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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Zwölfte Homilie.

III.

Siehe da die Klugheit des Paulus! Eben das, womit er zu gelegener Zeit sich selber rühmt und sich in seiner Hoheit und Würde darstellt, benutzt er jetzt, um sie zu beschämen, indem er sich einen Verurtheilten nennt. Soviel kommt darauf an, Alles zur rechten Zeit zu thun. Unter den „dem Tode Geweihten“ versteht er jene Schuldigen, die tausendmal den Tod verdient haben. „Da wir ein Schauspiel geworden sind der Welt und den Engeln und Menschen.“ Was heißt das: „Wir sind der Welt ein Schauspiel geworden“? Es heißt: Nicht in [S. 196] einem Winkel, nicht in einem kleinen Theile der Erde leiden wir Dieses, sondern überall und bei allen Menschen. Was heißt aber: „den Engeln“? In gemeinen Dingen mag man wohl den Menschen ein Schauspiel sein, nicht aber den Engeln; allein unsere Kämpfe sind der Art, daß sie auch den Engeln ein würdiges Schauspiel darbieten. Siehe, wie er sich wieder rühmt in dem, wodurch er sich erniedriget hat, und wie er Jene erniedrigt durch Das, womit sie sich brüsteten. Weil es niedriger schien, thöricht, schwach und verachtet, als weise, geehrt und ruhmvoll zu sein, und weil er dieß Letztere ihnen zuerkennt, für sich aber das Erstere wählt; so zeigt er, daß Dieses vor Jenem den Vorzug verdiene, weil es nicht nur die Blicke der Menschen, sondern selbst die der Engel auf sich ziehe. Denn wir haben nicht nur mit Menschen zu kämpfen, sondern auch mit unkörperlichen Mächten;1 darum steht eine große Schaubühne vor uns.

10. Wir sind thöricht um Christi willen, ihr aber verständig in Christo.

Das sagt er wieder, um sie zu beschämen und zu zeigen, daß diese Gegensätze nicht stattfinden können, und daß so ganz verschiedene Dinge bei ihnen nicht vereinbarlich seien. Denn wie ist es möglich, sagt er, daß ihr Aufgeklärte sein solltet, wir aber Thoren in Dem, was Christus angeht? Dieses sagt er, weil sie Schläge, Erniedrigung und Schmach erduldeten und dabei für Nichts geachtet, Jene hingegen geehrt und von Vielen für weise und kluge Männer angesehen wurden. Wie ist es möglich, daß Diejenigen, die eine solche Lehre predigen, ganz für das Gegentheil von Dem, was sie sind, angesehen werden? „Wir sind schwach, ihr aber seid stark,“ das heißt: Wir werden umhergetrieben und verfolgt; ihr aber lebt in Ruhe und aller Bequemlichkeit; — das ist aber mit der Natur des Predigtamtes un- [S. 197] verträglich. „Wir sind verachtet, ihr aber hoch geehrt.“ Hier berührt er die Vornehmen, die sich viel auf äussere Dinge einbildeten.

11.12. Bis zur Stunde hungern und dürsten wir und sind entblößt und werden in’s Gesicht geschlagen und sind heimathlos und plagen uns, arbeitend mit eigener Hand.

Das heißt: Ich erzähle keine alten Geschichten, sondern was die Gegenwart bezeugt; denn wir achten gar nicht auf irdische Dinge und nicht auf äussern Glanz; auf Gott allein sind unsere Blicke gerichtet. Das sollen wir denn auch überall thun; denn nicht nur die Engel schauen auf uns, sondern mehr noch als diese der Kampfrichter selbst. Wir bedürfen also keiner andern Lobspender. Denn das heißt ihn beschimpfen, wenn wir ihn, gleichsam als genügte sein Beifall uns nicht, verschmähen und uns an die Mitknechte wenden. Denn gleichwie Diejenigen, die auf einem kleinen Kampfplatze fechten, nach einem größern trachten, da ihnen jener nicht groß genug scheint, sich auszuzeichnen: so ziehen sich auch Diejenigen große Strafe zu, die vor Gottes Auge kämpfen, dann aber nach Menschenlob haschen, den größern Ruhm verschmähen und dem geringern nachlaufen. Das ist es eben, was Alles unter sich und über sich kehrt und die ganze Welt verwirrt, daß wir Alles aus menschlichen Rücksichten thun, so daß wir uns, wenn wir Gutes thun, um den Beifall Gottes nicht kümmern, sondern nur nach Menschenlob trachten und, wenn wir Böses thun, wiederum ihn mißachten und vor den Menschen uns fürchten. Und doch werden diese mit uns vor jenem Richterstuhl erscheinen und uns nicht helfen können; aber Gott, den wir jetzt verschmähen, wird über uns das Urtheil fällen. Obwohl wir Dieses wissen, gaffen wir dennoch verwundernd die Menschen an, und das ist die erste Sünde. Niemand, so sehr er auch von böser Lust entbrannt ist, würde es wagen, unter den Augen eines Menschen Hurerei zu treiben; [S. 198] die Tyrannei der Leidenschaft wird durch die Scham vor den Menschen besiegt: unter den Augen Gottes aber treibt man nicht nur Hurerei und Ehebruch, sondern Viele wagten und wagen auch andere, weit abscheulichere Schandthaten. Ist nun Dieß nicht schon allein hinreichend, tausend Blitze vom Himmel herabzuziehen? Und was rede ich von Hurerei und Ehebruch? Weit geringere Sünden als diese scheuen wir uns zu begehen vor den Augen der Menschen, unter den Augen Gottes nicht also. Daher ist alles Unheil entstanden, daß wir bei wirklich sündhaften Dingen nicht Gott, sondern die Menschen fürchten. Darum fliehen wir auch, was wahrhaft gut ist, weil es dem großen Haufen nicht so erscheint, und untersuchen nicht das Wesen der Dinge, sondern schauen auf den Beifall der Menge.

1: Ephes. 6, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger