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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Neunte Homilie.

I.

12. 13. 14. 15. Wenn nun Jemand auf diesen Grund fortbauet, Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stoppeln, so wird eines Jeden Werk offenbar werden; denn der Tag (des Herrn) wird es zeigen; die Feuerprobe wird entscheiden, wie eines Jeden Werk beschaffen ist. Hat das Werk, das Jemand darauf gebaut hat, Bestand, so wird er Lohn erhalten; geht aber Jemandens Werk in Feuer auf, so wird er Schaden leiden; er selbst wird wohl gerettet werden, doch nur wie durch das Feuer.

I. Nicht unbedeutend für uns ist der vorliegende Gegenstand; er gehört vielmehr unter die allerwichtigsten Fragen, die alle Menschen stellen: ob das Feuer der Hölle ein Ende nehme. Daß es kein Ende nimmt, hat Christus ausgesprochen mit den Worten: „Ihr Feuer wird nicht erlöschen, und ihr Wurm nicht sterben.“1 Ich weiß zwar, daß euch [S. 147] diese Worte erschrecken; aber was soll ich thun? Denn Gott befiehlt, Dieß ohne Unterlaß zu predigen, indem er spricht: „Verkünde diesem Volke!“ Wir aber sind als Diener des Wortes aufgestellt und müssen nothwendiger Weise, wiewohl ungerne, den Zuhörern lästig fallen. Jedoch wenn ihr wollt, so werden wir euch nicht lästig sein; „denn,“ heißt es, „thust du, was recht ist, so fürchte nicht!“2 Ihr könnt uns also nicht nur ohne Abneigung, sondern auch mit Vergnügen anhören.

Daß jenes Feuer kein Ende nehme, hat Christus selbst ausgesprochen, sowie auch Paulus zeigt, daß die Strafe ewig sei, indem er sagt, daß die Sünder „Strafe und ewiges Elend erleiden werden“;3 und wieder: „Täuschet euch nicht! Weder Hurer noch Ehebrecher noch Weichlinge werden das Himmelreich besitzen.“4 Und zu den Hebräern spricht er: „Strebet nach Frieden mit Allen und nach der Heiligkeit, ohne welche Niemand den Herrn sehen wird.“5 Auch Christus spricht zu Denjenigen, welche da sagten: „In deinem Namen haben wir viele Wunder gewirkt:“ „Weg von mir, ihr Übelthäter, ich kenne euch nicht.“6 So wurden auch die Jungfrauen ausgeschlossen und nicht eingelassen; und von Denjenigen, die ihn nicht gespeist, sagt der Herr: „Sie werden der ewigen Strafe verfallen.“7 Sage mir nicht: Wie wird denn aber auf die Gerechtigkeit Rücksicht genommen, wenn die Strafe kein Ende nimmt? Denn wenn Gott Etwas thut, so gehorche seinem Ausspruch und unterwirf die Worte nicht menschlichen Spitzfindigkeiten. Wie sollte es übrigens ungerecht sein, wenn Derjenige, welcher Anfangs zahllose Wohlthaten empfing dann aber strafwürdig handelt und sich weder durch Drohungen noch Wohlthaten bessern läßt, der Strafe verfällt? Wenn du [S. 148] nach dem Rechte fragst, so hätten wir nach Recht und Billigkeit gleich Anfangs zu Grunde gehen müssen; ja es wäre auch damals nicht bloß recht und billig gewesen, wenn uns Das begegnet wäre: es wäre sogar ein Zeichen der Liebe gewesen; denn wenn Jemand einen Andern beschimpft, der ihm Nichts zu Leide gethan, so ist es ganz recht, daß er bestraft werde. Wenn aber Jemand den Wohlthäter, dem er nie etwas Gutes gethan, der aber ihm unzählige Gutthaten erwiesen, und welcher der einzige Grund seines Daseins und Gott ist, der ihm das Leben gegeben und die Seele eingehaucht und tausend Gnaden erzeigt hat und ihn in den Himmel aufnehmen will, — wenn Jemand diesen nach so großen Wohlthaten nicht nur beschimpfte, sondern ihn auch Tag für Tag durch seine Werke verhöhnte: welcher Verzeihung wär’ er wohl würdig? Siehst du nicht, wie Gott den Adam wegen einer einzigen Sünde bestraft hat? „Ja“, sagst du, „Diesem hatte er das Paradies gegeben und große Liebe erwiesen.“ Und dennoch ist es nicht gleich, im Glücke zu sündigen oder dieses mitten in großem Unglück zu thun. Darin liegt das Schlimme, daß du nicht im Paradiese sündigest, sondern umgeben von tausendfachen Drangsalen des gegenwärtigen Lebens, und daß du dich durch dieses Unglück dennoch nicht besserst, gerade so, als ob ein Gefesselter noch Missethaten verübte. Dir aber hat Gott Größeres versprochen als das Paradies, aber es dir noch nicht gegeben, auf daß du in der Zeit des Kampfes nicht sorglos werdest; doch hat er es dir auch nicht verborgen, damit du den Mühsalen nicht erliegest. Adam hat nur eine Sünde begangen und dadurch den Tod über Alle gebracht; wir aber begehen täglich zahllose Sünden. Wenn nun Jener durch eine einzige Sünde sich ein so großes Übel zugezogen und den Tod (in die Welt) gebracht hat: was werden wir nicht zu leiden haben, die wir beständig in Sünden leben und statt des Paradieses den Himmel erwarten? Diese Rede ist hart und betrübt die Zuhörer; Das weiß ich aus Dem, was ich selber fühle; denn mein Herz ist unruhig und bebt; und je mehr ich ein- [S. 149] sehe, daß die Lehre von der Hölle gegründet ist, desto mehr ergreift mich Furcht und Zittern. Allein es ist nothwendig, Dieses zu sagen, damit wir nicht in die Hölle kommen. Du erhältst nicht das Paradies, nicht Bäume, nicht Pflanzen, sondern den Himmel und himmlische Güter. Wenn nun Derjenige, welcher weniger empfangen hat, ohne Schonung verurtheilt wurde, um so mehr werden wir, die wir mehr gesündiget haben und zu höhern Gütern berufen sind, die härteste Strafe erdulden. Bedenke nun, wie lange unser Geschlecht wegen einer Sünde dem Tode unterworfen ist. Mehr als fünftausend Jahre sind verflossen, und der Tod hat noch nicht aufgehört wegen der einen Sünde. Auch können wir nicht sagen, daß Adam die Propheten gehört, daß er Andere vor sich gehabt, die wegen ihrer Sünden gestraft worden, und daß er dadurch abgeschreckt und durch dieses Beispiel hätte klüger werden sollen: er war damals der Erste und allein, und dennoch wurde er gestraft; du aber kannst nichts Ähnliches vorschützen, da du nach so vielen Beispielen schlimmer geworden, da du, eines solchen Geistes gewürdigt, nicht nur einer, zweier oder dreier, sondern unzähliger Sünden dich schuldig gemacht hast.

Darauf darfst du nicht sehen, daß die Sünden in ganz kurzer Zeit begangen werden, und darfst nicht wähnen, es werde darum auch die Strafe nur kurze Zeit dauern. Siehst du nicht, daß oft Menschen wegen eines Diebstahls, eines Ehebruches, wegen eines kurzen Frevels — ihr ganzes Leben in Gefängnissen und in Bergwerken — stets mit Hunger und tausendfachem Tode kämpfend — zubringen müssen? Und Niemand befreit sie, Niemand sagt, das Verbrechen sei nur augenblicklich gewesen, und deßwegen dürfe die Strafe auch nur so lange dauern als der Frevel.

1: Mark. 9, 44.
2: Röm. 13, 3.
3: II. Thess. 1, 9.
4: I. Kor. 6, 9.
5: Hebr. 12, 14.
6: Matth. 7, 22. 23.
7: Ebd. 25, 46.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger