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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Vierte Homilie.

I.

18. 19. 20. Denn die Lehre vom Kreuze ist zwar Denjenigen, die verloren gehen, eine Thorheit; uns aber, die gerettet werden, ist sie eine Kraft Gottes. Denn es steht geschrieben: Vernichten will ich die Weisheit der Weisen und zu Schanden machen die Klugheit der Klugen. Wo ist ein Weiser? wo ein Schriftgelehrter? wo ein Forscher dieser Welt?

I. Den Kranken, die von großen Schmerzen gequält werden, sind auch gesunde Speisen zuwider; Freunde und Verwandte sind ihnen beschwerlich; ja oft werden diese gar nicht erkannt und erscheinen ihnen als lästig. So pflegt es auch Denen zu gehen, die der Seele nach verloren sind. Denn was zum Heile führt, erkennen sie nicht, und Diejenigen, die sich ihrer annehmen, betrachten sie als lästige Menschen. Daran ist nicht das Wesen der Sache Schuld, sondern ihre schlechte Gemüthsverfassung. Sowie die Wahnsinnigen gegen ihre Aufwärter rasen und sie lästern, so machen es auch die Ungläubigen. Gleichwie aber Jene, [S. 53] welche gelästert werden, die Lästerer am meisten bemitleiden und beweinen, weil sie in diesem Verkennen ihrer besten Freunde den Beweis finden, daß die Krankheit den höchsten Grad erreicht hat; so wollen auch wir es mit den Heiden machen und sie mehr als die Weiber bejammern, weil sie ihr eigenes Heil nicht erkennen. Denn mehr als der Mann sein Weib lieben soll, sollen wir alle Menschen lieben und zum Heile heranziehen, seien sie nun Heiden oder wer immer. Beweinen wollen wir sie, weil ihnen die Lehre vom Kreuze als Thorheit gilt, — die Lehre, die doch wirklich Weisheit und Kraft ist; „denn die Lehre vom Kreuze ist Denjenigen, die verlorengehen, eine Thorheit," heißt es. Da nun die Heiden das Kreuz verspotteten und zu befürchten war, daß die Christen, durch die Schmähreden derselben irre gerührt, sich widersetzen und die Weisheit ihrer eigenen Lehre bekämpfen würden, so ermuntert sie Paulus und sagt: Denket nicht, daß hier etwas Ungewöhnliches und Ausserordentliches geschehe; die Sache ist so beschaffen, daß ihre Kraft von Denen, die verloren gehen, nicht erkannt wird; denn sie sind nicht bei Sinnen und wissen nicht, was sie thun: darum lästern sie und verabscheuen die Heilmittel.

Aber, o Mensch, was sagst du? Deinetwegen ward Christus ein Knecht, indem er Knechtesgestalt annahm; deinetwegen ward er gekreuzigt und ist auferstanden: und anstatt den Auferstandenen anzubeten und seine Menschenfreundlichkeit zu bewundern, daß er, dein Gebieter, für dich, seinen Feind und Beleidiger, Dieß alles gethan hat, was weder Vater noch Freund noch Sohn für dich gethan hat, — anstatt ihn deßwegen zu bewundern, nennst du eine Lehre, so hoher Weisheit voll, eine Thorheit! Doch Das ist nicht zu verwundern: denn Diejenigen, die da verloren gehen, erkennen nicht, was zum Heile führt. Laßt euch also nicht verwirren; denn es ist nichts Neues, nichts Ungewöhnliches, daß erhabene Dinge von Wahnsinnigen verspottet werden. Solche Leute lassen sich durch menschliche [S. 54] Weisheit nicht überreden, und wollte man es dennoch versuchen, so würde man das Gegentheil erzielen; denn zu Dingen, die unsere Begriffe übersteigen, genügt nur der Glaube. Wollte man durch Vernunftgründe zeigen, wie Gott Mensch geworden und in den Leib der Jungfrau gekommen sei, und wollte man nicht die ganze Sache dem Glauben anheimstellen, so würden Jene nur desto mehr darüber lachen. Diejenigen also, welche mit Vernunftgründen disputiren, sind es, die da verloren gehen. Und was spreche ich von Gott? Wollte man nämlich selbst bei erschaffenen Dingen also verfahren, so würde großes Gelächter erfolgen. Setzen wir den Fall, es wolle ein Mensch, der Alles mit seinen Begriffen erfassen will, von dir mit Gründen überzeugt werden, wie wir das Licht sehen. Versuche es, ihm diese Gründe beizubringen; du wirst es nicht können. Denn wenn du ihm sagst, man dürfe nur die Augen aufthun, um zu sehen, so erklärst du, was geschieht, nicht aber die Art, wie es geschieht. Warum sehen wir denn nicht mit den Ohren? kann Jener entgegnen; warum hören wir nicht mit den Augen? Warum hören wir nicht durch die Nase und riechen nicht mit den Ohren? Wenn nun Jener über uns lachen muß, da wir ihm auf seine Fragen nicht antworten können: werden wir selbst nicht noch mehr lachen? Denn da Beides aus dem einen Gehirne seinen Ursprung hat und beide Organe so nahe an einander sind, warum haben sie nicht einerlei Wirkung? Davon können wir weder die Ursache noch die Art und Weise jener wunderbaren und mannigfaltigen Verrichtung angeben, und wenn wir es versuchen, so machen wir uns lächerlich. Daher wollen wir Das der göttlichen Macht und der unermeßlichen Weisheit überlassen und schweigen. Ebenso machen wir uns höchst lächerlich, wenn wir die göttlichen Dinge durch menschliche Weisheit erklären wollen, nicht als wären diese Dinge niedrig an sich, sondern weil die Menschen thöricht sind. Denn jene erhabenen Dinge kann kein Verstand erklären. Betrachte nur, — wenn ich sage: (Christus) ist gekreuzigt worden, so fragt der Heide: [S. 55] „Wie reimt sich Das mit der Vernunft? Sich selber hat er nicht geholfen, als er am Kreuze hing, obwohl er damals dazu aufgefordert wurde; und wie ist er dann auferstanden und hat Andern geholfen? Denn wenn er Dieß könnte, so, hätte er es vor seinem Tode thun sollen (denn Das sagten ja auch die Juden): da er sich selbst nicht geholfen hat, wie hat er denn Anderen helfen können? Das ist vernunftwidrig.“ Ganz richtig; das Kreuz, o Mensch, ist über die Vernunft erhaben, und seine Kraft ist unaussprechlich; denn leiden und die Leiden überwinden, im Kampfe mit denselben obsiegen. Das ist Beweis einer grossen Kraft. Gleichwie es nämlich bei jenen drei Jünglingen ein größeres Wunder war, daß sie, in den Ofen geworfen, in den Flammen unversehrt wandelten, als wenn sie nicht hineingeworfen worden wären, und bei Jonas ein größeres Wunder, daß er im Bauche des Fisches keinen Schaden litt, als wenn er vom Fische nicht wäre verschlungen worden: so war es auch wunderbarer, daß Christus sterbend den Tod überwand, als wenn er gar nicht gestorben wäre. Sprich also nicht: Warum hat er am Kreuze sich nicht selber geholfen? Denn er wollte mit dem Tode selbst den Kampf bestehen. Er stieg vom Kreuze nicht herab, nicht weil er nicht konnte, sondern weil er nicht wollte. Denn wie sollten die Nägel des Kreuzes Den halten können, den die Macht des Todes nicht festhalten konnte?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger