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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Elfte Homilie.

VI.

Wer ist so thierisch, daß er dadurch nicht gerührt wird ? Wer so grausam und unmenschlich, daß ihn eine solche Lage nicht zum Mitleide stimmt? Und doch gibt es Einige, die so grausam sind, daß sie sagen, es widerfahre ihnen Recht. Während es doch ihre Pflicht wäre, sich ihrer zu erbarmen, sie zu beweinen und ihr Elend zu mildern: machen sie ihnen [S. 186] grausame und unmenschliche Vorwürfe. Solche Menschen möchte ich gerne fragen: Warum leiden denn Jene mit Recht? Weil sie Nahrung heischen und nicht Hungers sterben wollen? Nein, heißt es, sondern weil sie faul sind. Du aber, bist du nicht ein müssiger Schwelger? Wie! Treibst du nicht oft Geschäfte, die ärger sind als aller Müssiggang, da du dich durch Raub und Gewaltthätigkeit zu bereichern strebst? Es wäre besser, wenn auch du einen solchen Müssiggang triebest; denn so müssig gehen ist besser als gewinnsüchtig sein. Nun aber spottest du sogar über das Unglück Anderer, während du nicht nur müssig gehst, nicht nur Dinge treibst, die ärger sind als Müssiggang, sondern den Unglücklichen sogar Vorwürfe machst. — Erzählen wollen wir dann auch die Unglücksfälle Anderer: wie Manche früh verwaisten, Manche in den Kerker geworfen, Andere vor Gericht gefoltert wurden, wieder Andere in Lebensgefahr geriethen; wie Weiber plötzlich zu Wittwen geworden, wie schnell sich das Glück der Reichen gewandt hat: und durch solche Furcht werden wir die Herzen denselben erweichen. Denn indem wir ihnen fremdes Unglück erzählen, werden wir ihnen die Ueberzeugung beibringen, daß sie dasselbe wohl auch für sich selber zu fürchten haben. Denn wenn sie hören: „Dieser ist der Sohn jenes Geizigen, jenes Raubsüchtigen; das Weib jenes tyrannischen Mannes hat nach dem Tode desselben tausendfache Leiden erduldet, da Diejenigen, denen er Unrecht gethan, sie und die Kinder angriffen und gemeinschaftlich von allen Seiten sein Haus bekriegten;“ — so wird auch der allergefühlloseste Mensch für sich und die Seinen ähnliche Leiden befürchten und mildere Gesinnungen annehmen. Das Leben bietet uns solcher Beispiele in Hülle und Fülle, und der Stoff zu solcher Belehrung wird uns nicht fehlen. Wenn wir aber solche Reden führen, so müssen wir, um nicht lästig zu werden, den Schein des Ermahnens und Rathens vermeiden, und nur erzählungsweife vorgehen und so, als wären wir gerade durch etwas Anderes darauf geführt worden. Beständig müssen wir ihnen solche Dinge erzählen und kein anderes [S. 187] Gespräch von ihrer Seite aufkommen lassen. Man erzähle z. B., wie jenes berühmte und angesehene Haus berabgekommen, wie es so verlassen stehe, da Alles, was darin war, in fremde Hände übergegangen; wieviel man täglich vor Gericht über jenes Vermögen, jene Geschäfte verhandelt; wie viele Diener jenes Reichen theils zu Bettlern wurden, theils im Gefängnisse starben. Und Das alles wollen wir so erzählen, daß wir den Verstorbenen bemitleiden, und das Gegenwärtige in seiner Richtigkeit darstellen, damit wir sein hartes Herz sowohl durch Furcht als durch Mitleid erweichen. Und wenn wir dann leben, daß sie durch dergleichen Erzählungen in sich gehen, alsdann wollen wir zu ihnen auch von der Hölle reden, nicht als wollten wir sie dadurch erschrecken, sondern nur Andere bedauren. Wir wollen z. B. sagen: Was brauchen wir von den gegenwärtigen Dingen zu reden? Es ist ja mit diesem unsern Leben nicht abgethan, sondern es wartet auf solche Menschen eine härtere Züchtigung: ein feuriger Strom, ein giftiger Wurm, eine endlose Finsterniß, ewige Strafen.

Wenn wir die Zuhörer durch solche Erzählungen ergötzen, werden wir uns selbst und ihnen nützen, sie bald von jener Krankheit befreien, und wir werden an jenem Tage Gott zum Lobredner haben, wie auch Paulus spricht: „Und dann wird einem Jeden sein Lob werden von Gott.“1 Denn der Ruhm von Seite der Menschen zerfließt und wird oft nicht in guter Absicht gespendet. Der Ruhm vor Gott aber währt ewig und ist hellglänzend. Denn wenn Jener lobt, der Alles weiß, noch ehe es geschieht, und der ohne Leidenschaft ist, so ist das Zeugniß der Tugend über allem Zweifel erhaben. Da wir nun Dieses wissen, wollen wir so handeln, daß wir von Gott [S. 188] gelobt und der höchsten Güter theilhaftig werden durch die Gnade und die Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 189]

1: I. Kor. 4, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger