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Johannes Flemming, Geschichtliche Untersuchungen. In: Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert, aus dem syrischen übersetzt von J. Flemming, herausgegeben von Adolf von Harnack (TU 35/4), Leipzig 1910.
Geschichtliche Untersuchungen

4. Die Zeitspuren. Der Ort. Die Ursprache. Der Verfasser und sein Kreis.

Harris hat eine Reihe von speciellen Zeitspuren in den Oden finden zu können geglaubt, freilich den größten Teil derselben selbst als unsicher bezeichnet; in Wahrheit sind sie alle hinfällig bis auf die eine, daß der Tempel noch steht. Ob, wenn wir alle Oden genau verstünden, sich versteckte Zeitspuren noch nachweisen ließen, mag dahin gestellt bleiben. Indessen genügt die eine Zeitspur einigermaßen; denn da die Oden sehr wahrscheinlich nach den Psalmen Salomos abgefaßt sind (s. o. S. 10), so müssen sie zwischen c. 50 a. Chr. n. und c. 67 p. Chr. n. gedichtet sein. Es steht also nicht viel mehr als ein Jahrhundert für die Abfassung offen.

Was den Ort betrifft, so ist (s. o. S. 10) bei Palästina bezw. benachbarten syrischen Gebieten zu verharren. Zwar ist hier mehr der Gesamteindruck und die Überlieferungsgeschichte entscheidend als specielle Argumente, da solche leider fast ganz fehlen; aber gegen jene kann nichts Gewichtiges eingewandt werden, und jeder Fingerzeig, der auf ein anderes Land wiese, wird vermißt. Dort, wo die Testamente der zwölf Patriarchen und die verwandte Literatur entstanden ist, werden auch die Oden verfaßt worden sein.

[S. 105] Die Ursprache anlangend (s. o. S. 11), so ist gewiß, daß diese Oden in semitischem Geiste concipiert sind, aber das entscheidet noch nicht über die Sprache. Stärker fällt ins Gewicht, daß in einer Anzahl von Oden Sinnschwierigkeiten und Dunkelheiten sich finden1, die durch eine Rückübersetzung ins Griechische nicht gehoben werden, die man aber auch nicht auf Fehler des syrischen Übersetzers zurückführen kann, da er, wie wir wissen, treu und mit Verständnis übersetzt hat. In diesen Fällen liegt die Annahme nahe, daß die Oden hebräisch (aramäisch?) abgefaßt waren und der griechische Übersetzer dem Texte nicht gewachsen war, wie das ja auch bei den Psalmen Salomos beobachtet wird. Das Sprunghafte und Unlogische, welches sich, wenn auch nicht sehr häufig, doch öfters findet, empfängt bei der Annahme einer semitischen Urschrift seine beste Erklärung. Doch bin ich nicht in der Lage, eine Entscheidung zu geben.

Das religiöse Selbstbewußtsein des Verfassers ist oben gezeichnet worden: er ist kein Pharisäer, kein Essener, kein synkretistischer Gnostiker; er gehört aber auch nicht zu dem Kreise derer, die auf den Trost Israels warteten; er schaut nicht auf den Messias aus, denn der Herr hat ihn bereits erlöst. Seelenzustände und die (durch die geoffenbarte Erkenntnis ge- wonnene) Seligkeit beschäftigen ihn mehr als alles andere. Alle Vermittelungen, Ceremonien und die religiösen Apparate sind unter seinem Fuße; er ist, was man heute einen „liberalen“ Frommen nennen würde, voll Innigkeit und vom Geist der Liebe durchströmt (aber ohne den Ernst und die Tiefe der christlichen Sündenerkenntnis; einen Versöhner braucht er nicht). Er ist ein mystischer Prophet; nur einen realistischen Punkt hält er fest, das ist die Erwartung des Gerichts. Darin ist er Israelit. Er ist kein Einsiedler und scheint auch kein Asket zu sein; er steht in einem Kreise und sorgt für die Gläubigen; er will sie weisen, trösten, entflammen durch die Mitteilung seiner Erfahrungen. Aber das Volk Gottes erwähnt er nicht, und die Geschichte desselben liegt weit hinter ihm. Erst der Interpolator hat die Erzväter eingeführt und denkt an das Volk Gottes. Also steht er nicht mitten im Volke, nicht bei Moses und den Propheten, sondern neben und über ihnen. Wo ist er zu suchen, und wo [S. 106] der Kreis, zu dem er gehört? Wir wissen es nicht; vergeblich sucht man bei Juden und Judenchristen des Zeitalters der Apostel, vergeblich bei Epiphanius, Philo, Josephus. Da an die Essener nicht zu denken ist, soll man an die Therapeuten denken? Aber die Therapeuten sind in Ägypten, und trotz der wortreichen Schilderung Philos wissen wir von ihnen sehr wenig. Immerhin ― wenn es solche Therapeuten im Zeitalter Christi gegeben hat, was immer noch nicht ganz feststeht, so erklärt ihre Existenz manches in den Zügen, die den Verfasser dieser Oden charakterisieren. Aber noch wichtiger bleibt der Zusammenhang mit „Johannes“. Dieser „Johannes“ mag, bevor er Christ wurde, bereits ein jüdischer Mystiker gewesen sein wie der Verfasser unserer Oden. Ihm ist er am nächsten verwandt; sie können aus einem Kreise stammen. Aber „Johannes“ wurde Christ und knüpfte Licht, Wahrheit und Leben nun an den Jesus Christus. Mit diesem hat der Verfasser der Oden gar nichts zu tun. Die originale und herbe Größe Jesu wird durch diese Oden, wie man auch über sie urteilen mag, überhaupt nicht betroffen, und sie bilden keine Voraussetzung für sie.

Von dem Verfasser habe ich stets gesprochen. Es haben sich nach Ausscheidung der Interpolationen keine bestimmten Beobachtungen ergeben, die anraten, die Oden auf mehrere Verfasser zu verteilen. Daß sie viel einheitlicher sind als die älteren oder die jüngeren kanonischen Psalmen, liegt auf der Hand. Ein Blick auf das Vokabular bestätigt es. Dennoch kann die Möglichkeit eines anderen Verfassers für diese oder jene Ode nicht beseitigt werden, und so muß man sich mit dem Ergebnisse bescheiden, daß die Oden wesentlich einheitlich sind und daher auch größtenteils von einem Verfasser herrühren werden2.

1: S. den Commentar. Vielleicht liegt in Ode 24 (Rad = Wirbelwind) ein Fingerzeig für die hebräische Grundsprache.
2: Ob die Oden schon in der jüdischen Urgestalt „Oden Salomos“ geheißen haben? Ob sie wirklich für salomonisch gelten wollten? Wir können darüber nichts ausmachen. Das erstere ist mir wahrscheinlich.

 

 

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Einleitung zu:
Oden Salomos (Apokryphe Literatur)

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger