Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Elfte Homilie.

III.

Und wenn es schon schwer gefehlt ist, die begangene Sünde nicht zu bereuen, welche Strafe gebührt dann Dem- [S. 178] jenigen, der bei seinen Vergehungen noch aufgebläht ist? Denn wenn schon Derjenige, der sich ob seiner guten Werke erhebt, nicht rein ist, welche Verzeihung soll nun erhalten, wer ob seiner Missethaten sich aufbläht? Weil nun der Unzüchtige so beschaffen, und seine Seele durch die Sünde unverschämt und unbeugsam geworden war, so demüthigt er nothwendiger Weise zuerst dessen Stolz. Er rückt jedoch mit der Anklage nicht gleich Anfangs heraus, damit Jener, als vor den Andern angeklagt, nicht das Schamgefühl abwerfe; aber auch nicht zuletzt, damit er nicht glaube, es sei das, was ihm galt, nur so nebenher gesagt; sondern er flößt ihm vorerst durch die freimüthige Rüge der Andern große Furcht ein, dann kömmt er auf ihn, nachdem er seinen Stolz durch die Zurechtweisung der Andern erschüttert hatte. Denn eben diese Worte: „Ich bin mir keiner (Sünde) bewußt, aber darum bin ich noch nicht gerechtfertigt;“ und jene: „Der mich richtet, ist der Herr,“ der auch das im Finstern Verborgene an’s Licht bringen und die Gesinnungen der Herzen aufdecken wird, — enthalten eine scharfe Rüge gegen ihn und Diejenigen, die ihm beistimmten, die Heiligen1 aber geringschätzten. Was ist es also, sagt er, wenn auch Einige äusserlich tugendhaft und bewunderungswürdig erscheinen? Jener Richter urtheilt nicht bloß über das Äussere, sondern zieht auch das Geheime an’s Licht. — Unser Urtheil ist also aus zwei, oder eigentlich aus drei Gründen nicht richtig. Erstens, weil wir selbst dann, wann wir uns Nichts bewußt sind, eines Andern bedürfen, der uns unsere Fehler genau vor Augen stellt. Zweitens, weil uns das Meiste, was geschieht, unbekannt und verborgen bleibt; und drittens endlich, weil uns manche Handlung Anderer als tugendhaft erscheint, während sie doch nicht aus echter Gesinnung hervorgeht. Warum sprecht ihr also: Dieser oder Jener [S. 179] hat gar keinen Fehler; Dieser ist besser als Jener? Denn so darf man nicht absprechen, nicht einmal über Denjenigen, der sich keiner (Sünde) bewußt ist: Denn nur Derjenige, welcher das Verborgene richtet, urtheilt gerecht. Darum siehe, „ich bin mir zwar keiner (Sünde) bewußt, aber damit bin ich noch nicht gerechtfertigt“, d. h. ich bin noch nicht frei von Verantwortlichkeit und Schuld. Er sagt damit nicht: „Ich bin nicht aus der Zahl der Gerechten“, sondern: „Ich bin noch nicht rein von Sünde.“ Auch anderswo sagt er: „Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertiget von der Sünde,“2 d. h. er ist davon befreit. Zwar thun wir auch viel Gutes, aber nicht aus reiner Absicht. So loben wir Viele, nicht in der Absicht, sie zu verherrlichen, sondern dadurch Andere zu kränken. Da ist nun die That an und für sich gut (denn es wird der Brave gelobt), die Absicht aber schlecht; denn sie entsteht aus teuflischer Gesinnung. So handelt Mancher oft, nicht weil er sich mit dem Nebenmenschen erfreut, sondern weil er die Absicht hat, einem Andern wehe zu thun. Und wieder, es hat Jemand eine schwere Sünde begangen; ein Anderer, der ihn stürzen will, sagt, er habe ja Nichts gethan, und tröstet den Sünder, indem er sich auf die menschliche Sckwachheit beruft. Dieß thut er aber oft, nicht aus Mitleid (gegen den Fehlenden), sondern um ihn träger zu machen. So greift auch manchmal Einer den Andern an, nicht um ihn zurechtzuweisen und zu ermahnen, sondern um dessen Fehler öffentlich bekannt zu machen und zu vergrößern. Die Absichten selber aber kennen die Menschen nicht; der aber die Herzen durchforscht, kennt sie genau, und wird einst Dieß alles an’s Licht bringen. Deßwegen sprack er: „Welcher auch das im Finstern Verborgene an’s Licht bringen und die Gesinnungen der Herzen aufdecken wird.“ Wenn wir also selbst dann, wenn wir uns Nichts vorzuwerfen haben, nicht von aller Schuld frei sind, [S. 180] und auch dann Strafe verdienen, wenn wir unsere guten Werke nicht in guter Absicht verrichten: so bedenke, wie sehr sich die Menschen in ihren Urtheilen täuschen müssen. Das alles können Menschen nie erreichen, sondern nur jenes Auge, das nimmer schläft; dieses werden wir nie hintergehen, wenn wir auch die Menschen betrügen. Sprich also nicht: „Finsternis und Wände umgeben mich; wer sieht mich?“3 Denn wer das Herz eines Jeden von uns gebildet hat, der weiß Alles, und die Finsterniß verfinstert Nichts vor ihm. Jedoch mit Recht spricht der Sünder: „Finsterniß, und Wände umgeben mich;“ denn wäre nicht Finsterniß in seiner Seele, so würde er nicht die Gottesfurcht verkennen und so verwegen handeln. Wäre nicht erst der Verstand verfinstert, so fände die „Sünde keinen so freien Eingang.“ Sprich also nicht: Wer sieht mich? Denn es gibt Einen, der Seele und Geist, Mark und Gebein durchdringt; du aber siehst dich selber nicht und kannst das Gewölk nicht durchdringen, sondern, wie von einer Mauer rings umschlossen, vermagst du nicht zum Himmel zu schauen.

1: Τοὺς δὲ ἁγίους ἐξουθενούντων. Arnoldi übersetzt: die Lehrer.
2: Röm. 6, 7.
3: Sirach 23, 27.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homilie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. . V.
. . VI.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie. ...
. VierzehnteHomilie. ...
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechzehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger