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Johannes Flemming, Geschichtliche Untersuchungen. In: Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert, aus dem syrischen übersetzt von J. Flemming, herausgegeben von Adolf von Harnack (TU 35/4), Leipzig 1910.
Geschichtliche Untersuchungen

2. Kritik der Oden, Fortsetzung. (Das religiöse Selbstbewußtsein des jüdischen Sängers).

Der Christ, welcher diese Oden für den christlichen Gebrauch überarbeitet und vermehrt hat, hat dies getan, weil er sie erbaulich und maßgebend fand, und zwar fühlte er sich durch ihren religiösen Inhalt ebenso angezogen wie speciell durch das religiöse Selbstbewußtsein des Sängers. Dieses muß er als prophetisch-messianisch beurteilt haben. Er sah also in diesen Oden ebenso messianische Gesänge wie in den Psalmen Davids und hat sie in dieser ihrer vermeintlichen Haltung durch seine [S. 86] Zusätze verstärkt, vertieft und präcisiert, ähnlich wie in den kanonischen Psalter zu Psalm 96, 10 die Worte hinzugefügt worden sind: ἀπὸ τοῦ ξύλου.

In der Tat sagt das „Ich“ in diesen Oden an einigen Stellen so hohe Dinge von sich aus, daß man wohl begreift, daß man in ihm christlicherseits Christus gesehen hat; aber in Wahrheit kann davon keine Rede sein: es spricht hier ein Mystiker, der sein Ich durch die Offenbarung und Erkenntnis Gottes und durch das innigste Liebesverhältnis mit ihm erlöst, sichergestellt und ins Ewige erhoben sieht, der aber auch die Aufgabe empfindet, das, was er erfahren hat, als Bote Gottes den Anderen mitzuteilen und ihnen überhaupt prophetische Aufschlüsse zu bringen. Also ein Prophet, der zugleich Mystiker ist! Seine Frömmigkeit und sein religiöses Selbstbewußtsein liegen auf der Linie einiger jüngerer Psalmen, überschreiten sie aber bedeutend. Eine Zusammenstellung der Selbstaussagen möge dies Urteil belegen1:

Ode 1: Der Herr ist ein lebendiger, Früchte bringender Kranz auf meinem Haupte.

Ode 3: Ich liebe den Herrn und wo er ist, da bin ich auch; ich bin in der Liebe aufs innigste mit ihm vereint (vermischt); er hat mich zuerst geliebt, und durch die innigste Vereinigung mit ihm habe ich unvergängliches Leben.

Ode 5: Der Verfasser hat unter Verfolgern zu leiden, aber er ist der gewissen Hoffnung, daß Gott seine Feinde ins Dunkle führen und ihre Anschläge verachten wird; „ich werde nicht sterben, denn der Herr ist mit mir und ich mit ihm“.

Ode 6: Der Geist des Herrn fährt über den Sänger wie über eine Zither; er redet in seinen Gliedern.

Ode 7: Im stürmischen Lauf der Freude eilt der Sänger zu Gott . . . . „Er, der mich geschaffen hat, wußte, ehe ich war, was ich tun würde, wenn ich in das Dasein träte; denn darum hat er sich meiner erbarmt in seiner großen Barmherzigkeit und hat mir gewährt, daß ich ihn bitten soll und empfangen von seinem Wesen; denn er ist unvergänglich, die Fülle der Welten und ihr Vater . . . . er hat die Spuren seines Lichts über den [S. 87] Weg zur Wahrheit gesetzt, und ich bin ihn vom Anfang bis zum Ende gegangen“.

Ode 8: Vom 10.―22. Verse spricht der Sänger im Namen Gottes selbst.

Ode 9: „Ich verkündige euch Frieden, euch, seinen Heiligen, damit alle, die es hören, nicht in Krieg geraten“.

Ode 11: „Der Höchste hat mich mit seinem h. Geist durchschnitten und hat mich mit seiner Liebe erfüllt, und sein Schneiden ist mir zur Erlösung geworden . . . Vom Anfang bis zum Ende habe ich seine Erkenntnis empfangen und habe fest auf dem Felsen der Wahrheit gestanden . . . ich ward trunken von dem lebendigen unsterblichen Wasser . . . Ich wurde reich durch seine Gabe und ließ die Torheit, die auf die Erde hingeworfen ist . . . und der Herr erneuerte mich in seinem Kleide . . . und er hat mich in das Paradies gebracht“ (folgt eine Schilderung desselben).

Ode 12: „Er hat mich angefüllt mit Worten, daß ich sie aussprechen möchte, und wie das Fließen des Wassers fließt die Wahrheit aus meinem Munde . . . und er hat in mir seine Erkenntnis gemehrt“.

Ode 14: „Wie die Augen des Sohnes auf seinen Vater, so sind meine Augen, o Herr, allezeit auf dich gerichtet“. Der Sänger läßt ein Bittgebet für sich selbst folgen (Bitte um Errettung vom Bösen usw.).

Ode 15: Gott ist für den Sänger die Sonne geworden; er hat Augen und Ohren durch ihn erhalten; er hat seinen heiligen Tag gesehen und seine Wahrheit gehört. „Ich habe den Weg des Irrtums verlassen und bin zu ihm gegangen und habe die Erlösung empfangen . . . . ich habe Unvergänglichkeit angezogen durch seinen Namen . . . das Sterbliche ist vernichtet vor meinem Antlitz, und die Hölle abgetan durch mein [lies „sein“; aber der Interpolator hat vielleicht „mein“ eingesetzt] Wort“.

Ode 16: „Gottes Liebe hat mein Herz ernährt . . . meine Liebe ist der Herr . . . sein Geist wird durch mich reden von der Herrlichkeit des Herrn und seiner Schönheit“.

Ode 18: Der Sänger bezeugt, daß er durch die Gottesliebe stark geworden sei. „Krankheiten sind meinem Leibe fern geblieben . . . o Herr, um der Schwachen [der Schlechten] [S. 88] willen nimm nicht von mir dein Wort, auch halte nicht um ihrer Werke willen von mir fern deine Vollendung . . . . Zum Siege wird deine Rechte unsre Erlösung machen“.

Ode 20: „Ich bin ein Priester des Herrn und leiste ihm priesterlichen Dienst, und ich bringe ihm dar das Opfer seines Gedankens“.

Ode 21: Dank für die Erhöhung zur Gnade und zur Erlösung Gottes. „Ich habe abgelegt die Finsternis und angezogen das Licht, und es sind mir Glieder zu teil geworden zu meiner Seele, in denen kein Schmerz, auch keine Pein und keine Leiden sind, und besonders hilfreich war für mich der Gedanke des Herrn und seine unvergängliche Gemeinschaft; und ich wurde erhoben in sein Licht und wirkte vor seinem Antlitz, und ich war ihm nahe, ihn preisend und ihn verkündend. Mein Herz floß über und fand sich in meinem Munde . . . . und die jauchzende Begrüßung des Herrn wuchs auf meinem Angesicht und sein Preis“.

Ode 22: „Er, der mich herabbrachte aus der Höhe [also wohl der Präexistenzgedanke] wird mich auch hinaufführen aus den Niederungen . . . Er, der meine Feinde und meine Widersacher zerstreut, ist der, der mir die Macht gab über die Fesseln, sie zu lösen. Der du durch meine Hände den siebenköpfigen Drachen bezwangst, du hast mich auch über seine Wurzeln gestellt, daß ich seinen Samen austilgen möchte. Du warst daselbst und halfst mir, und allerorten ward dein Name von mir gesegnet. Deine Rechte hat sein schlimmes Gift zerstört, und deine Hand hat den Weg für die geebnet, die an dich glauben“.

Ode 25: „Ich bin entkommen aus meinen Banden und habe mich zu dir geflüchtet, mein Gott . . . Du hast zurückgehalten, die sich gegen mich erhoben . . . Dein Antlitz war mit mir, welches mich errettete durch deine Gnade . . . . Ich aber war verachtet und verworfen in den Augen vieler, und ich war in ihren Augen wie Blei“. Aber Gott hat ihm geholfen. „Ich bin bedeckt mit dem Kleid deines Geistes, und er hat weggenommen von mir die Kleider von Fell . . . und hat Krankheit an mir vorübergehen lassen. Und ich bin stark geworden in der Wahrheit . . . und es fürchteten sich vor mir alle meine Widersacher, und ich bin dem Herrn zu eigen geworden im Namen des Herrn und bin gerechtfertigt worden in seiner Güte“.

[S. 89] Ode 26: „Ich sprudelte Lob für den Herrn hervor; denn ich bin sein eigen . . . Seine Zither ist in meinen Händen“.

Ode 28: „Die Flügel des Geistes sind über meinem Herzen . . . Ich habe geglaubt, darum habe ich Ruhe gefunden . . . das Schwert soll mich nicht von dem Herrn scheiden, . . . . unsterbliches Leben ist hervorgekommen und hat mich geküßt . . . Es wunderten sich diejenigen, die mich sahen, denn ich war verfolgt, und sie meinten, ich wäre verschlungen . . . Meine Bedrückung aber wurde mir zur Rettung . . . Weil ich einem jeden Gutes tat, wurde ich gehaßt, und sie umringten mich wie tolle Hunde, die in ihrem Unverstand gegen ihren eigenen Herrn gehen; denn ihr Verstand ist verderbt, und ihr Sinn ist verkehrt . . . Ich ging nicht zu Grunde, weil ich nicht ihr Bruder war; denn auch meine Abstammung war nicht wie die ihrige. Und sie suchten meinen Tod und fanden ihn nicht; denn ich war älter als ihr Gedächtnis (reichte), und vergebens bedrohten sie mich, und die, welche hinter mir waren, versuchten umsonst das Gedächtnis jenes, der vor ihnen war, zu vernichten; denn dem Gedanken des Herrn kann man nicht zuvorkommen, und sein Herz ist größer als alle Weisheit“.

Ode 33: Der Sänger läßt eine „vollkommene Jungfrau“ (den h. Geist? die Weisheit?) in messianischen Worten sprechen („Höret mich und lasset euch erlösen; denn ich verkündige die Gnade Gottes unter euch, und durch meine Hände werdet ihr erlöst werden und selig sein“). In den beiden Schlußversen läßt er dann Gott selbst sprechen.

Ode 35: Während Rauch und Gericht ausgeht, ist der Sänger geborgen und erquickt und ruhig in Gott. „Mehr als Schatten war er mir und mehr als Fundament. Und wie ein Knabe von seiner Mutter wurde ich getragen . . . und ich breitete meine Hände aus bei dem Aufstieg meiner Seele, und ich nahm meine Richtung zu dem Höchsten und war errettet bei ihm“.

Ode 36: „Ich ruhte auf dem Geiste des Herrn, und er erhob mich zur Höhe und stellte mich auf meine Füße auf der Höhe des Herrn vor seine Vollendung . . .; denn nach der Größe des Höchsten hat er mich gemacht und nach seiner Erneuerung hat er mich erneuert, und er hat mich gesalbt aus seiner Vollkommenheit, und ich wurde einer von den ihm Nahestehenden [S. 90] . . . . und mein Nahesein war in Frieden, und ich wurde festgegründet durch den Geist seiner Regierung“.

Ode 37: Der Sänger bezeugt, daß Gott seine Stimme gehört und ihm geantwortet und ihm Ruhe gegeben hat.

Ode 38: „Ich bin hinaufgestiegen zum Lichte der Wahrheit wie auf einen Wagen, und die Wahrheit hat mich geleitet und mich gebracht und hat mich vorbeigeführt an Schlünden und Spalten und vor Klippen und Wogen mich errettet“. Folgt ein Lobpreis der Wahrheit, die den Sänger schützt und leitet und zum Leben führt. Sie hat ihm auch den Verderber und seine Braut gezeigt. „Ich aber war weise geworden, so daß ich nicht in die Hände des Verführers fiel, und ich freute mich für mich selbst, daß die Wahrheit mit mir ging, und ich war festgegründet und errettet und erlöst. Und mein Fundament war auf die Hand des Herrn gelegt, weil er mich gepflanzt hatte“.

Ode 40: Der Herr ist die Hoffnung des Sängers und seine jubelnde Freude.

Ode 41: Diese Ode ist eine Compilation und sie enthält in v. 8―10 unvermittelt und plötzlich ein Ich-Stück: „Es sollen staunen alle, die mich sehen; denn ich bin von einem andern Geschlecht; denn der Vater der Wahrheit erinnerte sich meiner, der, der mich besessen hat von Anfang an; denn sein Reichtum hat mich erzeugt und der Gedanke seines Herzens“.

Ode 42: Auch diese Ode ist eine Compilation. Die Verse 4―16, die sehr dunkel und nicht christlich sind, lauten: „Ich bin ohne Nutzen geworden für die, die mich nicht ergriffen haben (?), und ich werde bei denen sein, die mich lieben. Alle meine Verfolger sind gestorben, und es haben mich gesucht die, welche ihre Hoffnung auf mich setzten, weil ich lebe, und ich bin aufgestanden, bin bei ihnen und rede durch ihren Mund; denn sie haben ihre Verfolger verachtet, und ich habe auf sie das Joch meiner Liebe gelegt. Wie der Arm des Bräutigams auf der Braut, so ist mein Joch auf denen, die mich kennen, und wie das Brautlager, das ausgebreitet ist im Hause des Brautpaares, so ist meine Liebe über denen, die an mich glauben. Ich bin nicht verschmäht worden, auch wenn man es von mir glaubte, und ich bin nicht zu Grunde gegangen, auch wenn man es von mir dachte. Die Hölle hat mich gesehen und war barmherzig, und der Tod hat mich zurückkehren lassen und viele [S. 91] mit mir“. Dieses Stück spottet in seiner Verworrenheit aller Kritik, und man sieht sich genötigt, es bei Seite zu lassen als einen wirren, wahrscheinlich aber auch (namentlich in den Pronom.) schlecht überlieferten Cento (auch Christliches?).

Alle diese Stellen geben ein zusammenhängendes, wesentlich einheitliches Bild von dem Sänger, das keine messianischen Züge trägt, überhaupt den Messianismus gar nicht in Rechnung zieht und mit den christologischen Zügen, die S. 79 ff. festgestellt sind, schlechterdings nichts zu tun hat. Es ist höchst charakteristisch, daß der Sänger die einzige Botschaft, die man messianisch nennen muß, einer „vollkommenen Jungfrau“ (33, 6―9) in den Mund legt. Er ist ein Prophet, der in der innigsten Gottesliebe lebt, sich zwar seinen gläubigen Hörern gegenüber stellt, aber auch öfters sich als Gläubigen mit ihnen zusammenfaßt. Bringen wir die einzelnen Züge in eine Einheit:

Gott nach seiner Größe hat ihn gemacht (7. 36); der Reichtum des Herrn hat ihn erzeugt und der Gedanke seines Herzens (41); Gott kannte ihn vorher (7); bei Gott hat er schon früher ein Sein gehabt; er hat ihn herabgeführt (22. 28). Der Vater der Wahrheit hat sich seiner erinnert (41); er hat ihn gepflanzt (38). Durch Gott und seine Wahrheit hat er den Weg des Irrtums verlassen (11. 15. 38); die Wahrheit hat ihn nun stetig geleitet (38); bis zum Ende ist er den Weg der Wahrheit gegangen (7). Gott hat sich seiner erbarmt (7); Gott hat ihn erlöst (11. 15. 18. 21. 22. 25. 33. 35) und gerechtfertigt (25); er hat ihn die Erkenntnis vom Anfang bis zum Ende kennen gelehrt und ihm Augen und Ohren gegeben (11. 12. 15); er hat ihm lebendiges Wasser gegeben und ihn trunken gemacht (11 u. sonst); Gott hat ihn erneuert in seinem Kleide, hat ihn das Licht anziehen lassen, hat ihn bedeckt mit dem Kleide seines Geistes und ihm die Kleider von Fell weggenommen (11. 21. 35. 36); der neue Leib, den er hat, kennt keine Krankheiten noch Leid (18. 21. 25). Er ist in der Liebe mit Gott, der ihn zuerst geliebt hat, vereint; er wird nicht sterben; denn er besitzt Unsterblichkeit als Geliebter Gottes und unvergängliches Leben: selbst das Schwert scheidet ihn nicht mehr von Gott (3. 5. 7. 11. 15. 16. 18. 21. 28); er ist einer von den Gott Nahestehenden geworden (36); er ist das Eigentum des Herrn (25. 26); er hat geglaubt und Ruhe gefunden (28). Er hat den [S. 92] heiligen Tag des Herrn gesehen (15); Gott hat ihn erhöht (21); er ist ein Priester Gottes (20); er ist gesalbt aus seiner Vollkommenheit (36); er ist in das Paradies Gottes geführt (11). Allein andererseits richtet er heiße Bittgebete an Gott für sich selbst, daß das Wort nicht von ihm weiche und er auf dem rechten Wege bleibe (7. 14. 18).

Er hat Schweres erduldet, aber er ist aus den Banden entkommen (25); der Tod war barmherzig und hat ihn nicht behalten (42); er war verachtet und verworfen in den Augen vieler (25); schlimme Verfolgungen hat er erlitten (5. 22. 28. 42); er wurde gehaßt, weil er einem jeden Gutes tat; aber die Verfolger, die sich wie tolle Hunde gebärdeten, sind niedergeschlagen, obgleich sie ihn schon tot glaubten (28); er hat den siebenköpfigen Drachen bezwungen, damit er dann auch seinen Samen austilge (22); die Widersacher müssen sich bereits über ihn wundern (28), ja ihn fürchten (25). Zu Grunde ist er nicht gegangen, weil er etwas anderes ist als seine Gegner; er ist nicht von ihrer Abstammung: er ist nicht ihr Bruder; er ist von einem anderen Geschlecht (28. 41). Er ist durch den Geist Gottes regiert, der ihn durchschnitten hat und durchwaltet; der Geist redet in ihm (6. 11. 16. 36). Daher spricht er im Namen Gottes (8. 16. 33). Daher verkündet er die Wahrheit, die wie ein Strom aus seinem Munde fließt (12), verkündet Frieden (9), und Gottes Name ward allerorten von ihm gesegnet (22).

Das Meiste geht hier über die Linie des gottbegnadeten Propheten in der Entwickelung einer bestimmten Linie der Frömmigkeit des Spätjudentums nicht hinaus. Die Präexistenz ist nach Psalm 139 und verwandten Stellen zu verstehen, und von hier aus sowie aus der so kräftig erfaßten, die Unvergänglichkeit involvierenden Erlösungsidee erklären sich auch zur Not die auffallenden Aussagen darüber, daß er nicht „der Bruder“ seiner und Gottes Gegner, sondern aus einem anderen Geschlechte sei. Die Frommen sind kraft göttlicher Präscienz und Prädestination stets bei Gott gewesen und können, nachdem sich ihre Erlösung vollzogen hat, sagen, daß sie auch einen anderen Ursprung als die Bösen haben. Was er von dem Ausziehen des alten Leibes, dem Anziehen eines neuen, leidlosen und von dem bereits perfecten Besitz der Unsterblichkeit sagt, sagt er nicht nur von sich, sondern von allen Gläubigen [S. 93] gleicherweise2. Das Nähere hierüber s. im 3. Kapitel. Aber ein Überschuß eines auf jüdischem Boden ungewöhnlichen Selbstbewußtseins bleibt bestehen.

Die literarische Kritik der Oden ist damit vollzogen, und wir konnten sie bis auf den dunklen Abschnitt 42, 4―16 einfach mit dem Messer vollziehen. Aber drei Oden haben wir bisher bei Seite gelassen, deren Kritik so schwierig erscheint, daß es angezeigt war, sie erst zu unternehmen, nachdem man über alle übrigen Oden ins Reine gekommen war. Die drei Oden sind die 10. 17. und 29.

Ode 10: Die drei ersten Verse bieten keine Schwierigkeit; sie sind sicher vom Verfasser des Ganzen: „Der Herr hat meinem Munde die Richtung gegeben durch sein Wort und hat mein Herz geöffnet durch sein Licht und hat in mir wohnen lassen sein unsterbliches Leben und hat mir gegeben zu reden von der Frucht seines Heils, um zu lenken die Seelen derjenigen, die zu ihm kommen wollen und gefangen zu nehmen eine gute Gefangenschaft zur Freiheit“. Außer dem Bilde von der Gefangenschaft ist Alles aus den anderen jüdischen Oden als gleichartig sicher zu belegen: das Bild von der Gefangenschaft, die frei werden soll, ist für den jüdischen Verfasser nicht auffallend. Ebenso gewiß ist aber umgekehrt, daß der letzte Vers christlich ist; denn das ist die Sprache des erschienenen Christus (v. 8): „und sie wandelten in meinem Leben und wurden erlöst und wurden mein Volk in alle Ewigkeit“. Zu „mein Volk“ s. das christliche Stück 31, 11; sonst kommt der Ausdruck nicht vor. Schwierigkeit machen aber die dazwischen liegenden Verse 4―7:

4 „Ich bin stark und mächtig geworden und habe die Welt gefangen genommen,
5 „und es ist durch mich geschehen zum Ruhme des Höchsten und Gottes meines Vaters,
6 „und die Völker, die zerstreut waren, wurden zusammengeschart,
7 „und ich war unbefleckt in meiner Liebe, weil sie mich verkündeten auf Höhen, und es wurden die Spuren des Lichts auf ihr Herz gelegt“.

[S. 94] Es ist doch ganz überwiegend wahrscheinlich, daß diese Verse christlich und Jesus Christus in den Mund gelegt sind. Daß die Welt von ihm gefangen genommen worden sei, kann der jüdische Sänger schwerlich behaupten, und auch die Zusammenscharung der Völker kann nicht wohl sein Werk sein. Dazu kommt, daß zwischen beiden Aussagen der Satz steht: „zum Ruhme Gottes meines Vaters“. In den jüdischen Stücken heißt aber Gott zwar der Vater der Erkenntnis (7, 9), der Wahrheit (41, 9), der Welten (7. 13) und er heißt einfach „Gott der Vater“ (9, 4)3; aber nur in den christlichen Stücken heißt er „euer Vater“ (8, 26) und Vater des Sohnes bezw. des Messias (19, 1ff.; 23, 16. 19; 31, 5; 41, 14); also ist der 5. Vers christlich. Andererseits findet sich der Ausdruck: „es wurden die Spuren des Lichts auf ihr Herz gelegt“ in der jüdischen Ode 7, 17, und auch die Einzelworte von v. 4: „Ich bin stark und mächtig geworden“ scheinen auf die Grundschrift zu weisen. Endlich sind die Worte: „Ich war unbefleckt in meiner Liebe, weil sie mich verkündeten auf Höhen“, ganz unverständlich. Man wird die Ode für eine mißglückte christliche Überarbeitung einer jüdischen Ode halten und auf eine genaue Scheidung verzichten müssen.

Ode 17: Die Schwierigkeiten dieser Ode beginnen erst mit v. 8b; bis dahin fügt sich Alles zu den sonst in den jüdischen Oden geläufigen Gedanken. Vers 1 (Gott die lebendige Krone) s. Ode 1: v. 2a („ich bin gerechtfertigt durch meinen Herrn“) s. 25, 11; 29, 5; v. 2b („meine unvergängliche Erlösung ist er“) s. Ode 11; 15; 18; 21; 22; 25; 33; 35. Niemand wird an Jesus Christus, sondern an den jüdischen Sänger denken, wenn es dann in v. 3 und 4a heißt: „Ich bin befreit von dem Nichtigen und bin kein Verdammter; meine Fesseln sind zerschnitten von seinen Händen“. Der nun folgende Satz v. 4b: „Antlitz und Gestalt einer neuen Person habe ich angenommen, bin in sie hineingegangen und bin erlöst“, und der v. 6 („Alle die mich sahen, waren erstaunt, und ich kam ihnen vor wie ein Fremder“) sind nicht mehr so paradox, wenn man sie mit den Aussagen in 41, 8; 28, 14 sowie mit dem vergleicht, was der Sänger auch sonst von seiner Erneuerung sagt. Zu dem 5. Vers („der [S. 95] Gedanke der Wahrheit hat mich geführt, ich bin ihm nachgegangen und nicht in die Irre geraten“) s. die z. T. wörtlich gleichlautenden Parallelen in Ode 11: 15; 38. Dasselbe gilt von den Versen 7 und 8a: „Und der mich kannte und groß gezogen hat, ist der Erhabene in all seiner Vollendung, und er hat mich mit Ehren bedacht in seiner Freundlichkeit und meine Erkenntnis erhoben bis zur Höhe der Wahrheit, und von da an hat er mir den Weg seiner Satzungen gegeben“. Aber die nun folgenden Aussagen gleiten von dem Bekenntnisse eines Propheten zu messianischen Aussagen hinüber. Zwar können v. 8b und 9 noch zur Not von jenem gesagt sein, aber die folgenden Verse 10—14 nicht mehr:

10 „und nichts erschien mir verschlossen: denn die Pforte zu Allem war ich,
11 „und ich ging zu allen meinen Gefangenen, sie zu lösen, daß ich keinen übrig ließe, der gebunden wäre oder bände,
12 „und ich gab meine Erkenntnis ohne Neid und mein Gebet in meiner Liebe,
13 „und ich säte aus in die Herzen meine Frucht und verwandelte sie in mich, und sie empfingen meinen Segen und wurden gerettet,
14 „und sie scharten sich zu mir und wurden erlöst; denn sie waren für mich die Glieder, und ich ihr Haupt“.

Die angehängte Doxologie („Preis dir unsrem Haupte, dem Herrn, dem Gesalbten“) haben wir schon oben (S. 82) als christlich in Anspruch genommen; aber auch diese fünf Verse können nur christlich sein und müssen auf Jesus Christus gehen. Sie passen schlechterdings nicht zu dem, was der Sänger in 1―8a (und in den anderen Oden) von sich ausgesagt hat. Er spricht sonst nicht von „seiner“ Erkenntnis, die er ohne Neid gibt, sondern von der Erkenntnis, die Gott ohne Neid gibt; er kann die Menschen nicht „seine“ Gefangenen nennen, und sie sind auch nicht „seine“ Glieder, und er nicht „ihr Haupt“. Umgekehrt erinnert v. 10 an Joh. 10, v. 11 an Ephes. 4, 8, v. 13 an Matth. 13, 3 ff., v. 14 an paulinische Stellen. Die beiden Teile der Ode sind also ganz übel miteinander verbunden von dem christlichen [S. 96] Interpolator, der so unverständig und so kühn gewesen ist, den jüdischen prophetischen Sänger als Messias zu verstehen. Dieser Christ hat aber auch das kühne Wort geprägt und Jesus in den Mund gelegt, daß er seine Gläubigen „in sich verwandle“; s. darüber unten.

Ode 29. Aus dieser Ode haben wir oben bereits die Verse 6 und 7a als christlich ausgeschaltet; aber damit ist vielleicht noch nicht alles geschehen. Die Composition ist folgende. Vers 1―7 unterscheiden sich nach jener Ausscheidung durch nichts von den Aussagen der großen Masse der übrigen Oden. Gott hat (v. 2) den Sänger gemacht; er hat ihn nach seiner Barmherzigkeit erhöht (v. 3); er hat ihn aus Tod und Hölle heraufgeführt (v. 4); er hat den Widersacher zu Boden geworfen (v. 5a) und den Sänger gerechtfertigt (v. 5b); er hat ihn in seinem Lichte geleitet und ihm den Stab seiner Macht gegeben (v. 7) ― zu allen diesen Aussagen, außer zu der letzten, finden sich zahlreiche Parallelen. Aber auch die letzte würde nicht auffallen, wenn sie sich nicht also fortsetzte (v. 8―11):

8 „daß ich ihm Untertan mache die Gedanken der Völker und zu beugen die Kraft der Gewaltigen,
9 „und Krieg zu machen durch sein Wort und den Sieg zu erringen durch seine Kraft.
10 „Und der Herr warf meinen Feind zu Boden durch sein Wort, und er war wie Spreu, die der Wind wegführt,
11 „und ich gab dem Herrn die Ehre, weil er seinen Knecht groß gemacht hat und den Sohn seiner Magd“.

Die Ausdrücke scheinen auf den ersten Blick zu stark, um das Ich eines Propheten hier anzunehmen, vielmehr scheint der Messias zu sprechen; allein bei näherem Zusehen ist das unwahrscheinlich. Vers 10 correspondiert mit v. 5a, und vom Widersacher ist überhaupt nur in der jüdischen Grundschrift die Rede, nicht aber in den christlichen Interpolationen. „Ich gab dem Herrn die Ehre“ lautet auch nicht messianisch und ebensowenig die Selbstbezeichnung „der Sohn seiner Magd“. Auch würde doch der Messias selbst seinen Feind zu Boden werfen ― also ist hier weder der jüdische Messias (es wäre auch die einzige Stelle, wo in den Oden der jüdische Messias eingeführt wäre) noch Jesus Christus [S. 97] anzunehmen. Freilich erscheint das Selbstbewußtsein des jüdischen Propheten in dem 8. Verse stärker als in irgend einem anderen. Nur um diesen Vers handelt es sich. Ist er vielleicht im messianischen Sinne vom Interpolator gesteigert worden? Stand vielleicht für „Völker“ ursprünglich ein anderes Wort? In den Oden finden sich die Völker (die Heiden) nur noch in 10, 6, und dort stehen sie höchstwahrscheinlich in einem christlichen Stück, vgl. Ode 10, 6: „ich habe die Welt gefangen genommen“. Die Untersuchung der drei schwierigen Oden hat also ergeben, daß zu den christlichen Interpolationen noch hinzukommen Ode 10, 4 b. 5. 6. 8, Ode 17, 10—14 und vielleicht eine Correctur in 29, 8.

Christlich ist also in den Oden etwa ein Achtel des Ganzen, nämlich:
3, 9.
7, 4b―8. 14. 15. 18.
8, 23—26.
9, 2.
10, 4b. 5. 6. 8.
17, 10—14. 15.
19.
23, 16. 19.
24, 1.
27.
29, 6. 7a. (8?).
31, 3—11.
36, 3.
39, 10.
41, 1—7. 11. 12—17.
42, 1—3. 17—25 u. Teile in 4—16.

1: Die Oden 4. 13. 19. 23. 24. 27. 30. 31. 32. 34. 39 enthalten nichts über das Selbstbewußtsein des jüdischen Sängers.
2: Daß er den siebenköpfigen Drachen bezwungen hat, ist für uns dunkel, aber nicht ohne Analogie bei apokalyptischen Propheten.
3: Die Möglichkeit ist offen zu lassen, daß das ein christlicher Zusatz ist.

 

 

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Einleitung zu:
Oden Salomos (Apokryphe Literatur)

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger