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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Elfte Homilie.

IV.

Welche Sünde sollen wir zuerst untersuchen, um dir zu zeigen, daß es mit derselben sich also verhalte. Gleichwie nämlich Räuber und Diebe,1 wenn sie Kostbarkeiten zu stehlen vorhaben, erst das Licht auslöschen und dann ihr Handwerk beginnen: so ergeht es auch dem verdorbenen Verstande der Sünder. Denn auch in uns leuchtet beständig das Licht der Vernunft. Wenn aber der Geist der Unzucht mit Gewalt und Ungestüm eindringt und jenes Licht auslöscht, so bedeckt er sogleich die Seele mit Finsterniß, überwältiget sie und raubt ihr sofort Alles, was sie besitzt. Denn sobald die Seele von einer wollüstigen Begierde erfaßt wird, so umhüllt Finsterniß das Auge des Geistes, [S. 181] wie Nacht und Dunkel das körperliche Auge bedeckt, und läßt die Seele Nichts weiter mehr sehen, weder Abgrund noch Hölle, noch Furcht, und von dieser feindlichen Macht einmal beherrscht, wird sie dann leicht eine Beute der Sünde; und gleich einer hohen Wand, die ohne Fenster vor den Augen aufgeführt ist, läßt (diese Finsterniß) keinen Strahl von dem Lichte der Gerechtigkeit in den Geist einfallen, weil die Gedanken der schändlichen Lust denselben allseitig umgeben. Einem solchen Menschen begegnet nun überall die feile Dirne; seinen Augen, seiner Einbildungskraft, seinen Gedanken stellt sich ihr Bild dar; und so wenig die Blinden am hellen Mittag das Tageslicht sehen, weil ihre Augen geschlossen sind, so verschließt auch dieser, obgleich ihm tausend heilsame Lehren von allen Seiten beigebracht werden, vor allen solchen Reden die Ohren, weil seine Seele eine Sklavin jener Leidenschaft ist. Und das wissen Diejenigen gar wohl, die es erfuhren. Ferne sei, daß ihr aus eigener Erfahrung es wisset!

Jedoch nicht diese Sünde allein, sondern jede ungeordnete Liebe hat diese Wirkung. Wählen wir, wenn es Euch beliebt, anstatt der Buhlerin das Geld zum Gegenstande unserer Rede, und wir werden auch hier eine dichte und anhaltende Finsterniß sehen. Denn dort ist die Leidenschaft nicht so mächtig, weil der Gegenstand nur Einer ist und an Einem Orte. Aber bei dem Gelde, das sich überall darstellt, — in den Werkstätten der Gold- und Silberarbeiter, in den öffentlichen Herbergen, in den Wohnungen der Reichen, entbrennt überall heftige Begierde. Wenn nun Jemand, der an dieser Leidenschaft krankt, auf dem Markte die stolz einher trabenden Diener, die mit Gold gezierten Pferde, und die in prächtigen und kostbaren Kleidern drängenden Menschen erblickt, so wird seine Seele in dichtes Dunkel gehüllt. Und was brauche ich von den Wohnungen und Werkstätten der Silberarbeiter zu reden? Jene Menschen, glaube ich, gerathen schon in Wuth, werden wild und traurig, wenn sie den Reichthum auch nur in Schrift und [S. 182] Bild vor Augen haben, so daß Finsterniß sie von allen Seiten umgibt. Wenn sie das Bild des Kaisers sehen, so bewundern sie nicht die Schönheit der Edelsteine, nicht das Gold, nicht das Purpurgewand, sondern sie schmachten darnach; und wie jener Verliebte, wenn er das Bild der Buhlerin sieht, am leblosen Gegenstand hängt, so wird auch bei Diesem, wenn er das leblose Bild des Reichthums erblickt, die Sache noch ärger, weil seine Leidenschaft tyrannischer ist. Nun muß er entweder zu Hause bleiben, oder, wenn er sich auf den Markt wagt, tausend Wunden heimtragen: denn es gibt viele Dinge, die ihm schmerzlich unter die Augen gerathen. Und wie Jener nichts Anderes sieht als die Dirne, so wendet auch dieser seine Blicke weg von den Armen und Allem, was ihm Trost bieten könnte, und bettet sie nur auf die Reichen, und leitet durch den Anblick derselben in seine Seele ein gewaltiges Feuer. Wirklich ist das ein Feuer, welches Denjenigen, der hineinstürzt, schrecklich verzehrt; und wäre keine Hölle und keine Strafe gedroht, so wäre das Gegenwärtige schon Strafe genug, nämlich beständig gefoltert zu werden, und an einer endlosen Krankheit zu leiden; und das allein sollte hinreichend sein, die Menschen zu bewegen, dieses Übel zu fliehen. Es gibt aber keinen ärgern Wahnsinn, als sich an Dinge hingeben, die keinen Gewinn, sondern nur Traurigkeit bringen. Daher bitte ich, diese Leidenschaft gleich Anfangs zu vertilgen. Denn gleichwie das Fieber im Anfang die Kranken nicht heftig mit Durst quält, aber im Zunehmen größere Hitze und unersättlichen Durst verursacht, so daß man die Hitze vergrößert, je mehr man sie durch Trinken zu löschen versucht: so geschieht das auch bei dieser Krankheit: Wenn wir ihr den Eingang in unsere Seele gestatten, sie nicht gleich Anfangs abhalten, und ihr die Thüre verschließen, so wird sie endlich bei denjenigen, die ihr Einlaß gewährt, ein unheilbares Übel. Denn das Gute und das Böse gewinnt bei längerer Dauer in uns immer größere Macht.

1: Τοιχωρύκραι (τοιχωρύχοι), wörtlich: Mauer- oder Wanddurchbrecher.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger