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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Sechste Homilie.

II.

Siehst du, wie das thöricht scheinende Werk Gottes die Weisheit der Menschen übertrifft und das Schwache mehr als das Starke vermag? Diese Lehre wurde von Ungelehrten gepredigt; gefangen und verfolgt siegten sie über ihre Verfolger. Woher kam Dieses? Kam es nicht daher, daß sie durch den Geist sich Glauben verschafften? Dieser Beweis ist unbestritten. Denn wer sollte nicht glauben, wenn er Todte erwecken und Teufel austreiben sieht? Weil es aber auch trügerische Kräfte gibt, wie z. B. die der Zauberer, so hob er auch diesen Verdacht. Denn er nennt nicht einfach die Kraft, sondern vorerst den Geist und dann erst die Kraft, womit er denn anzeigt, daß Das, was geschehen, des Geistes Wirkung sei. Es gereicht somit der Lehre nicht zum Nachtheil, daß sie ohne weltliche Weisheit verkündet wurde, im Gegentheile ist Dieß Ihr herrlichster Schmuck. Dieses beweist ja ganz vorzüglich, daß sie göttlich ist und vom Himmel stammt. Daher fährt er fort:

3. Damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe.

Siebst du, wie er in Allem deutlich beweist, daß die Ungelehrtheit (dem Evangelium) Gewinn bringe, die Welt- [S. 93] weisheit hingegen bedeutenden Nachtheil? Denn diese verlästerte das Kreuz, jene aber verkündete die Kraft Gottes; diese bewirkte, daß die Menschen Nichts fanden, was sie hätten finden sollen, und daß sie sich selber rühmten; jene aber, daß sie die Wahrheit aufnahmen und sich in Gott rühmten. Ferner brachte die Weltweisheit Viele auf die Vermuthung, daß diese Lehre nur eine menschliche sei: diese aber bewies, daß sie göttlich sei und vom Himmel stamme. Wo der Beweis nur mit Rednerkunst geführt wird, da siegt oft der Schlechtere, weil er beredter ist, über den Bessern, und die Lüge verdrängt dann die Wahrheit. Hier aber verhält es sich nicht so; denn der heilige Geist kommt nicht in eine unreine Seele; ist er aber einmal eingezogen, so wird er durch die ganze Macht der Beredsamkeit nicht überwunden; denn der Beweis durch Wunder und Zeichen ist viel einleuchtender als der durch Worte.

Vielleicht aber macht da ein Heide den Einwurf: „Wenn die Lehre siegen sollte, ohne der weltlichen Beredsamkeit zu bedürfen, „damit das Kreuz Christi seiner Kraft nicht beraubt würde“: warum geschehen denn jetzt keine Wunder mehr? Warum? Redest du so aus Unglauben und nimmst nicht an, daß zur Zeit der Apostel Wunder geschahen, oder suchst du wirklich darüber unterrichtet zu werden? Redest du so aus Unglauben, so will damit ich zuerst mich beschäftigen. Wenn damals keine Wunder geschahen, wie konnten denn die Apostel die Menschen zum Glauben anziehen, da sie verfolgt und verbannt wurden, fürchteten und zitterten und als gemeinschaftliche Feinde der ganzen Welt gefangen und den Mißhandlungen Aller ausgesetzt waren? da sie aus sich selber keine Vorzüge besaßen: keine Beredsamkeit, keinen Glanz, keinen Reichthum, weder Stadt noch Volk noch Geschlecht, weder Lebensart noch Ruhm noch sonst etwas Ähnliches, sondern Alles gegen sich hatten: Unwissenheit, niedrige Herkunft, Armuth, Haß und Verachtung; da sie es mit ganzen Völkerschaften zu thun hatten und dazu eine solche Lehre predigten? Denn ihre Vorschriften [S. 94] legten ein schweres Joch aus, und ihre Lehren waren gefahrvoll, und die Zuhörer, die gewonnen werden sollten, an Üppigkeit, Trunkenheit und große Laster gewöhnt. Wodurch haben also die Apostel diese gewonnen? Woher stammte denn ihre Glaubwürdigkeit? Denn wenn sie, wie ich oben bemerkte, ohne Wunder die Menschen überzeugten, so erscheint Dieß als ein weit größeres Wunder. Wenn also jetzt keine Wunder mehr geschehen, so darfst du daraus nicht den Schluß ziehen, daß auch damals keine geschahen. Denn damals waren sie nützlich, jetzt aber sind sie es nicht mehr. Jedoch folgt daraus, daß nur auf das bloße Wort geglaubt wird, nicht nothwendig, daß wir uns jetzt der menschlichen Weisheit bedienen. Denn die ersten Verkünder des Evangeliums waren ungelehrte und unstudirte Männer; sie setzten nichts aus ihrem Eigenen hinzu, sondern theilten der Welt mit, was sie von Gott empfangen hatten. So thun auch wir jetzt Nichts von dem Unsrigen hinzu, sondern verkünden Allen, was wir von ihnen überkommen haben. Wir überzeugen auch jetzt nicht durch Syllogismen, sondern beweisen die Wahrheit unserer Lehre aus den Heiligen Schriften und aus den Wundern, die damals geschahen. Zwar überzeugten auch jene nicht nur durch Wunder, sondern auch durch Worte; allein ihre Worte erhielten eine höhere Kraft, nicht durch Beredsamkeit, sondern durch die Wunder und die Zeugnisse des alten Bundes. „Wie aber waren damals die Wunder nützlich und sind es jetzt nicht mehr?“ Setzen wir den Fall — denn ich habe es immer noch mit einem Heiden zu thun, darum will ich Das, was sicher geschehen wird, jetzt nur als Hypothese hinstellen — setzen wir also den Fall — und der Ungläubige gedulde sich, wenn auch nur für unseren (geistigen) Wettstreit, Das, was ich als möglichen Fall setze, zu glauben, — nämlich, daß Christus kommen werde. Wenn also Christus käme und alle Engel mit ihm, und er offenbarte sich als Gott, und Alles würde ihm unterworfen: würde da nicht auch der Heide glauben? Gewiß würde er ihn anbeten und ihn Gott nennen, wenn er auch noch so hartgläubig wäre.

[S. 95]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger