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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Erste Homilie.

II.

David gefiel Gott, Absolon gefiel den Menschen. Ihr wisset, welchen Ausgang Jeder genommen und wer am meisten gefallen hat. Abraham gefiel Gott, Pharao aber den Menschen; denn ihm zu Gefallen gaben sie das Weib des Gerechten der Gefahr preis. Jeder aber weiß, welcher von Beiden ruhmvoller und glücklicher gewesen. Doch was rede ich von den Gerechten? Die Israeliten hatten vor Gott Gnade gefunden, wurden aber von den Einwohnern Ägyptens gehaßt; allein sie besiegten ihre Hasser und trugen, wie ihr alle wißt, jenen herrlichen Triumph davon. — Das wollen wir nun alle erstreben. Ist Jemand Diener, so flehe er darum, Gott mehr zu gefallen als seinem Herrn; das Weib erbitte sich von dem Erlöser, eher Gott zu gefallen als ihrem Manne; der Krieger trachte mehr nach Gottes Beifall als nach dem seines Königs oder dem seines Gebieters: auf diese Weise wird man auch vor den Menschen liebenswürdig erscheinen.

Wie kann aber Jemand Gottes Beifall erwerben? Wie anders, als durch Demuth? „Denn Gott“, heißt es, „widersteht den Hochmüthigen, den Demüthigen aber gibt er seine Gnade;“1 und: „Ein Gott gefälliges Opfer ist ein zerknirschter Geist; und ein gedemüthigtes Herz wird Gott nicht verschmähen.“2 Wenn die Demuth schon vor den Menschen so liebenswürdig ist, so ist sie es vor Gott noch weit mehr. Dadurch haben auch Heiden Gnade gefunden, die Juden [S. 19] aber gingen derselben verlustig: „denn sie unterwarfen sich nicht der Gerechtigkeit Gottes.“3 Der Demüthige ist bei Allen beliebt und genehm, lebt in stetem Frieden und hat keine Veranlassung zum Streit. Denn du magst ihn beschimpfen und lästern, magst sagen, was du willst: er wird schweigen und es sanftmüthig ertragen und eines unaussprechlichen Friedens nicht nur mit allen Menschen, sondern auch mit Gott genießen; denn es ist ja Gottes Gebot, mit den Menschen Frieden zu halten, und so ist unser ganzer Wandel wohl geordnet, wenn wir mit einander in Frieden leben. Niemand kann Gott schädigen; denn unverletzlich ist jenes Wesen und erhaben über jegliche Leidenschaft; nichts macht den Christen so bewunderungswürdig als die Demuth. Höre, wie Abraham spricht: „Ich aber bin Staub und Asche,“4 und ferner, wie Gott von Moses sagt: „daß er der sanftmüthigste aller Menschen war;“ denn Niemand war demüthiger als dieser Mann, welcher, obschon er als Anführer eines so großen Volkes den König der Ägypter mit seinem ganzen Heere wie Mücken ersäuft, so viele Wunder in Ägypten, am rothen Meere und in der Wüste gethan und ein so schönes Zeugniß erhalten hatte, sich dennoch so betrug, als wäre er Einer aus dem Volke. Als Eidam unterwarf er sich seinem Schwiegervater und befolgte dessen Rath. Er nahm es nicht übel auf und sagte nicht: „Was ist Das? Mir, der ich so viele und ruhmvolle Thaten ausgeführt habe, mir willst du noch Rath ertheilen?“ Und doch thun Das Viele, wenn ihnen Jemand auch den besten Rath ertheilt, wenn die Person, die ihn gibt, von geringem Ansehen ist. Nicht so Moses; vielmehr führte er Alles durch seine Demuth glücklich zu Ende. Darum verschmähte er auch den königlichen Hof, weil er wahrhaft demüthig war; denn die Demuth gibt gesunden und erhabenen Sinn. Erscheint dir Das nicht als erhabene Gesinnung und Hochherzigkeit, den Palast und die königliche Tafel zu ver- [S. 20] schmähen? Die Könige wurden ja bei den Ägyptern wie Götter verehrt und besaßen unermeßliche Reichthümer und Schätze. Und doch verachtete er Dieß alles, verschmähte selbst den Thron Ägyptens und eilte zu den Gefangenen und Elenden, die bei Lehm- und Ziegelarbeiten schmachteten und, von des Königs Knechten verabscheut wurden; „denn die Ägyptier,“ heißt es, „verabscheuten sie;“5 zu diesen eilte er und stellte sie höher als ihre Gebieter. Daher ist es offenbar, daß der Demüthige ein großer und edeldenkender Mann ist; denn die Anmaßung ist die Frucht einer schlechten Gesinnung und einer niedrigen Seele, die Bescheidenheit hingegen einer großen und erhabenen Seele.

1: I. Petr. 5, 5.
2: Ps. 50, 19.
3: Röm. 10, 3.
4: Genes. 18, 27.
5: Genes. 46, 34.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger