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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Sechste Homilie.

I.

Kap. II.

1. 2. Auch ich, Brüder, als ich zu euch kam, bin nicht mit hoher Rednerkunst und Weltweisheit gekommen, um euch das Zeugniß von Gott zu verkünden. Denn ich maßte mir nicht an, unter euch etwas Anderes zu wissen, als Jesum Christum, und zwar den Gekreuzigten.

I. Nichts ist so kampfgerüstet wie die Seele des Paulus oder, besser gesagt, nicht wie seine Seele, — denn nicht er hat Dieses erfunden, — sondern die in ihm wirkende und Alles besiegende Gnade. Wohl genügte schon das früher Gesagte, ja schon ein Theil davon genügte, den Hochmuth Jener zu dämpfen, die mit ihrer Weisheit prahlten. Damit aber der Sieg ein glänzender werde, setzt er den begonnenen Kampf noch fort und triumphirt über die geschlagenen Gegner. Betrachte nur: Er hat die Stelle des Propheten angeführt, die da lautet: „Vernichten will ich die Weisheit der Weisen;“ er hat die Weisheit Gottes daraus bewiesen, daß er durch Das, was Thorheit schien, [S. 89] die Ohnmacht der Weltweisheit an’s Tageslicht zog; er hat gezeigt, daß das thöricht scheinende Werk Gottes die Weisheit der Menschen übertrifft; er hat gezeigt, daß Gott nicht nur durch Ungelehrte die Welt erleuchtet, sondern daß er auch Ungelehrte berufen habe. Nun zeigt er, daß sowohl der Gegenstand als auch die Art und Weise der Verkündigung (des Evangeliums) geeignet war, zu beunruhigen, und doch nicht abgeschreckt habe, nicht nur die Schüler, will er sagen, sind unwissend, sondern auch ich der Prediger selbst. Darum spricht er: „Auch ich, Brüder,“ (er nennt sie abermals Brüder, um die Härte der Rede zu mildern,) „als ich zu euch kam, bin nicht mit hoher Rednerkunst gekommen, euch das Zeugniß von Gott zu verkünden.“ Aber sage mir doch, wenn du mit hoher Rednerkunst hättest auftreten wollen, hättest du es vermocht? Ich würde es nicht vermocht haben, wenn ich es auch gewünscht hätte. Christus aber würde es haben thun können, wmn er gewollt hätte; aber er wollte es nicht, um den Sieg desto glänzender zu machen. Darum sagte er auch oben, da er zeigen wollte, daß das Evangelium Gottes Werk sei, und daß es Gottes Wille gewesen, daß es auf so kunstlose Weise geprediget werde: „Christus hat mich nicht gesandt, um zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, nicht mit Rednerkunst.“ Daß Christus Dieses gewollt, ist viel, ja unendlich mehr, als wenn Paulus es gewollt hätte. Also, nicht mit Beredsamkeit prunkend, nicht mit Weltweisheit bewaffnet, sagt er, verkünde ich euch „das Zeugniß von Gott“. Er sagt nicht: die Lehre von Gott, sondern das „Zeugniß“, welches eben geeignet war, die Menschen abzuschrecken; denn er predigte überall vom Tode Christi. Darum fügt er bei: „Denn ich maßte mir nicht an, unter euch etwas Anderes zu wissen, als Jesum Christum, und zwar den Gekreuzigten.“1 Das aber sagte er, weil er [S. 90] mit der weltlichen Beredsamkeit gar Nichts zu thun hatte, wie er bereits oben bemerkt hat: „Ich bin nicht mit hoher Rednerkunst gekommen.“ Es ist aber klar, daß er auch diese hätte haben können; denn wenn schon seine Kleider Todte erweckten und sein Schatten Krankheiten vertrieb, so war viel mehr noch seine Zunge der Beredsamkeit fähig; denn diese lernen ja die Schüler, Jenes aber übersteigt alle Kunst. Wer nun das Größere zu thun im Stande ist, der wird um so mehr das Geringere zu leisten vermögen. Aber Christus ließ es nicht zu; denn es geziemte sich nicht. Mit Recht sagt er also: „denn ich maßte mir nicht an, bei euch etwas Anderes zu wissen;“ denn ich will, was Christus will. Mir aber scheint, er rede mit ihnen demüthiger als mit den Andern, um ihren Hochmuth zu dämpfen. Es sind also die Worte: „Ich maßte mir nicht an, etwas Anderes zu wissen,“ ein Gegensatz zur weltlichen Weisheit. Ich bin nämlich nicht gekommen, Syllogismen und Trugschlüsse an einander zu ketten; ich sage euch nichts Anderes, als daß Christus gekreuziget worden. Jene sagen alles Mögliche und sprechen über alles Möglicke in die Länge und in die Beite, indem sie Schlüsse und Syllogismen und zahllose Trugschlüsse ersinnen; ich aber bin zu euch gekommen und predige nichts Anderes, als daß Christus gekreuziget worden, und ich habe alle Jene aus dem Felde geschlagen, was das sicherste Zeichen von der Kraft Desjenigen ist, den ich verkünde.

3. Ich war mit Schwachheit, Furcht und großer Schüchternheit bei euch.

Das ist ein anderer Hauptpunkt. Nicht nur die Glaubenden waren ungelehrt, sondern auch der Redner; nicht nur der Vortrag war einfach und kunstlos, nicht nur der Inhalt der Predigt der Art, daß er die Menschen beunruhigen mußte, — denn Kreuz und Tod waren der Gegenstand der Predigt, — sondern es gesellten sich dazu noch andere Hindernisse: die Gefahren, die Nachstellungen, die [S. 91] tägliche Furcht und Verfolgung. An vielen Stellen, nennt er die Verfolgungen Schwachheit; so heißt es anderswo: „Doch habt ihr die Schwachheit an meinem Leibe nicht verachtet;“2 und abermals: „Muß ich mich rühmen, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen.“ Und welcher? „Zu Damaskus wollte mich der Statthalter des Königs Aretas gefangen nehmen und ließ die Stadt bewachen.“3 Und wiederum: „Ich will also meiner Schwachheiten (Leiden) mich rühmen.“4 Darauf erklärt er, welche Leiden dieses seien, und fügt hinzu: „bei Schmähungen, in Nöthen und Bedrängnissen.“ Dasselbe spricht er nun auch hier aus; denn nachdem er gesagt: „auch ich in meiner Schwachheit,“ bleibt er nicht dabei stehen, sondern zeigt, daß er unter dieser Schwachheit die Gefahren verstehe, und fügt neuerdings bei: „Ich war bei euch mit Furcht und großer Schüchternheit.“ — Was sagst du? auch Paulus fürchtete die Gefahren? Ja, er fürchtete sie und zitterte davor; denn obgleich, er Paulus war, so war er doch Mensch. Das aber gereicht dem Paulus nicht zum Tadel; denn es ist Schwacheit der Natur; aber zum Ruhme gereicht ihm die Festigkeit des Willens, vermöge welcher er, bei aller Furcht vor Tod und Schlägen, dennoch durch diese Furcht sich zu keiner unwürdigen Handlung verleiten ließ. Wer also behauptet, er habe keine Furcht vor Schlägen gehabt, erweist ihm nicht nur keine Ehre, sondern entzieht ihm noch Vieles von seinem Ruhme. Denn hatte er keine Furcht, welcher Standhaftigkeit und welcher Weisheit bedürfte es dann, die Gefahren zu ertragen? Ich bewundere ihn gerade darum, weil er fürchtend, ja zitternd vor den Gefahren immer als Sieger dahineilte, keiner Gefahr aus dem Weg ging, die ganze Erde reinigte und überall, auf dem festen Lande und auf dem Meere, den Samen (des göttlichen Wortes) ausstreute.

[S. 92] 4. Ich bediente mich bei meinen Reden und Vorträgen nicht einnehmender Worte menschlicher Weisheit.

D. h. ich brachte keine weltliche Beredsamkeit mit. Wenn also der Vortrag selbst keinen sophistischen Schein trug und die Berufenen, ja der Prediger selbst ungelehrt waren und noch Verfolgung, Furcht und Schüchternheit dazu kamen: wie war es denn möglich zu siegen? Darum setzt er nach den Worten: „Ich bediente mich bei meinen Reden und Vorträgen nicht einnehmender Worte menschlicher Weisheit“ hinzu: „sondern des Erweises von Geist und Kraft.“

1: I. Kor. 2, 2.
2: Gal. 4, 14.
3: II. Kor. 11, 30. 31.
4: Ebd. 12, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger