worte enthalten viel Schreckendes und auch viel Freundliches. Denn der Ausdruck: „Ich werde gewahren“ ist gelinde; aber die Frage: „Was wollet ihr? Soll ich mit der Ruthe zu euch kommen?“ zeigt, daß er den Lehrstuhl bestiegen hat und von dort aus mit aller Machtvollkommenheit zu ihnen redet. — Was heißt das: „mit der Ruthe“? Mit Strafe und Züchtigung; d. h. so viel, als wenn er sagte: Soll ich euch tödten oder mit Blindheit schlagen? So hatte es Petrus mit Sapphira gemacht, so er selber mit dem Zauberer Elymas. Er spricht hier nicht, als wollte er sich mit ihnen vergleichen, sondern er führt die Sprache des Ansehens. Dasselbe sagt er auch in dem zweiten Briefe mit den Worten: „Oder begehrt ihr eine Probe des in mir redenden Christus?“2 „Soll ich mit der Ruthe kommen oder mit Milde?“ Wie aber, war denn das kein Beweis von Liebe, wenn er mit der Ruthe kam? Freilich war es ein Beweis der Liebe; allein er drückt sich so aus, weil Derjenige, der heftig liebt, sich nicht leicht zu einer Strafe herbeiläßt. Ebenso sagt er in Betreff der Strafe nicht: „im Geiste der Milde,“ sondern: „mit der Ruthe,“ obwohl auch Dieses Sache des Geistes war; denn es gibt einen Geist der Milde und der Strenge, doch gebraucht er nicht den harten, sondern [S. 231] den mildern Namen. Darum wird auch Gott, obschon er straft, an vielen Stellen barmherzig, langmüthig, reich an Milde und Erbarmen genannt; daß er aber strafe, wird nur einmal oder zweimal oder nur selten und zwar bei dringendem Anlaß gesagt. Betrachte die Klugheit Pauli! Beides lag in seiner Macht, aber er lenkt es so, daß Beides nun den Korinthern freisteht, indem er sagt: „Was wollet ihr?“ Die Sache liegt in eurer Macht. Denn in unserer Gewalt liegt Beides, ob wir uns in die Hölle stürzen oder den Himmel gewinnen wollen: denn so wollte es Gott. „Denn siehe,“ heißt es, „Wasser und Feuer; strecke deine Hand aus nach was du willst;“3 und: „Wenn ihr wollt und mir gehorchet, so werdet ihr die Güter der Erde genießen.“4

1: „D. h. es besteht nicht in schimmerndem Lehrvortrage und schöngeformter Darstellung, sondern in übernatürlichen Wirkungen und neuen Schöpfungen, mit andern Worten: es sei keine bloße Philosophie oder schöne Theorie, sondern ein mächtiges Leben.“ S. Alois Meßmer, Erklär. d. I. Kor.-Briefes, Innsbruck, Rauch, 1862, S. 100.
2: II. Kor. 13, 3.
3: Sirach 15, 17.
4: Is. 1, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger