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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Elfte Homilie.

I.

3. 4. Mir aber ist es das Geringste, von euch oder von einem menschlichen Gerichtstage gerichtet zu werden, und ich richte mich auch selbst nicht (denn ich bin mir zwar selbst Nichts bewußt, aber darum noch nicht gerechtfertigt); der mich richtet, ist der Herr.

I. Ich weiß nicht, wie mit andern Übeln auch die Krankheit der Spähsucht und des unzeitigen Einmischens in fremde Händel sich der menschlichen Natur bemächtiget hat. Strafend äusserte sich darüber auch Christus: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“1 Diese (Siinde) ist auch nicht, wie die übrigen Sünden, mit irgend einer Wollust verbunden, sondern hat nur Strafe und Rache zur Folge. Denn während wir zahllofe Fehler an uns haben und Balken in den Augen, sind wir scharfe Ausspäher der Fehler unseres Nebenmenschen, Fehler, die sich von Splittern gar nicht unterscheiden. So machten es auch die Korinther. Fromme und gottselige Männer verspotteten und verstießen [S. 173] sie wegen Mangels an Wissenschaft; andere aber, die sich zahlloser Sünden schuldig gemacht, schätzten sie hoch wegen ihrer Beredsamkeit. Wie wenn sie dazu als Richter bestellt gewesen wären, sprachen sie dann kühn: „Der ist ein würdiger Mann, dieser noch trefflicher als jener; dieser steht jenem nach, jener ist besser;“ und anstatt ihre eigenen Fehler zu beweinen, richteten sie über fremde, und erregten dadurch heftige Kämpfe. Sieh’ nun, wie Paulus, um diese Krankheit zu heben, sie auf kluge Weise zurechtweist. Denn nachdem er gesagt hat: „Hier wird nun von den Verwaltern (Ausspendern) gefordert, daß Jeder treu erfunden werde,“ — wodurch er Anlaß zum Ausforschen und Richten über den Wandel eines Jeden zu geben schien, was dann Parteiung erzeugte; — so lenkt er sie, damit sie nicht in denselben Fehler fielen, von dieser Zänkerei ab mit den Worten: „Mir aber ist es das Geringste, von euch gerichtet zu werden.“ Er spricht hier abermals von seiner eigenen Person. Was heißt aber Das: „Mir aber ist es das Geringste, von euch oder einem menschlichen Gerichtstage gerichtet zu werden“? Er will sagen: Ich halte es unter meiner Würde, von euch gerichtet zu werden, ja was sage ich, von euch? von jedem Andern, wer er auch sei. Niemand wolle jedoch den Paulus des Übermuthes beschuldigen, wenn er keinen Menschen für würdig erachtet, über ihn zu Gericht zu sitzen. Denn erstlich sagt er Das nicht seinetwegen, sondern um Andere ihrem feindseligen Urtheile zu entziehen. Ferner bezieht er Dieses nicht nur auf die Korinther, sondern erklärt sich selbst für inkompetent zu einem solchen Urtheile, indem er sagt, er selbst lasse sich nicht beigeben, ein solches Urtheil zu fällen: „Und ich richte mich auch selbst nicht.“ Zudem muß man auch die Ursache erforschen, warum er Dieses gesagt hat. Denn er weiß oft auch über sich rühmlich zu sprechen, was aber nicht aus Stolz oder Hochmuth, sondern in bester Absicht geschieht. Auch hier redet er nicht so, um sich zu erheben, sondern um Andere bescheiden zu machen und den heiligen (Lehrern) Ansehen zu verschaffen. Denn daß er [S. 174] sehr demüthig gewesen, kannst du aus jener Stelle entnehmen, in welcher er das Zeugniß seiner Feinde über sich selber anführt: „Seine persönliche Gegenwart ist kraftlos, und sein Vortrag erbärmlich.“2 Und wieder: „Zuletzt von Allen erschien er auch mir, wie einer unzeitigen Geburt.“3 Aber sieh’, wie dieser Demüthige, wenn es die Zeit fordert, den Muth seiner Schüler erbebt, aber nicht Übermuth lehrt, sondern eine vernünftige Selbstschätzung empfiehlt. Denn er spricht also zu ihnen: „Und wenn durch euch die Welt gerichtet wird, seid ihr nicht würdig, die geringsten Dinge zu richten?“4 Der Christ soll gleich weit von Prahlsucht wie von Schmeichelei und Niederträchtigkeit entfernt sein. Wenn Jemand sagt: Ich achte das Geld für Nichts; alles Gegenwärtige gilt mir als Schatten und Traum und kindischer Tand: so werden wir ihn doch nicht des Übermuthes beschuldigen? Sonst müßten wir auch den Salomon des Stolzes zeihen, welcher darüber also philosophirt und spricht: „O Eitelkeit über Eitelkeit! Alles ist eitel!“5 Das sei ferne, die Weisheit mit dem Namen Übermuth zu belegen! Jene Dinge verachten, ist nicht Stolz, sondern Seelengröße; und doch sehen wir Könige, Fürsten und Obrigkeiten daran kleben, während oft ein weiser Bettler dieselben verachtet; und wir nennen ihn darum nicht stolz, sondern hochherzig: im Gegentheil nennen wir Denjenigen, der mit ganzer Seele daran hängt, nicht demüthig und bescheiden, sondern schwach, engherzig und unedel. Wenn irgend ein Sohn die Güter des Vaters verachtete, und die eines Sklaven bewunderte, so würden wir ihn nicht als demüthig preisen, sondern niederträchtig und sklavisch schelten; bewundern aber würden wir ihn, wenn er diese Güter verachten und die des Vaters hochschätzen würde. Denn es ist Wahnsinn, sich für besser als Seinesgleichen zu halten; [S. 175] aber die Sache von der rechten Seite beurtheilen, ist nicht Hochmuth, sondern Weisheit.

1: Matth. 7, 1.
2: II. Kor. 10, 10.
3: I. Kor. 15, 8.
4: Ebd. 6, 2.
5: Pred. 1, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger