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Chrysostomus († 407)
Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Einleitung

Einleitung zum ersten Briefe an die Korinther.1

Korinth ist zwar jetzt noch die erste Stadt Griechenlands, hatte aber ehedem Überfluß an allen Lebensbedürfnissen und übertraf an Fülle des Reichthums alle andern Städte; darum nennt auch ein heidnischer Schriftsteller die Stadt eine reiche;2 denn sie liegt am peloponnesischen Isthmus [S. 10] und eignet sich trefflich zum Handelsplatze. Auch wimmelte sie von Rednern und Philosophen, und einer der sogenannten sieben Weisen war aus derselben gebürtig.3 Das sage ich nicht, um die Stadt zu erbeben oder ihre große Bildung zu rühmen, (denn was liegt daran, Dieses zu wissen?) — sondern Das dient uns nur zum Verständniß des Briefes. — Auch hat Paulus selbst in dieser Stadt viel gelitten, und eben dort erschien ihm Christus und sprach: „Schweige nicht, sondern rede … denn ich habe viel Volk in dieser Stadt.“4 Und er blieb dort zwei Jahre. Ebendort fuhr auch der Teufel aus, welcher die Juden, die ihn beschwören wollten gar arg mißhandelte. Dort trugen auch Manche, die sich bekehrt hatten, die Zauberbücher zusammen und verbrannten sie; und man schlug sie auf 50.000 (Denare) an.5 Daselbst endlich wurde Paulus unter dem Prokonsul Gallio vor Gericht gegeißelt. Als nun der Teufel sah, daß diese große, volkreiche, wegen ihres Reichthums und ihrer Bildung bewunderte Stadt, daß dieses Haupt Griechenlands (denn die Macht der Athener und Lacedämonier, welche die Herrschaft schon vor langer Zeit eingebüßt hatten, lag elend darnieder) die Wahrheit ergriff; als er sah, daß sie das Wort Gottes mit großem Eifer aufnahm, — was thut er? Er stiftet Zwiespalt unter den Einwohnern; denn er weiß, daß auch das allerstärkste Reich, wenn es in sich selbst getheilt ist, nicht bestehen wird. Als Mittel, diese Arglist auszuführen, benutzte er den Reichthum und die Bildung der Einwohner. Da bildeten nun Einige Parteien gegen einander und stellten sich aus eigenem Antrieb als Häuptlinge an die Spitze des Volkes; die Einen schloßen sich an diese, die Andern an jene Parteiführer an, an die Einen, weil sie reich, an die Andern, weil sie als fähige Köpfe bessere Lehrmeister wären. Diese Führer nahmen sich ihrer Parteigänger an und rühmten sich nun, etwas mehr zu lehren, als der Apostel. [S. 11] Darauf deutet auch Paulus hin mit den Worten: „Ich konnte nicht mit euch reden wie mit geistigen Menschen;“6 offenbar nicht darum, als wäre er zu beschränkt gewesen, sondern weil Jene zu schwach waren. Vieles zu hören; und die Worte: „Ihr habt Überfluß ohne uns“7 zielen eben dahin. Diese Spaltung der Kirche war keine Kleinigkeit, sondern das allergrößte Verderben. Zudem war dort ein anderes Verbrechen verübt worden, indem ein Mensch, der mit seiner Stiefmutter Umgang gepflogen, nicht nur nicht gerügt wurde, sondern auch noch das Volk zusammenrottete und seine Anbänger zum Dünkel verleitete. Darum sagt der Apostel: „Und ihr seid aufgeblasen und hattet nicht vielmehr Leidwesen.“8 Ferner gab es auch Manche von den Gebildeten, welche dadurch Alles verdarben, daß sie den Gastmählern in den Götzentempeln beiwohnten und aus Schwelgerei von den Götzenopfern kosteten. Wieder Andere, welche in Betreff des Vermögens stritten und zankten, überließen den ganzen Entscheid heidnischen Richtern. Auch gingen Viele einher mit stolzem Haarwuchs, denen er befiehlt, sich scheeren zu lassen. Es herrschte auch noch ein anderer nicht unbedeutender Mißbrauch, daß nämlich in den Kirchen Jeder für sich aß und den Armen Nichts mittheilte. Zudem fehlten sie auch darin, daß sie sich über die Wundergaben eitel erhoben und deßhalb unter ihnen Eifersüchteleien entstanden, was dann auch am meisten zur Spaltung der Kirche beitrug. Auch die Lehre der Auferstehung schwankte bei ihnen: denn Einige aus ihnen, noch krankend an der griechischen Thorheit, glaubten nicht fest an die Auferstehung der Leiber. Dieß alles entstand aus dem Unverstande der heidnischen Philosophie: diese war die Mutter aller Übel; daher auch die Spaltungen, die sie eben von den Philosophen gelernt hatten. Denn auch diese standen sich feindselig einander gegenüber, indem sie sich in ihren Lehrmeinungen aus Herrschsucht und Ehrgeiz widersprachen und jeder [S. 12] gegen die frühern Systeme ein neues zu ersinnen bemüht war. Das kam aber daber, weil sie ihre Ansichten auf Vernunftschlüsse bauten. — Sie schrieben also durch Fortunatus, Stephanas und Achaikus au Paulus, durch deren Vermittlung er ihnen auch Antwort ertheilte. Das spricht er aus am Ende des Briefes, worin er nicht über Alles, sondern über die Ehe und über die Jungfrauschaft redet; daher sagt er: „worüber ihr mir aber geschrieben habt.“9 Er aber redet in seinem Briefe nicht nur von Dem, worüber sie geschrieben, sondern auch von Gegenständen, worüber sie nicht geschrieben hatten; denn er wußte genau, woran es ihnen fehlte. Mit dem Briefe sandte er auch den Timotheus dorthin, indem er wohl wußte, daß der Brief zwar viel vermöge, aber noch größeres Gewicht erhalte durch das persönliche Erscheinen des Schülers. Da aber die Urheber der Kirchenspaltung den Schein der Ehrsucht vermeiden wollten, so gebrauchten sie zur Beschönigung ihres Fehlers den Vorwand, daß sie eine vollkommnere Lehre vortrügen und weiser wären als die Andern. Paulus widersetzt sich nun vorerst dieser Krankheit und sucht das Übel und die daraus entstehende Uneinigkeit im Keime zu ersticken; und er spricht mit großer Freimüthigkeit: denn diese waren mehr als alle Andern seine Schüler. Darum spricht er: „Wenn ich Anderen nicht Apostel bin, doch euch bin ich’s; denn ihr seid das Siegel meines Apostolates.“10 Und sie waren auch schwächer als die Andern; darum sagt er: „Ich habe zu euch nicht wie zu Geistigen gesprochen; denn noch konntet ihr es nicht (vertragen); aber nicht einmal jetzt könnet ihr’s.“11 Das aber sagt er, damit sie nicht meinen sollten, er verstehe Dieses von der vergangenen Zeit; darum fügt er bei: „aber nicht einmal jetzt könnet ihr’s.“ Es ist aber wahrscheinlich, daß nicht Alle verdorben, sondern Einige unter ihnen auch große Heilige gewesen seien, was er auch in der Mitte des Briefes zu ver- [S. 13] stehen gibt mit den Worten: „Mir aber gilt es für ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde,“12 und fügt bei: „Dieses aber habe ich übertragen auf mich und Apollo.“13

Weil nun alles Unheil vom Stolze herkam und von der Einbildung, als wüßten sie mehr, so trachtet Paulus vor Allem diesen Hochmuth auszurotten und beginnt, mit den Worten:

[S. 14]

1: Diese Einleitung oder Grundlage (ὑπόθεσις) zum ersten Korintherbrief wurde von einigen Gelehrten als unecht angesehen, weil in derselben Ereignisse, deren Schauplatz Ephesus war, irrthümlich nach Korinth versetzt worden (s. Apostelg. 19, 14—20. Auch die Geißelung Pauli in Korinth widerspreche der Apostelgeschichte; es sei ja Sosthenes gegeißelt worden (s. Apostelg. 18, 17). Montfaucon, nach dessen Ausgabe diese Uebertragung geschieht, hält diese Fehler für lapsus memoriae; tom. X. p. V. VI. Von den vorhandenen deutschen Uebersetzungen benutzten wir nur die großentheils recht gute von Dr. Wilhelm Arnoldi, Bischof von Trier, 2. Aufl., Regensburg, Mainz, 1859.
2: Ἀφνειόν τε Κόρινθον — sagt Homer Il. II. B. 570 und nach ihm Thucydides I, 13; vgl. Strabo B. VIII.
3: Periander soll aus Korinth gewesen sein.
4: Apostelg. 18, 9. 10.
5: Ebd. 19, 19.
6: I. Kor. 3, 1.
7: Ebd. 4, 8.
8: Ebd. 5, 2.
9: I. Kor. 7, 1.
10: Ebd. 9, 2.
11: Ebd. 3, 1. 2.
12: I. Kor. 4, 3.
13: Ebd. V. 6.

 

 

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