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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Zwölfte Homilie.

VII.

Alles Unbeil entspringt daher, daß wir für die Hausgenossen nicht sorgen; es genügt schon verächtlich zu sagen: „Es ist ein Knecht, es sind ja nur Mägde;“ obschon wir täglich hören: „In Christo Jesu ist kein Sklave, kein Freier.“1 Dein Pferd, deinen Esel verwahrlosest du nicht, sondern wendest Alles daran, daß sie nicht unbrauchbar werden: um deine Knechte aber, die eine Seele haben wie du, kümmerst du dich nicht, doch was nenne ich Knechte und Mägde, da du nicht einmal für deine Söhne und Töchter besorgt bist? Und was ist die Folge? Nothwendig muß bald Betrübniß eintreten, wenn Jene alle verkommen; oft aber entsteht auch der größte Verlust, wenn man im Tumulte und Gewirre des Volkes goldne Kleinode verliert. [S. 207] Wird nun in der Ehe ein Kindlein geboren, so sehen wir auch da wieder den nämlichen Unsinn und viele lächerliche Ceremonien. Denn soll dem Kinde ein Name gegeben werden, so legt man ihm nicht den Namen eines Heiligen bei, wie es die ersten Christen gethan, sondern zündet Kerzen an und gibt ihnen Namen, und nach derjenigen, die am längsten brennt, benennt man das Kind und prophezeit ihm daraus ein langdauerndes Leben. Wenn es nun aber frühzeitig stirbt, wie Dieß oft der Fall ist, so hat der Teufel große Freude daran, weil er die Erwachsenen wie Kinder geäfft hat. Und was soll man sagen von den Amuleten, den Schellen, die man ihm an die Hände bindet, und von dem Purpurfaden und allem andern Unsinn, während man dem Kinde Nichts anhängen sollte als das schützende Kreuz? Nun aber wird Derjenige verachtet, der die ganze Welt bekehrt, der dem Teufel eine tödtliche Wunde geschlagen und seine ganze Macht zertrümmert hat, und dafür wird dem Kinde ein Faden, ein Streifen und dergleichen Anhängsel als Schutzmittel gegeben. Soll ich noch Etwas sagen, was noch lächerlicher ist? Niemand möge mich der Unbescheidenheit beschuldigen, wenn ich auch davon noch rede; denn wer Unrath wegfegen will, darf kein Bedenken tragen, vorerst seine Hände mit Schmutz zu besudeln. Und was ist nun dieß Lächerliche? Dem Anscheine nach ist es Nichts, und darum seufze ich eben; — im Grunde aber ist es das Zeichen der äussersten Thorheit, des höchsten Wahnsinnes. Die Ammen und Wärterinen nehmen Koth im Bade und streichen denselben mit den Fingern dem Kinde auf die Stirne. Und wenn man nun fragt: „Wozu denn der Koth und der Lehm?“ so antworten sie: „Das hält das böse Auge, die Zauberei und den Neid ab.“ Ei, seht doch die Kraft und die Macht des Kothes und Lehmes! Der jagt das ganze Heer des Teufels in die Flucht! Sagt mir, verhüllet ihr nicht vor Scham das Gesicht? Seht ihr nicht endlich die Fallstricke des Teufels, wie er vom frühesten Alter allmälig seine argen Künste verbreitet? Besitzt der Koth eine solche Kraft, warum bestreichst denn du selbst [S. 208] nicht deine Stirne damit, da du im männlichen Alter stehst und mehr Neider hast als das Kind? Warum beschmierst du nicht den ganzen Leib mit Koth? Wenn er schon auf der Stirne eine solche Kraft hat, warum bestreichst du dich nicht von oben bis unten damit? Das ist ein lächerliches, satanisches Gaukelwerk, welches die Betrogenen nicht nur dem Spotte, sondern auch der Hölle preisgibt. Daß Dieß bei den Heiden geschieht, ist nicht zu verwundern; daß aber bei den Verehrern des Kreuzes, welche an den unaussprechlichen Geheimnissen Theil nehmen und eine so hohe Weisheit besitzen, ein so schändlicher Brauch herrscht, das ist höchst beweinenswerth. Gott hat dich einer geistigen Salbung gewürdigt, und du beschmutzest das Kindlein mit Koth! Gott hat dich großer Ehre gewürdigt, und du entehrest dich selbst! Das Kreuz, diesen unüberwindlichen Schirm solltest du dir auf die Stirne zeichnen, und du verschmähest dasselbe und verfällst auf jenes unsinnige Teufelszeug! Sollte dieses Einigen geringfügig scheinen, so mögen sie einsehen lernen, daß es Ursache großer Übel ist, und daß auch Paulus das Geringe nicht übersah. Denn sage mir, was scheint unbedeutender, als daß der Mann sein Haupt bedecke? Aber siehe, wie sehr er sich damit beschäftigt, und wie nachdrücklich er es verbietet, indem er unter Anderm auch sagt, daß der Mann durch Bedeckung sein Haupt entehre.2 Wenn er aber durch Bedeckung sein Haupt entehrt, wie? macht er dann durch diese Salbung mit Koth das Kind nicht abscheulich? Wie darfst du es wagen, dasselbe den Händen des Priesters darzubieten, damit er die Stirne, die du mit Koth bestrichen, mit dem Kreuze bezeichne? Nicht so, meine Brüder, nicht so! sondern bewaffnet eure Kinder von frühester Jugend an mit geistigen Waffen, und lehret sie, die Stirne mit dem Kreuz zu bezeichnen, und ehe sie das selber mit ihren Händchen vermögen, bekreuziget ihr die Stirne derselben! Und was soll man sagen von andern satanischen [S. 209] Gebräuchen, welche die Hebammen zu ihrem eigenen Verderben bei der Niederkunft und beim Wochenbett einführen? was von den Trauerklagen und dem sinnlosen Geheul beim Tode und bei der Leichenbestattung? was von der thörichten Sorge für Gräber und Denkmale? von der rasenden und lächerlichen Schaar der Klageweiber? von der Beobachtung der Tage, der Aus- und Eingänge? Also solcher Leute Beifall suchst du? Sage mir, ist das nicht der höchste Unsinn, nach dem Beifall so verdorbener Menschen zu jagen, du stets auf jenes immer wachende Auge und Gottes Urtheil hinschauen solltest in Allem, was du redest und thust? Jene Menschen werden uns mit ihrem Lobe nicht helfen können; Gott aber wird uns, wenn ihm unsere Werke gefallen, schon hienieden verherrlichen und am künftigen Gerichtstage jene unaussprechlichen Güter bescheren, derer wir alle theilhaftig werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, welchem mit dem Vater und dem Heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 210]

1: Gal. 3, 28.
2: I. Kor. 11, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger