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Apokryphe Literatur - Oden Salomos

23. Ode

[Forts. v. [S. 54] ] Die Freude gehört den Heiligen, und wer wird sie anziehen, außer ihnen allein? 2 Die Gnade gehört den Auserwählten, und wer wird sie nehmen, außer denen, die auf sie trauten von Anfang an? 3 Die Liebe gehört den Auserwählten, und wer wird sie anziehen, außer denen, die sie beseßen haben von Anfang an? 4 Wandelt in der Erkenntnis des Höchsten ohne Neid zu seiner Freude und zur Vollkommenheit seiner Erkenntnis. 5 Und sein Gedanke war wie ein Brief, sein Wille kam herab vom Höchsten und war gesandt wie ein Pfeil vom Bogen, der mit Kraft abgeschossen ist. 6 Und es stürzten sich auf den Brief viele Hände, ihn zu faßen, zu nehmen und zu lesen. 7 Und er entfloh ihren Fingern, und sie fürchteten sich vor ihm und vor [S. 55] dem Siegel, das darauf war, 8 weil sie nicht die Macht hatten sein Siegel zu lösen, denn die Kraft, die über dem Siegel war, war stärker als sie. 9 Es gingen also hinter dem Brief her diejenigen, die ihn gesehen hatten, damit sie wüßten, wo er bliebe, und wer ihn lesen und wer ihn hören würde. 10 Ein Rad (Wirbelwind?) aber nahm ihn auf (?) und kam über ihn, 11 und es war mit ihm das Zeichen der Königsherrschaft und der Regierung, 12 und alles, was das Rad in Bewegung setzen wollte, das mähte es nieder und schnitt es ab. 13 Und es raffte die Menge dessen zusammen, das ihm entgegenstand, und es überdeckte Ströme und überschritt sie, es entwurzelte viele Wälder und machte den Weg breit. 14 Das Haupt stieg hinab zu den Füßen, weil bis zu dem Fuße das Rad gelaufen war, und was ein Zeichen an ihm war. 15 Der Brief aber war ein Empfehlungschreiben, weil (darin) zusammengenommen waren alle Orte. 16 Und an seiner Spitze erschien das Haupt, das offenbart war, und der Sohn der Wahrheit vom Vater, dem Allerhöchsten, 17 und er erbte alles und nahm Besitz davon; der Plan vieler aber wurde vereitelt. 18 Es zeigten sich aber viele Abtrünnige frech, und sie entflohen, und die Verfolger und die, welche im Zorn waren, gingen zugrunde. 19 Und der Brief war eine große Tafel, vollständig geschrieben vom [S. 56] Finger Gottes, und der Name des Vaters auf ihr und des Sohnes und des heiligen Geistes, zu herrschen in alle Ewigkeit. Hallelujah.

(Zu Ode 23.)

[Forts. v. [S. 54] ] 1―4. Diese Verse passen nicht zu den Folgenden.
5. Der Sänger sieht in der Offenbarung des göttlichen Gedankens bzw. Ratschlusses ein ungeheuer Plötzliches. Daß er mit dem Brief etwas Bestimmteres meint, ist nicht ersichtlich.
6 f. Man denkt an den Pandora-Mythus. Zu vgl. ist Apok. Joh. 5, 1 ff., aber die Verwandtschaft ist nicht groß.
7 ff. Das Bild ist nicht einheitlich ausgeführt; erst suchen sie den Brief zu erhaschen, dann geraten sie in Furcht des Siegels wegen (s. 4, 8; 8, 16), obgleich der Brief gar nicht in ihren Händen ist. Sie wittern Unheil, ziehen sich aber doch nicht zurück, sondern wollen wissen, was mit dem Briefe wird und was in ihm steht.
10―14. Diese Schilderung ist mir völlig unverständlich; ich muß daher auf eine Erklärung trotz aller Anläufe verzichten. Besonders unverständlich ist (außer v. 12) das Verhältnis des Briefes zum rollenden Rad (Wirbelwind? s. Ps. 77, 19: φωνὴ τῆς βροντῆς σου ἐν τροχῷ). Es scheint das messianische Gericht (s. v. 11) abbilden zu sollen, bevor der Herr selbst erscheint, s. v. 14. Wie kommt „das Zeichen“ hierher (s. 27, 2; 29, 7; 39, 6; 42, 2) und was bedeutet es hier? Ist unter „den Füßen“ die Unterwelt zu verstehen, zu der das Haupt nun herabsteigt? Schwerlich.
15. „ein Empfehlungsschreiben“] d. h. wohl „wie ein Empfehlungs- d. h. Rundschreiben“, welches viele Adressen hat; der Brief bezog sich auf die ganze Welt („alle Orte“).
16. „und der Sohn der Wahrheit“] Das sieht wie ein Zusatz aus.
17. „er erbte alles“] s. Ps. 2, 8.
19. Dieser Vers ist sicher christlich und ein Zusatz; denn nachdem in v. 15 der Brief schon einmal beschrieben war, folgt nun eine neue Beschreibung, die außerdem ganz anders lautet. Jetzt soll man sich den Brief nach Analogie der Gesetzestafeln vorstellen. Die christliche Interpolation mag schon v. 16 beginnen; aber es ist unmöglich zu sagen, wie der ursprüngliche Text gelautet hat.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger