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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Achte Homilie.

V.

Willst du wissen, wie gut unser Herr ist? Der Zöllner ging (zum Tempel) hinauf, belastet mit zahllosen Sünden; er sprach nur; „Sei mir gnädig!“1 und ging gerechtfertigt! von dannen. Auch durch den Propheten spricht Gott: [S. 143] „Wegen der Sünde bestrafte ich mein Volk auf kurze Zeit: und ich sah, daß es betrübt war und traurig einher ging, und ich heilte seine Wege.“2 Was gleicht wohl dieser Güte? Bloß darum, daß es traurig war, spricht er, vergab ich ihm die Sünden. Doch wir thun nicht einmal so viel, dadurch reizen wir aber Gott ganz besonders. Denn da er sich schon wegen einer kleinen Traurigkeit gnädig erwies, so zürnet er, wenn er nicht einmal diese findet, mit Recht und verhängt über uns die härtesten Strafen; denn das ist doch ein Zeichen der größten Verachtung. Wer hat sich je der Sünde wegen betrübt? wer hat darüber geseufzt ? Wer hat an die Brust geschlagen? wer sich darum bekümmert? Ich glaube, Niemand; aber lange Zeit trauern die Menschen um verstorbene Sklaven, um den Verlust ihrer Habe; an die Seele hingegen denken wir nicht, wenn wir sie auch tagtäglich morden. Wie wirst du nun Gott zu versöhnen vermögen, wenn du nicht einmal einsiehst, daß du gesündiget hast? „Ja freilich“, sagst du, „hab’ ich gesündigt.“ Nun, mit der Zunge sagst du Das wohl; sage mir’s auch mit dem Herzen und mit seufzendem Munde, damit du beständig froh werdest. Würden wir über die Sünden trauern und über die Fehltritte seufzen, so würde uns nichts Anderes betrüben, weil dieser Schmerz jede andere Trauer verscheucht. Dieses Bekenntniß3 würde uns auch noch einen andern Vortheil gewähren: die Trübsale dieses Lebens würden uns nicht muthlos, das Glück uns nicht hochmüthig machen, und dadurch würden wir uns Gott mehr versöhnen, sowie wir ihn jetzt durch unser Benehmen immer mehr zum Zorne reizen. Denn sage mir, wenn du einen Knecht hättest, der von seinen Mitknechten Vieles leiden müßte, aber darauf nicht achtete, sondern einzig darauf bedacht wäre, seinen Gebieter nicht zu erzürnen: wäre nicht Das allein schon genügend, deinen [S. 144] Zorn zu besänftigen? Wie aber, wenn sich derselbe um die Fehltritte gegen dich gar nicht bekümmerte, wohl aber sich hütete, die Mitknechte zu beleidigen: würdest du ihn darum nicht härter bestrafen? So macht es auch Gott: wenn wir seine Strafe nicht achten, so verschärft er dieselbe; achten wir aber darauf, so mildert er sie, ja hebt sie wohl ganz auf; denn er will, daß wir selber an uns die Sünde bestrafen, und er bestraft sie dann nicht mehr. Darum droht er auch mit der Strafe, um durch die Furcht der Geringschätzung vorzubeugen. Woferne wir durch die bloße Drohung in Furcht gerathen, so läßt er uns das Angedrohte nicht wirklich erfahren. Betrachte, was er zu Jeremias spricht: „Siehst du nicht, was sie thun? Die Väter zünden Feuer an, und die Kinder sammeln Holz; ihre Weiber kneten Teig.“4 Es ist zu befürchten, es möchte auch von uns etwas Ähnliches gesagt werden. Siehst du nicht, was die Menschen thun? „Alle suchen das Ihrige, Keiner die Sache Christi.“5 Ihre Söhne laufen der Wollust nach, ihre Väter dem Geiz und der Habsucht; ihre Weiber jagen den eitlen Trugbildern dieses Lebens nach, und statt die Männer davon abzuhalten, feuern sie dieselben nur noch mehr dazu an. Stelle dich einmal auf den Markt, frage die auf und ab Gehenden, und du wirst Keinen finden, der irgend einem geistigen Geschäfte nachstrebt; Alle laufen nach zeitlichen Dingen. Wann werden wir endlich zur Vernunft kommen? wie lange uns noch dem tiefen Schlafe hingeben? Sind wir der Übel noch nicht satt? Und dennoch genügt schon, ohne alle Worte, die bloße Erfahrung, uns über die Nichtigkeit der gegenwärthigen Dinge zu belehren und zu zeigen, wie schlimm Alles ist. Heidnische Philosophen, die von den zukünftigen [S. 145] Dingen Nichts wußten, haben sich von den gegenwärtigen schon darum losgesagt, weil sie ihre wirkliche Nichtigkeit einsahen. Welche Vergebung wirst denn du erlangen, wenn du auf der Erde kriechst und das Niedrige und Vergängliche nicht verschmähest gegenüber dem Hohen und Ewigen, da du doch hörst, daß Gott selbst dir dieses zeigt und offenbaret, und da du von ihm eine solche Verheissung hast? Daß aber diese Güter den Menschen nicht befriedigen, beweisen Diejenigen, welche, ohne Verheissung der höhern, dieselben verlassen haben; denn welchen Reichthum erwarteten sie wohl, indem sie die Armuth erwählten? Sie erwarteten keinen Reichthum, sondern thaten es bloß darum, weil sie wußten, daß eine solche Armuth vor dem Reichthum den Vorzug verdiene. Was für ein Lebensglück hofften sie, als sie den Weltfreuden entsagten und sich einer strengen Lebensweise hingaben? Keines; sie thaten es, weil sie die Natur der Dinge erkannten und wußten, daß Dieses sowohl zur Bildung der Seele als für die Gesundheit des Leibes ersprießlicher sei.

Das wollen nun auch wir erwägen und die zukünftigen Güter stets vor Augen habend uns von den gegenwärtigen losreissen, damit wir jene erlangen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, dem zugleich mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 146]

1: Luk. 18, 13.
2: Is. 57, 17. 18.
3: Mit Herz und Mund.
4: Jerem. 7, 17. 18; σταῖς = Teig; eine andere Leseart hat στέαρ = Fett, Talg, daher die lateinische Übersetzung terunt adipem.
5: Philipp. 2, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger