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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Erste Homilie.

III.

Beides wollen wir, wenn es euch beliebt, durch Beispiele erläutern. Sage mir: wer war größer als Abraham? Und doch war er’s, der da sprach: „Ich bin Staub und Asche.“ Er war’s, der da sagte: „Laß doch keine Streitigkeiten sein zwischen mir und dir!“1 Und dieser so demüthige Mann verschmähte die Beute der Perser, verschmähte die Trophäen der Barbaren. Dieses geschah aus Edelmuth und hochherziger Gesinnung; denn wahrhaft groß ist der Demüthige, nicht der Schmeichler, nicht der Versteller; denn etwas Anderes ist Edelsinn, etwas Anderes Anmaßung; Dieses erhellet daraus: Wenn Jemand den Lehm für Lehm ansieht und gering schätzt, ein Anderer aber den Lehm wie Gold anstaunt und hochschätzt: wer ist da der Edeldenkende? nicht Derjenige, welcher den Lehm nicht anstaunt? Und wer ist der Niedrigdenkende und der Gemeine? Nicht Derjenige, welcher den Lehm anstaunt und für etwas Großes hält? So halte auch hier Denjenigen für einen großen Mann, der aus Demuth sich Staub und Asche nennt; für gering aber sieh Denjenigen an, der sich nicht Staub und Asche nennt, sondern sich überschätzt und sich Großes einbildet, indem er das Kleine für groß hält. Es ist also klar, daß der Patriarch aus Seelen- [S. 21] größe und Erhabenheit, und nicht aus Übermuth, jenen Ausspruch that: „Ich bin Staub und Asche.“ Denn wie es in Betreff des Körpers etwas Anderes ist, wohlbeleibt und von strotzender Fülle sein, und etwas Anderes, aufgeschwollen sein (zwar hebt sich in beiden Fällen das Fleisch; allein im erstern Falle zeigt es Gesundheit, im letztern Krankheit an): so ist es auch hier etwas Anderes, übermüthig d. h. aufgeschwollen, und etwas Anderes, edelmüthig d. h. gesund sein. So ist auch der Eine groß von Wuchs, ein Anderer klein; dieser wird höher, wenn er stark besohlte Schuhe trägt. Sage mir, welchen werden wir nun groß und hoch nennen? Nicht offenbar Den, welcher von Natur eine hohe Gestalt hat? Denn der Andere hat sich etwas Fremdes beigesellt und ist groß geworden, indem er sich auf niedrige Dinge gestellt hat. So ergebt es gar vielen Leuten, die sich auf Reichthum und Ehre stützen, und das ist doch keine wahre Größe. Denn groß ist Derjenige, der von allen diesen Dingen nichts braucht, sondern Alles verachtend die Größe in sich selber trägt.

Laßt uns also demüthig sein, damit wir groß werden; denn es heißt: „Wer sich selber erniedrigt, der wird erhöht werden.“2 Nicht so der Aufgeblasene, er ist vielmehr unter Allen der Niedrigste. Auch die Wasserblase ist aufgedunsen, allein diese Aufgedunsenheit ist nichts Festes; darum nennen wir solche Menschen Aufgeblasene. Wer bescheiden denkt, bildet sich auch auf seine großen Vorzüge Nichts ein, denn er kennt seine Niedrigkeit; der Aufgeblasene hingegen dünkt sich schon bei winzigen Vorzügen groß. Lasset uns also uns jene Größe aneignen, die aus der Demuth entspringt; lasset uns das Wesen der irdischen Dinge betrachten, damit sich in uns die Liebe zu den ewigen entzünde; denn anders können wir nicht demüthig werden, als durch die Liebe zum Göttlichen und durch die Verachtung des Irdischen. Gleichwie Derjenige, der einen [S. 22] Königsthron besteigen soll, und dem für den echten Purpur irgend eine niedrige Ehrenstelle angeboten wird, diese für Nichts achten wird: so wollen auch wir alles Irdische verlachen, wenn wir nach jener Ehre verlangen. Sehet ihr nicht, wie kindisch Alles ist, wenn die Knaben beim Spiele als Soldaten eine Armee aufstellen, wenn Herolde und Liktoren voranschreiten und dann ein Knabe in der Mitte als Heerführer auftritt ? So und noch unbedeutender sind die irdischen Dinge, die heute da sind und morgen nicht mehr. — Lasset uns also über dieselben empor streben und nicht nur nicht darnach trachten, sondern uns sogar zurückziehen, wenn man sie uns anbietet. So werden wir, nachdem wir die Liebe zu diesen verbannt haben, jene göttliche Liebe besitzen und die ewige Herrlichkeit erlangen. Diese möge uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen und mit welchem dem Vater sammt dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrlichkeit und Ehre jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 23]

1: Ebd. 13, 8.
2: Matth. 23, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger