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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Dreizehnte Homilie.

I.

10. Wir sind thöricht um Christi willen (ich muß auf diese Stelle noch einmal zurückkommen), ihr aber seid verständig in Christo; wir sind schwach, ihr aber seid stark; ihr seid geehrt, wir aber verachtet.

I. Nachdem der Apostel mit großem Nachdruck gesprochen, der sie mehr als jeder Vorwurf verwunden mußte, behandelt er nun die Sache mit der ihm eigenen Würde, und nach den Worten: „Ohne uns seid ihr Herrscher“, und: „Gott hat uns als die Allerletzten, wie dem Tode Geweihte (Verurtheilte) hingestellt“ — zeigt er durch das Folgende, in welchem Sinne sie dem Tode „Geweihte“ seien, indem er sagt: „Wir sind thöricht und schwach und verachtet

11. 12. und leiden Hunger und Durst und sind entblößt und werden in’s Gesicht geschlagen [S. 211] und sind heimathlos und plagen uns, arbeitend mit eigener Hand.

Das waren die Kennzeichen ächter Lehrer und Apostel; jene hingegen brüsteten sich mit dem Gegentheil, mit ihrer Weisheit, mit ihrem Ruhme, mit ihrem Reichthum, mit der Ehre vor der Welt. Um ihnen nun diesen Stolz zu benehmen und zu zeigen, daß sie dieser Dinge sich nicht nur nicht rühmen, sondern ihrer sich schämen sollten, so spricht er vorerst ironisch: „Ohne uns seid ihr Herrscher.“ Ich aber behaupte, spricht er, daß die gegenwärtige Zeit nicht eine Zeit der Ehre und des Ruhmes ist, die ihr genießet, sondern der Verfolgung und Schmach, wie wir sie erdulden. Wenn sich aber die Sache nicht also verhält und, schon jetzt die Zeit der Vergeltung da ist, so habt ihr Schüler, wie ich sehe (das sagt er ironisch), Ansehen und Macht; wir Apostel und Lehrer hingegen, denen der Lohn vor Allen gebührte, stehen nicht nur euch nach, sondern leben wie zum Tode verurtheilte Verbrecher, beständig in Schmach und Gefahr und in Hungersnoth, werden als Thoren beschimpft und verfolgt und erdulden die schrecklichsten Qualen. Das aber sagte er, um auch sie dadurch zur Einsicht zu bringen, daß sie den Aposteln in ihren Leiden nachfolgen müßten, in Ertragung von Gefahren und Beschimpfungen, nicht in Ruhm und Ehre; denn nicht Dieses, sondern Jenes bringt das Predigtamt mit sich. Das sagt er aber nun nicht geradezu, um ihnen nicht lästig zu scheinen, sondern er behandelt diese Rüge, wie es sich für ihn ziemte. Hätte er sich geradezu ausgesprochen, so würde er gesagt haben: Ihr irret und täuscht euch und seid noch weit hinter der apostolischen Mahnung1 zurück; denn der Apostel und Diener Christi muß sich für einen Thoren ansehen lassen und in Trübsal und Schmach leben wie wir; bei euch aber findet das Gegentheil statt. Jedoch durch solche Reden hätte er [S. 212] sie noch mehr erbittert, weil dieß ein Lob auf die Apostel zu sein schien; jene aber würden dadurch um so frecher geworden sein, weil er ihnen Feigheit, Ehrgeiz und Sucht nach Bequemlichkeit vorgeworfen hätte. Darum gibt er seiner Rede nicht diese Wendung, sondern eine andere, die minder verhaßt war und doch tiefern Eindruck machte. Daber fährt er fort ironisch zu sprechen, indem er sagt: „Ihr aber seid stark und geehrt.“ Hätte er ohne Ironie gesprochen, so würde er sich so ausgedrückt haben: Es ist nicht möglich, daß der Eine für einen Thoren gelte, der Andere aber für meinen Weisen; der Eine für schwach, der Andere für stark; denn das Eine von Beidem ist unvereinbar mit dem Predigtamte. Wenn die einen Dieses, die andern Jenes sein könnten, so hätte Das, was ihr sagt, wohl einigen Grund; nun aber können wir unmöglich weise und geehrt erscheinen und ohne Gefahr leben. Wenn Dem nicht also wäre, so müßtet ihr Schüler bei Gott mehr gelten als wir, Lehrer, die wir unzählige Leiden erduldet haben. Da aber Niemand diese Behauptung aufstellen dürfte, so folgt daraus, daß ihr uns nachahmen müßt. Und damit Niemand wähne, daß ich nur die Vergangenheit im Sinne habe, heißt es: „Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße.“ Siehst du, daß das ganze Leben der Christen, nicht bloß ein oder der andere Tag so beschaffen sein muß? Denn auch der Kämpfer, der nur ob eines Sieges im Ringkampf gekrönt worden ist, wird nicht mehr gekrönt, wenn er unterliegt. „Wir leiden Hunger,“ gegen die, welche im Überfluß leben; „wir werden in’s Angesicht geschlagen,“ gegen die Aufgeblasenen; „wir sind heimathlos,“ gegen die Behäbigen; „wir sind entblößt,“ gegen die Reichen; „und plagen uns mit Arbeit,“ gegen jene falschen Apostel, die weder arbeiten noch Gefahren bestehen, wohl aber die Früchte einheimsen wollen. Wir aber, sagt er, leben nicht also, sondern strengen uns, neben den Gefahren von aussen, beständig mit Handarbeit an; und was noch mehr ist. Niemand kann uns vorwerfen, daß wir uns darüber beschweren und [S. 213] gegen Diejenigen murren, die uns verfolgen; denn unsern Feinden thun wir dafür Gutes. Das Große besteht nicht darin, daß wir Unrecht leiden, — denn das ist ja Allen gemein, — sondern darin, daß wir uns über das Unrecht nicht ängstigen und grämen.

1: Νουθεσία, admonitio. Arnoldi übersetzt es mit „Tugend“.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger