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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Zwölfte Homilie.

IV.

So ergeht es uns auch wieder in Bezug auf das Böse: was nicht gut ist, sondern nur der Menge so vorkömmt, dem streben wir nach aus eben derselben Gewohnheit, so daß wir uns nach beiden Seiten verderben. Vielleicht scheinen diese Worte Vielen etwas dunkel; ich muß mich also deutlicher ausdrücken. Wenn wir — um das Gesagte zu wiederholen — Hurerei treiben, so fürchten wir mehr die Menschen als Gott. Da wir uns nun auf diese Weise ihnen unterworfen und sie zu unsern Gebietern gemacht haben, so scheint diesen, unsern Herren, Vieles böse, was in der That nicht böse ist, und das vermeiden wir nun ebenfalls. So scheint es z. B. Vielen schimpflich, in Armuth zu leben; und wir fliehen die Armuth, nicht als ob sie wirklich schimpflich wäre, und als wenn wir hievon überzeugt wären, sondern weil sie unsern Gebietern schimpflich vorkommt und wir diese fürchten. Ebenso betrachten es gar Viele als eine Schande und Erniedrigung, geschmäht und verachtet zu werden und keine Macht zu besitzen; und so fliehen wir auch Dieses, nicht weil wir selbst es verdammen, sondern nach dem Urtheil unsrer Gebieter. Auf der andern Seite stürzen wir uns in dasselbe Verderben. Denn der Reichthum scheint uns etwas Gutes zu sein; [S. 199] ebenso Glanz, Ehre und Ruhm, und so trachten wir auch wieder darnach, ohne die Natur der Sache untersucht zu haben, ob sie wirklich gut sei, sondern geleitet von der Meinung unsrer Gebieter. Unser Gebieter ist das Volk; dieser große Haufe aber ist ein grausamer Herr und harter Tyrann! Denn: es ist nicht einmal nöthig, daß er uns befehle, ihm zu gehorchen; es genügt, daß wir wissen, was er will, und wir thun es ohne Befehl; so groß ist unsere Zuneigung zu ihm. Gott ermahnt und droht alle Tage, und man hört nicht auf ihn; aber die regellose Menge und der Pöbel darf nicht erst befehlen, sondern braucht nur zu äussern, was ihm gefalle, und wir gehorchen sogleich in allen Stücken.

Aber, heißt es, wie kann man denn diesen Gebietern entrinnen? Dadurch, daß man verständiger handle als sie, daß man das Wesen der Dinge erforsche, das Urtheil der Menge verwerfe und vor Allem daran sich gewöhne, bei wahrhaft schändlichen Dingen nicht die Menschen, sondern jenes immerwachende Auge zu fürchten, bei guten Werken aber auf die von ihm versprochenen Kronen zu schauen. So werden wir dann auch in andern Dingen ihre Herrschaft nicht länger ertragen. Denn wer bei Ausübung des Guten sich mit dem Beifalle Gottes begnügt und die Menschen für unwerth erachtet, seine guten Werke zu kennen, der wird auch beim Gegentheile auf sie keine Rücksicht nehmen. Und wie, fragst du, soll das geschehen? Bedenke, was Gott ist, und was der Mensch; wen du verlassest und an wen du dich haltest, und bald wird Alles besser werden. Der Mensch ist ebenso sündhaft wie du, unterliegt demselben Gerichte, derselben Strafe. Der Mensch ist der Eitelkeit unterworfen, hat kein zuverlässiges Urtheil und bedarf der Zurechtweisung von oben. Der Mensch ist Staub und Asche; wenn er lobt, so lobt er oft ohne Grund, aus Schmeichelei oder aus Feindschaft; und wenn er lästert und anklagt, so thut er es aus derselben Stimmung. Nicht so Gott: sein Ausspruch ist tadellos, sein Urtheil unparteiisch. [S. 200] Darum muß man sich immer an ihn halten; jedoch nicht allein darum, sondern auch, weil er dich erschaffen, weil er schonender als Alle mit dir verfährt und dich mehr liebt, als du dich selbst zu lieben vermagst. Warum sollen wir denn seinen hehren Beifall verschmähen und uns einem Menschen zuwenden, dessen Beifall nichtig und grundlos und einfältig ist? Nennt dich Einer einen schlechten und gottlosen Menschen, und du bist es doch nicht? Beklage ihn deßhalb um so mehr, beweine ihn, weil er verderbt ist; verachte seinen Beifall, weil die Augen seines Geistes blind sind; denn auch die Apostel mußten Ähnliches hören, verlachten aber ihre Verleumder. Nennt er dich aber einen braven und rechtschaffnen Mann? Bist du es wirklich, so werde ja nicht stolz ob diesem Ruhme; bist du es nicht, so verachte ihn um so mehr und halte die Rede für Spott! Willst du wissen, wie verkehrt, wie schlecht und lächerlich die Urtheile der Meisten sind, wie sie theils den Urtheilen der Rasenden und Wahnsinnigen, theils denen der kleinen Kinder gleichen? Höre, wie das schon vor Alters gewesen. Ich will dir aber nicht nur die Meinungen des Volkes anführen, sondern auch die der ersten Gesetzgeber, welche für die Weisesten galten. Denn wer gilt vor der Menge für weifer als Derjenige, den man für würdig erachtet, Städten und Völkern Gesetze zu geben? Dennoch gilt diesen Weisen die Hurerei nicht für schlecht und strafwürdig. Kein heidnisches Gesetz bestraft dieselbe oder zieht sie vor Gericht; und wird Einer darob gerichtlich belangt, so lacht das Volk, und der Richter kann weiter Nichts thun. Auch das Würfelspiel ist bei ihnen erlaubt, und noch Niemand ist darum einer Strafe verfallen. Trunkenheit und Sckwelgerei ist nicht nur kein Laster, sondern gilt bei Vielen als ganz in der Ordnung: und bei Soldaten-Gelagen wird hierin förmlich in die Wette gestritten, und die am meisten des Verstandes und der Körperstärke bedürften, überlassen sich vorzugsweise der Tyrannei der Trunkenheit, zerrütten den Leib und verfinstern die Seele. Und kein Gesetzgeber strafte dieß Laster.

[S. 201]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger