Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Fünfte Homilie.

I.

26. 27. Sehet, Brüder, nur auf euere Berufung; da gibt es nicht viele Weise nach dem Fleische, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern was vor der Welt thöricht ist, hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen.

I. Der Apostel hat nun gesagt, daß das thöricht scheinende Werk Gottes die Weisheit der Menschen übertreffe; er hat sowohl aus der Schrift als aus der Erfahrung gezeigt, daß die Weisheit der Menschen Nichts mehr gelte; und zwar aus der Schrift mit den Worten: „Vernichten will ich die Weisheit der Weisen;“ aus der Erfahrung, indem er fragend fortfuhr: „Wo ist ein Weiser? wo ein Schriftgelehrter?“ Damit zeigte er zugleich, daß die Sache nicht neu, sondern alt sei, weil schon längst vorgebildet und vorhergesagt. „Denn es steht geschrieben,“ heißt es: „Vernichten will ich die Weisheit der Weisen. „Nebstdem bewies er auch, daß Dieses nützlich und zweckmäßig so geschehen sei. „Denn weil die Welt,“ spricht er, „vor Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, so gefiel es Gott, durch einen thöricht scheinenden Lehrvortrag die Glaubenden zu befeligen;“ und ferner: daß das Kreuz ein Beweis von unaussprechlicher [S. 71] Kraft und Weisheit sei, und daß das thöricht scheinende Werk Gottes die menschliche Weisheit weit übertreffe. Das beweist er nun hier neuerdings, nicht an den Lehrern, sondern auch an den Schülern selber. „Sehet,“ spricht er, „auf euere Berufung!“ Gott hat sich nicht nur ungelehrte Lehrer, sondern auch solche Schüler erwählt: „da gibt es nicht viele Weise nach dem Fleische,“ heißt es. Dadurch erscheint das Predigramt mächtiger und weiser, daß es Viele, und auch Ungelehrte überzeugte; denn es ist sehr schwierig, einen Unwissenden zu überzeugen, besonders wenn von wichtigen und erhabenen Dingen die Rede ist. Dennoch haben die Apostel Dieses gethan, und als Zeugen hievon ruft er sie selber auf: „Sehet nur, Brüder, auf euere Berufung!“ Gebt nur Acht, forschet nach! Daß ungelehrte Menschen so weise und Alles übertreffende Lehren angenommen haben, liefert den kräftigsten Beweis für die Weisheit des Lehrers.

Was heißt aber das „dem Fleische nach“? Es heißt dem Scheine nach, der irdischen Ansicht gemäß und nach weltlicher Bildung. Um nun aber nicht sich selbst zu widersprechen, — denn er hatte den Prokonsul, den Areopagiten und den Apollo bekehrt, und wir sahen auch andere Weise das Evangelium annehmen, — sagt er nicht: Es gibt keinen Weisen, sondern: „nicht viele Weise.“ Denn Gott hat nicht vorzugsweise die Ungelehrten berufen und die Weisen ausgeschlossen, sondern auch diese nahm er auf, aber von jenen weit mehrere. Warum denn Das? Weil der Weise nach dem Fleische voll Thorheit ist, und weil dieser der größte Thor ist, wofern er die schlechte Lehre nicht verlassen will. Wenn ein Arzt Andere in der Heilkunde unterrichten wollte, so würden Diejenigen, welche schon etwas Weniges davon verstehen und die Sache schlecht und verkehrt getrieben baben, hartnäckig darauf bestehen und sich nicht leicht eines Bessern belehren lassen; Diejenigen hingegen, die noch Nichts davon verstehen, würden seinen Unterricht willig aufnehmen; so geschah es auch hier: die Ungelehrten [S. 72] ließen sich leichter überzeugen; denn sie besaßen nicht jenen äussersten Grad von Thorheit, daß sie sich selber für Weise hielten. Denn die größten Thoren sind vorzüglich Diejenigen, welche mit der Vernunft untersuchen wollen, was sich nicht anders als durch den Glauben finden läßt. Gleichwie wir einen Schmied, welcher das glühende Eisen ohne Zange mit der bloßen Hand aus dem Feuer ziehen wollte, für ganz wahnsinnig halten würden, so machten es auch die Weltweisen, welche den Glauben verschmähend jene Dinge aus sich selber finden wollten. Deßhalb fanden sie denn auch Nichts von dem, was sie suchten. „Nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme;“ denn auch diese sind von Stolz aufgebläht. Nichts aber hindert so sehr die vollkommene Gotteserkenntniß, als der Übermuth und die Liebe zum Reichthum; denn diese Dinge bewirken, daß man nur das Gegenwärtige bewundert, um das Zukünftige sich nicht kümmert und, voll irdischer Sorgen, die Ohren verschließt. „Sondern was thöricht ist vor der Welt, hat Gott erwählt;“ und Das ist denn der kräftigste Beweis des Sieges, daß er durch die Unwissenden siegt.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Einleitung
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homilie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger