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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Zweite Homilie.

III.

Aber warum, wirst du fragen, streben nicht Alle nach ihnen? Wegen ihrer eigenen Schwachheit. Und warum hebt Gott ihre Schwachheit nicht auf? Sage mir, warum und auf welche Weise sollte er dieselbe aufheben? Hat er [S. 31] nicht die Schöpfung vollbracht, welche seine Güte und Allmacht verkündet? „Die Himmel“, heißt es, „verkünden die Herrlichkeit Gottes.“1 Hat er nicht Propheten gesendet? Hat er nicht (die Juden) berufen und ausgezeichnet? Hat er nicht Wunder gewirkt? Hat er nicht ein natürliches und geschriebenes Gesetz gegeben? Hat er nicht seinen Sohn gesendet? Nicht die Apostel gesendet? Nicht Wunder gethan? Hat er nicht mit der Hölle gedroht? Hat er nicht den Himmel verheissen? Läßt er nicht täglich seine Sonne aufgehen? Ist nicht Alles, was er geboten, so thunlich und leicht, daß Viele durch die Kraft eigener Tugend sogar mehr leisten, als er geboten? „Was sollte ich meinem Weinberge thun, das ich nicht gethan habe?“2

Aber warum, sagst du, ließ er uns Kenntniß und Tugend nicht angeboren werden? Wer führt diese Sprache? Ein Heide oder ein Christ? Beide sprechen so, allein nicht aus einerlei Absicht: denn dem Einen ist es um die Kenntniß, dem Andern um den Wandel zu thun. Wir wollen also zuerst dem Unsrigen (dem Christen) antworten; denn die Auswärtigen gehen mich nicht so sehr an, als die eigenen Glieder. Was sagt also der Christ? Die Kenntniß der Tugend hätte uns angeboren werden sollen. Sie ist uns ja angeboren; denn hätte sie Gott nicht in uns gelegt, woher wüßten wir wohl, was wir thun und was wir nicht thun sollen? Woher denn die Gesetze und die Gerichte?

„Nicht die Kenntniß, sondern die Ausübung selber.“ Wofür solltest du aber belohnt werden, wenn Gott Alles thäte? Denn, sage mir, straft Gott dich und den Heiden, wenn ihr sündigt, auf gleiche Weise? Keineswegs; denn du hast wenigstens die Gewißheit der Erkenntniß. Wie nun, wenn Jemand behauptete, du würdest wegen der Er- [S. 32] kenntniß dieselbe Belohnung empfangen wie der Heide, müßtest du darüber nicht unwillig werden? Ich denke wohl! Du würdest nämlich antworten, daß der Heide die Erkenntniß, die er aus sich selber finden konnte, nicht habe finden wollen. Wenn nun dieser behauptete, Gott hätte uns die Kenntniß anerschaffen sollen, würdest du ihn nicht verlachen und ihm antworten: Warum hast du sie nicht gesucht, warum nicht nachgeforscht, wie ich? Du würdest dich mit großer Freimüthigkeit erheben und sagen, es sei die höchste Thorheit, Gott zu beschuldigen, daß er uns die Kenntniß nicht anerschaffen habe. So redest du, weil es um deine Erkenntniß gut steht. Stände es um deinen Lebenswandel ebenso gut, so würdest du diese Frage nicht gestellt haben; weil du aber bezüglich der Tugend träge bist, so führst du dergleichen thörichte Reden. Warum sollte es denn auch nöthig sein, daß das Gute zwangsweise geschehe? Dann würden die unvernünftigen Thiere mit uns in der Tugend wetteifern, da ja einige derselben mässiger sind als wir.

Aber, sagst du, ich möchte doch lieber aus Nothwendigkeit tugendhaft sein und aller Belohnung entbehren, als lasterhaft durch freien Willen und so der Strafe und Züchtigung verfallen. Allein man ist ja nie gezwungen, tugendhaft zu sein. Weißt du nun nicht, was du zu thun habest, so zeig’ es uns an, und wir werden darauf die geziemende Antwort ertheilen. Weißt du aber, daß die Wollust sündhaft ist, warum fliehst du die Sünde nicht? Ich kann nicht, sagst du. Da stehen dir aber Andere gegenüber, die größere Tugenden ausgeübt haben, und diese werden dir kräftigst den Mund stopfen. Denn du lebst vielleicht, obwohl verheirathet, nicht keusch; ein Anderer hingegen bewahrt auch in ehelosem Stande seine Reinheit unbefleckt. Wie kannst du dich denn entschuldigen, wenn du nicht innerhalb der Schranken bleibst, während ein Anderer derselben gar nicht bedarf? Ja, sagst du, die Natur meines Körpers und die Neigung meines Willens sind nicht also [S. 33] beschaffen. Weil du nicht willst, nicht weil du nicht kannst: denn ich beweise dir, daß zur Tugend Alle fähig sind. Wenn nämlich Jemand Etwas nicht thun kann, so kann er es auch nicht in dringender Noth. Wenn er aber in dringender Noth Etwas thun kann und es nicht.thut, so handelt er ja nicht ohne freien Willen. Ich gebe ein Beispiel. Es ist ganz und gar unmöglich, mit einem schwerfälligen Körper in die Höbe zu fliegen und sich gen Himmel zu schwingen. Wie nun, wenn der Kaiser Dieses zu thun geböte und mit dem Tode drohete, indem er spräche: Diejenigen, welche nicht fliegen, lasse ich köpfen, verbrennen oder auf andere Weise bestrafen; würde da Jemand gehorchen? Mit nichten; denn Das ist gegen die Natur des Menschen. Wenn nun Das in Bezug auf die Keuschheit geschähe und der Befehl erginge, daß der Unzüchtige gestraft, verbannt, gegeißelt und durch unzählige Qualen gezüchtigt werden sollte; würden dann nicht Viele dem Befehle nachkommen? Nein, sagst du; denn es besteht ja wirklich ein Gesetz, welches den Ehebruch verbietet, und doch gehorchen nicht Alle; nicht weil die Furcht sie einschüchtert, sondern weil die Meisten hoffen, verborgen zu bleiben. Stände der Gesetzgeber und der Richter vor ihnen, wenn sie im Begriffe sind, der Wollust zu fröhnen, so vermöchte wohl die Furcht alle Lust zu verbannen. Ich will einen Zwang annehmen, der weniger hart ist; z. B. ich entführe einen Mann seiner geliebten Gattin, lasse ihn fesseln und einsperren: er wird es ertragen und es auch nicht allzu sehr empfinden. — Lasset uns also nicht sagen: Dieser ist von Natur gut, Jener von Natur böse; denn ist Jener von Natur gut, so kann er nicht böse werden; und ist Dieser von Natur böse, so kann er nicht gut werden. Nun sehen wir aber die plötzlichsten Umwandlungen, wie man von Diesem zu Jenem und von Jenem zu Diesem Übergeht. Und Das ersteht man nicht nur aus der Heiligen Schrift und zwar des neuen und alten Bundes, wie nämlich Zöllner zu Aposteln, Jünger zu Verräthern, Huren zu züchtigen Weibern werden, wie Mörder zu Ehren kommen, Magier Gott an- [S. 34] beten und Gottlose fromm werden: sondern täglich kann man viel Derartiges sehen. Wäre es nun den Menschen angeboren,3 so könnten sie sich nicht ändern. Da wir von Natur aus den Leiden unterworfen sind, so können wir es durch Anstrengung niemals dahin bringen, davon frei zu bleiben. Denn was von Natur einmal da ist, wird nie aufhören, an der Natur zu haften. Niemand verändert sich so, daß er früher schlief und jetzt nicht mehr schläft; Niemand geht von dem Zustand der Verweslichkeit in den der Unverweslickkeit über; Niemand bringt es dahin, daß er früher hungerte und jetzt davon frei ist. Darum sind auch Das keine Fehler, und wir machen einander darüber keine Vorwürfe. Niemand sagt zu seinem Nebenmenschen, den er beschimpfen will: Du Verweslicher! Du Leidender! sondern wir verklagen Diejenigen, die sich des Ehebruchs, der Hurerei und ähnlicher Verbrechen schuldig machen; Diese führen wir vor die Richter, welche sie zurechtweisen und strafen, in entgegengesetztem Falle aber ehren. Aus unserm Benehmen gegen Andere, aus unsern Erlebnissen vor Gericht; daraus, daß wir Gesetze geben und uns selbst verurtheilen, wenn uns auch Niemand verklagt; daraus, daß wir durch die Trägheit schlechter, durch die Furcht aber besser werden; und endlich daraus, daß wir Andere bei ihrem tugendhaften Wandel zu hoher Vollkommenheit gelangen sehen: — erhellet doch klar, daß es in unserer Macht steht, tugendhaft zu sein. Warum täuschen wir uns denn selbst mit kahlen Ausflüchten und mit Entschuldigungen, die nicht nur keine Verzeihung, sondern die härteste Strafe nach sich ziehen? Wir sollten vielmehr jenen furchtbaren Gerichtstag vor Augen haben und nach der Tugend streben, um nach einer kurzen Anstrengung die unvergängliche Krone zu erlangen. Denn jene Ausflüchte werden uns Nichts nützen, sondern die Mitknechte, welche die entgegengesetzten Tugenden geübt haben, welden alle Sünder verdammen, — [S. 35] der Mitleidige den Hartherzigen, der Gute den Bösen, der Bescheidene den Frechen, der Wohlwollende den Neidigen, der Weise den Thoren, der Emsige den Trägen, der Keusche den Unkeuschen. So wird Gott über uns das Urtheil fällen und uns zu beiden Seiten reihen, die Einen belohnen, die Andern strafen.

Möge Gott verhüten, daß auch nur Einer der Gegenwärtigen unter Diejenigen gezählt werde, denen Strafe und Schande zu Theil wird! Die Kronen und der Himmel werde ihr Antheil! Möge dieser uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater und zugleich dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

1: Ps. 18, 2.
2: Is. 5, 4.
3: Gut oder böse zu sein,

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger