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Johannes Flemming, Geschichtliche Untersuchungen. In: Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert, aus dem syrischen übersetzt von J. Flemming, herausgegeben von Adolf von Harnack (TU 35/4), Leipzig 1910.
Geschichtliche Untersuchungen

7. Was lernen wir aus den Oden für die Geschichte der Entstehung des Christentums?

In den §§ 2―5 sind bereits zahlreiche Fingerzeige zur Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage gegeben worden, aber eine Zusammenfassung scheint noch notwendig. Wir lernen (1) aus den Oden in einem entfernten Zweige des Judentums einen religiösen Individualismus kennen, wie wir ihn bisher kaum geahnt haben und jedenfalls in dieser Stärke nicht zu belegen vermochten. Daß dieser Individualismus in seiner Freiheit von allem Mythischen ― das ist vielleicht das Frappanteste ― und Ceremoniösen, in seiner spirituellen Reinheit und in seiner relativen Loslösung von der nationalen Religion eine wichtige Vorstufe des Christentums ist, ist klar. Zwischen den jüngsten kanonischen Psalmen, der Weisheit und den Psalmen Salomos und den Testamenten der zwölf Patriarchen einerseits und dem Individualismus eines Paulus, „Johannes“, Ignatius andererseits finden diese Oden ihre Stätte.

Wir lernen aus den Oden (2), daß die Conceptionen von Licht, Wahrheit, Leben, von Glaube, Liebe, Hoffnung, von Erkenntnis und Unvergänglichkeit, von Prädestination und neuer Geburt (bis zu Formulierungen hin, die als Eigentum des „Johannes“, bzw. auch des Apostels Paulus gelten und daher als Erzeugnisse des Geistes Christi erschienen), nicht „christlich“, sondern [S. 119] bereits vorchristlich sind. Wir erkennen aber auch weiter, daß dieser mystische Complex nicht als hellenisch in Anspruch genommen werden kann, sondern daß er aus jüdischen Triebkräften erzeugt ist. Er kommt hellenisch-philosophischen Gedanken sehr nahe; aber er ist nicht philosophisch im Sinne der Griechen; er ist nicht einmal „Logos“ in ihrem Sinne, sondern er convergiert nur mit griechischen Gedanken, die unter ganz anderen Voraussetzungen standen und sich erst allmählich von diesen loslösten. In Bezug auf „Johannes“ haben einsichtige Forscher der jüngsten Zeit dies bereits eingesehen ― in der johanneischen Theologie ist nichts wirklich Hellenisches, wenn man vom Prolog absieht ―; diese Einsicht wird nun mächtig verstärkt werden durch den in den Oden vorliegenden Befund. Für die geschichtliche Erklärung des Johannesevangeliums ist ihre Entdeckung geradezu epochemachend. Es hat, wie wir nun gelernt haben, im Spätjudentum einen Kreis von Mystikern gegeben, der in den religiösen Erfahrungen und Ideen lebte, die die Grundlage der johanneischen Theologie bilden. In dieses Gewebe hat „Johannes“ seinen Christus hineingestellt, oder vielmehr ― er hat diesen Complex als das Werk Christi betrachtet, ja Christus als die persönliche Verkörperung und einzige Quelle desselben aufzufassen gelehrt: Christus ist das Licht, Christus ist das Leben, Christus ist der Weg zur Erkenntnis Gottes ― nur die Liebe ist er nicht; die Liebe ist Gott selbst. An dieser Spitze bleibt der reine Theismus bestehen. Bis in Einzelheiten hinein erscheint das „Johanneische“ in den Oden vorbereitet, aber die originale Genialität, mit der „Johannes“ den Complex bearbeitet, umgeschmolzen und gereinigt hat, bleibt doch noch sehr groß, und an wichtigen Punkten ist ein gewaltiger Fortschritt vorhanden. Der Verfasser der Oden schreibt (4, 1 f.): „Niemand verändert deinen heiligen Platz, mein Gott, und keiner ist, der ihn vertauschte und an einen anderen Platz stellte, weil er nicht die Macht dazu hat; denn dein Heiligtum hast du bestimmt, bevor du die Plätze machtest; der ältere Platz soll nicht tauschen müssen mit denen, die jünger sind als er“; „Johannes“ aber läßt Jesus sprechen: „Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge, noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten . . . Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“.

[S. 120] Wir lernen (3) aus den Oden, daß es auch in Palästina ein religiös sehr hoch stehendes Judentum gegeben hat, das (ähnlich wie Philo) von messianischen Gedanken kaum berührt gewesen ist, welches messianische Ideen nicht brauchte, um Trost und Frieden zu gewinnen, da es auf der Linie der jüngeren kanonischen Psalmen Gotteserkenntnis, Gottesnähe, Erlösung, Wiedergeburt und Seligkeit bereits gefunden hatte oder gefunden zu haben glaubte ― ohne das Erlebnis der Umkehr und ohne Bußschmerz und tiefere Sündenerkenntnis.

Wir lernen (4) aus den Oden, daß Jesus, wie er sich uns aus den gereinigten Quellen der Synoptiker darstellt, d. h. der geschichtliche Jesus, mit der Mystik dieser exotischen jüdischen Oden, die in ihrer Weise ein Höhepunkt der religiösen Entwicklung sind, sehr wenig gemeinsam hat. Es ist eine völlig andere Luft, die uns von dort und von hier entgegenweht; es ist ein ganz anderes religiöses Erlebnis, das dort und hier zugrunde liegt; es ist eine absolut andere Empfindung Gott, dem eigenen Ich und der Welt gegenüber; es ist endlich eine völlig andere religiöse Ausdrucksweise und Sprache. Jesus steht mitten in dem concreten Leben, die Oden des Mystikers schweben über demselben. Es ist alles bei Jesus viel unmittelbarer, kindlicher und bodenständiger, viel einfacher und sehr viel ernster. Die Nächstenliebe hat hier einen Spielraum, der in jenem Complex so ganz fehlt; das „Ich“ empfindet sich nicht als isoliertes, sondern ist untrennbar mit dem Nächsten verknüpft, und kein Wort erschöpft sich in sich selbst, sondern es weist über sich hinaus und ist triebkräftig. Diese negative Erkenntnis in Bezug auf das Verhältnis der Religion der Oden zur Religion Jesu ist neben der Einsicht, die wir in Bezug auf das Johannesevangelium gewonnen haben, das Wichtigste, was uns der neue Fund gebracht hat. Die Historicität und Originalität Jesu erscheint aufs neue gefestigt.

Zum Schlusse möge noch eine Zusammenstellung von Parallelen aus solchen jüdischen Schriften stehen, mit denen die Oden Salomos am meisten verwandt sind. Es ist zwar im Commentar Einiges bereits angemerkt worden, aber eine Übersicht wird nicht überflüssig sein. Die betreffenden Stellen in den Oden vermerke ich nicht, da man sie aus dem Register leicht finden kann.

[S. 121] Am zahlreichsten sind die Parallelen aus der Weisheit Salomos; die durchgehenden, welche die wichtigsten sind, lassen sich nicht ausschreiben. Ich merke daher hier nur Einzelheiten an:

Sap. Sal. 2, 16: εἰς κίβδηλον ἐλογίσθημεν αὐτῷ.

Sap. Sal. 2, 23: ὁ θεὸς ἔκτισεν τὸν ἄνθρωπον ἐπ’ ἀφθαρσὶᾳ καὶ εἰκόνα τῆς ἰδίας ἰδιότητος ἐποίησεν αὐτόν (s. auch sonst „ἀφθαρσία“ und „ἀθανασία“ in der Sap. Sal.).

Sap. Sal. 3, 1: δικαίων ψυχαὶ ἐν χειρὶ θεοῦ, καὶ οὐ μὴ ἅψηται αὐτῶν βάσανος.

Sap. Sal. 5, 22: ἐκ πετροβόλου θυμοῦ πληρεῖς ῥιφήσονται χάλαζαι· ἀγανακτήσει κατ’ αὐτῶν ὕδωρ θαλάσσης, ποταμοὶ δὲ συνκλύσουσιν ἀποτόμως.

Sap. Sal. 7, 24 f.: πάσης κινήσεως κινητικώτερον σοφία, διήκει δὲ καὶ χωρεῖ διὰ πάντων διὰ τὴν καθαρότητα. ἀτμὶς γάρ ἐστιν τῆς τοῦ θεοῦ δυνάμεως καὶ ἀπόρροια τῆς τοῦ παντοκράτορος δόξης εἰλικρινής (zu ἀπόρροια s. auch Apoc. Baruch 36 ff.).

Sap. Sal. 7, 26: ἀπαύγασμά ἐστιν (ἡ σοφία) φωτὸς ἀϊδίου καὶ ἔσοπτρον ἀκηλίδωτον τῆς τοῦ θεοῦ ἐνεργείας.

Sap. Sal. 8, 1 ff.: τὴν σοφίαν ἐφίλησα καὶ ἐξεζήτησα ἐκ νεότητός μου, καὶ ἐζήτησα νύμφην ἀγαγέσθαι ἐμαυτῷ, καὶ ἐραστὴς ἐγενόμην τοῦ κάλλους αὐτῆς. εὐγένειαν δοξάζει συμβίωσιν θεοῦ ἔχουσα, καὶ ὁ πάντων δεσπότης ἠγάπησεν αὐτήν· μύστις γάρ ἐστιν τῆς τοῦ θεοῦ ἐπιστήμης.

Sap. Sal. 9, 5: ὅτι ἐγὼ δοῦλος σὸς καὶ υἱὸς τῆς παιδίσκης σου.

Sap. Sal. 9, 15: φθαρτὸν σῶμα βαρύνει ψυχήν.

Sap. Sal. 11, 6: πηγὴ ἀενάου ποταμοῦ.

Sap. Sal. 15, 2: καὶ γὰρ ἐὰν ἁμάρτωμεν, σοί ἐσμεν.

Aus den Psalmen Salomos (vgl. Hauptbegriffe wie ἀλήθεια):

Psalm. Salom. 2, 25: „der Drache“.

Psalm. Salom. 3, 12: οἱ φοβούμενοι τὸν κύριον ἀναστήσονται εἰς ζωὴν αἰώνιον, καὶ ἡ ζωὴ αὐτῶν ἐν φωτὶ κυρίου καὶ οὐκ ἐκλείψει ἔτι.

Psalm. Salom. 4, 25: γένοιτο, κύριε, τὸ ἔλεός σου ἐπὶ πάντας τοὺς ἀγαπῶντάς σε, cf. 6, 6; 10, 3.Psalm. Salom. 5, 1: οἱ ἐπιστάμενοι, cf. 2, 33: οἱ φοβούμενοι τὸν κύριον ἐν ἐπιστήμῃ.

[S. 122] Psalm. Salom. 14, 8: ὁδοὶ ἀνθρώπων γνωσταὶ ἐνώπιον αὐτοῦ διὰ παντός καὶ ταμεῖα καρδίας ἐπίσταται πρὸ τοῦ γενέσθαι.

Die Psalmen Sal. 5 und 6 bieten nicht weniges Verwandte.

Psalm. Salom. 6, 3: ἐν διαβάσει ποταμῶν καὶ σάλῳ θαλασσῶν οὐ πτοηθήσεται.

Psalm. Salom. 8, 33: κύριε σωτήρ.

Psalm. Salom. 9, 1: ὁ κύριος ὁ λυτρωσάμενος αὐτούς.

Psalm. Salom. 9, 8: σὺ ὁ θεὸς καὶ ἡμεῖς λαὸς ὃν ἠγάπησας.

Psalm. Salom. 9, 10: οἰκτείρησον, ὁ θεὸς Ἰσραήλ, ὅτι σοί ἐσμεν.

Psalm. Salom. 14, 3. 4: Paradies und Pflanzung.

Psalm. Salom. 15, 6: ὅτι τὸ σημεῖον τοῦ δεοῦ ἐπὶ δικαίους εἰς σωτηρίαν.

Psalm. Salom. 16, 4: ὁ σωτὴρ καὶ ἀντιλήπτωρ μου, cf. 17, 3: ὁ θεὸς σωτήρ.

Obwohl die Testamente der zwölf Patriarchen viel Verwandtes bieten und namentlich die Interpolationen und die Art, wie sie vorgenommen worden ist, zu Vergleichungen auffordert, ist das Material nicht so beschaffen, daß die Verwandtschaft durch Hervorhebung von Einzelheiten deutlicher wird. Dasselbe gilt von den Apokalypsen Henoch, Esra, Baruch. Doch lohnt es sich in Bezug auf das Buch Henoch einige Einzelheiten hervorzuheben; man vergleiche im Index der Ausgabe Flemmings die Stichworte „Abgrund“, „Angesicht“, „Aufsteigen zum Himmel“, „die Auserwählten“, „Barmherzigkeit“, „Baum“, „Buch“, „Erzengel“, „Erdenbewohner“, „Erkenntniß“, „Ewigkeit“, „Fittiche“, „Freude“, „Friede“, „Garten“ (Paradies), „Gedanken Gottes“, „Geheimnisse“, „Geist“, „Geister“, „Gepflanzt werden“, „Gerechtigkeit“, „Gericht“, „Glaube“, „Größe Gottes“, „Haupt“ (Gott), „die Heiligen“, „der Herr“, „Herrlichkeit“, „Herrschaft“, „Herz“, „der Höchste“, „Höhe“ (des Himmels), „Hölle“ (Totenreich), „Joch“, „Kinder“ (Söhne), „Kleid“, „das Leben“, „Lebensfreude“, „Licht“, „Name“, „Pfade“, „Pflanze“, „Quelle“, „Ruhe“, „Schöpfung“, „Selig“, „Sohn Gottes“, „Ströme“, „Tafeln“, „Tag“, „Völker“, „Wagen“, „Wahrheit“, „wahrhaftig“, „Wasser“, „Wasserflut“, „Weisheit“, „Welt“, „Wort“, „Wurzel“, „Zeichen“. C. 2 ff. 41. 72 ff.: Schilderung der Regelmäßigkeit der [S. 123] Weltordnung. C. 39, 5: „Gerechtigkeit floß wie Wasser von ihnen, und Barmherzigkeit wie Tau auf der Erde: so ist es unter ihnen in alle Ewigkeit“, cf. 49, 1: „Weisheit ist ausgegossen wie Wasser“, 48, 1: „alle Durstigen tranken aus den Quellen der Weisheit“; das ganze 39. Capitel ist seiner Verwandtschaft wegen zu vergleichen (s. u. a. v. 7: „die Fittiche des Herrn der Geister“). Dazu sind besonders Stellen aus c. 42. 43. 47. 48. 52. 58. 60. 62. 63. 91. 93 hervorzuheben.

Endlich sei darauf hingewiesen, daß zwischen einigen erhabenen Ausführungen des Clemens Alexandrinus im Pädagog und den Oden eine gewisse Verwandtschaft besteht.

 

 

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Einleitung zu:
Oden Salomos (Apokryphe Literatur)

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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