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Johannes Flemming, Einleitung. In: Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert, aus dem syrischen übersetzt von J. Flemming, herausgegeben von Adolf von Harnack (TU 35/4), Leipzig 1910.
Einleitung

4. Über das Verhältnis des syrischen zum koptischen Texte.

Der koptische Text repräsentiert einen griechischen Text, der spätestens der Mitte des 3. Jahrhunderts angehört. Wie alt der griechische Text ist, aus dem die syrische Übersetzung [S. 13] geflossen ist, wissen wir nicht; er kann eine späte Abschrift sein. Man hat also den koptischen Text, soweit er vorhanden, zu Grunde zu legen und zu fragen, wie sich der syrische zu ihm verhält.

Den koptischen Text zu bevorzugen, wird aber noch durch eine andere Erwägung bez. Untersuchung nahegelegt. Vergleicht man nämlich den Text der zahlreichen kanonischen Psalmen, die in der Pistis Sophia in extenso mitgeteilt sind (s. oben S. 3 ff.), mit dem Septuaginta-Text, so findet man, daß dieser vortrefflich wiedergegeben ist. Die Pistis Sophia repräsentiert ohne jede Fälschung oder Entstellung einen alten kirchlichen sahidischen, das Original auffallend treu wiedergebenden Text. Dieser Text — auf die Frage brauche ich mich nicht einzulassen, wie er sich zu den uns erhaltenen sahidischen Psalmentexten verhält1 — steht dem Cod. Sinait. wie ein Zwillingsbruder nahe, daher hat er auch mit R (Psalt. Graeco-Latinum Veronese) nicht weniges Verwandte und geht manchmal noch mit U (Fragm. papyr. Londinensia) zusammen. Ich habe die Texte ganz genau geprüft: abgesehen von den sehr zahlreichen Weglassungen und Hinzufügungen von καί, die zum Charakter der koptischen Sprache gehören, und Mängeln in der Wiedergabe der Tempora, finden sich zwar ein paar Abweichungen von der griechischen Überlieferung, so weit sie bekannt ist, aber sie sind, ebenso wie die offenkundigen Übersetzungsfehler, sehr spärlich und können das Urteil über den Charakter der Übersetzung als einer sehr treuen Wiedergabe des Originals nicht modificieren. Wohl aber finden sich, wenn auch ebenfalls selten, einige Auslassungen von Versen (so Ps. 68, 24a; 69, 3b; 87, 12b u. 13a; 50, 4b. 5a. 6a usw.) Hiernach darf man schließen, daß auch die Oden Salomos in der Pistis Sophia treu überliefert sind, vor allem, daß jede tendenziöse Entstellung fehlt. Der syrische Text muß sich also an dem koptischen in bezug auf seine Reinheit bewähren; nur wenn im Kopten ein Halbvers fehlen sollte, der im Syrer steht, und dieser Halbvers durch den Zusammenhang [S. 14] uns notwendig gefordert erscheint, wird es erlaubt sein, anzunehmen, daß er im Kopten durch ein Versehen oder absichtlich ausgefallen ist.

Wie verhält sich nun der syrische Text zum koptischen? Zur Vergleichung steht freilich nur etwa ein Zwölftel des Ganzen zur Verfügung; denn mehr enthält der Kopte nicht. Was aber den Syrer betrifft, so darf man auf Grund der Nachweisungen von Harris (in bezug auf den syrischen Text der Psalmen Salomos in seinem Verhältnis zum griechischen) p. 37—46 als wahrscheinlich annehmen, daß er eine wesentlich treue, durch keine Tendenzen entstellte Übersetzung ist. Wenn sich also bedeutende Abweichungen des syrischen Textes der Oden von dem koptischen ergeben sollten, so ist zu folgern, daß dieselben auf Verschiedenheiten der griechischen Vorlage zurückzuführen sind und nicht erst dem Übersetzer angehören.

Im Folgenden ist das Material aus der Pistis Sophia nach Schmidts Ausgabe abgedruckt2. Zu dem ersten Stück findet sich im Syrer keine Parallele, weil die ersten Blätter im Syrer fehlen (s. o.):

(c. 59). Mein Herr, Deine Lichtkraft hat einst in betreff dieser Worte durch Salomo in der 19. Ode prophezeit und gesagt [folgte die 1. Ode]:

Der Herr ist auf meinem Haupte wie ein Kranz, und nicht werde ich von ihm weichen.

Geflochten ist mir der wahre (ἀλήθεια) Kranz, und er hat Deine Zweige (κλάδοι) in mir aufsproßen lassen.

Denn er gleichet nicht einem vertrockneten Kranz, der nicht aufsproßt, sondern (ἀλλά) Du bist lebendig auf meinem Haupte und Du hast gesproßt auf mir.

Deine Früchte (καρποί) sind voll und vollkommen (reif), angefüllt mit Deinem Heile.

(c. 58). Deine Kraft hat einst durch Salomo prophezeit, indem sie sagte [folgt die 5. Ode]:

(C. 58) Ich will Dir danken, o Herr, denn Du bist mein Gott. Nicht verlaß mich, o Herr; denn du bist meine Hoffnung (ἐλπίς).

[S. 15] Du hast mir Dein Gericht umsonst gegeben, und ich bin durch Dich gerettet.

Mögen hinfallen, die mich verfolgen, und nicht laß sie mich sehen.

Möge eine Rauchwolke ihre Augen bedecken und ein Luftnebel (ἀήρ) sie verdunkeln, und nicht laß sie den Tag sehen, damit sie mich nicht ergreifen.

Möge ihr Gedanke machtlos werden, und was sie beraten, möge über sie kommen.

Sie haben einen Ratschluß ersonnen, und nicht ist er ihnen gelungen.

Und sie sind besiegt, obwohl sie mächtig sind, und was sie böswillig (κακῶς) bereitet haben, ist auf sie herabgefallen.

Meine Hoffnung (ἐλπίς) ist in dem Herrn, und nicht werde ich mich fürchten; denn Du bist mein Gott, mein Erlöser (σωτήρ).

[Der zugehörige Psalm der Pistis Sophia]:

(c. 58). Ich will Dich preisen (ὑμνεύειν), o Licht, denn ich wünschte zu Dir zu kommen. Ich will Dich preisen (ὑμνεύειν), o Licht; denn du bist mein Erlöser.

Nicht verlaß mich im Chaos (χάος), rette mich, o Licht der Höhe; denn Du bist es, das ich gepriesen (ὑμνεύειν) habe.

Du hast mir Dein Licht durch Dich geschickt und mich gerettet; Du hast mich zu den oberen Örtern (τόποι) des Chaos (χάος) geführt.

Mögen nun die Emanationen (προβολαί) des Authades, welche mich verfolgen, in die unteren Örter (τόποι) des Chaos (χάος) hinabsinken, und nicht laß sie zu den oberen Örtern (τόποι) kommen, daß sie mich sehen.

Und möge große Finsternis sie bedecken und finstres Dunkel ihnen kommen. Und nicht laß sie mich sehen in dem Lichte Deiner Kraft, die Du mir gesandt hast, um mich zu retten, auf daß sie nicht wiederum Gewalt über mich bekommen.

Und ihrem Ratschluß, den sie gefaßt haben, meine Kraft zu nehmen, laß ihnen nicht gelingen, und wie (κατά — ) sie wider mich geredet, zu nehmen von mir mein Licht, nimm vielmehr das ihrige anstatt meines.

Und sie haben gesagt, mein ganzes Licht zu nehmen, und nicht hatten sie vermocht, es zu nehmen; denn Deine Lichtkraft war mit mir.

Weil sie beratschlagt haben ohne Dein Gebot, o Licht, deswegen haben sie nicht vermocht, mein Licht zu nehmen. Weil ich an das Licht geglaubt (πιστεύειν) habe, werde ich mich nicht [S. 16] fürchten, und das Licht ist mein Erlöser, und nicht werde ich mich fürchten.

[Worte der Pistis Sophia, in denen der Schluß der 5. Ode paraphrasiert enthalten ist.]

(c. 59) Das Licht ist geworden ein Kranz um mein Haupt, und nicht werde ich von ihm weichen, damit die Emanationen (προβολαί) des Authades es mir nicht rauben.

Und wenn alle Materien (ὗλαι) sich bewegen; ich aber (δέ) werde mich nicht bewegen; Und wenn alle meine Materien (ὗλαι) zu Grunde gehen und im Chaos bleiben — diese (Materien), welche die Emanationen (προβολαί) des Authades sehen —, ich aber (δέ) werde nicht zu Grunde gehen.

Denn das Licht ist mit mir, und ich selbst bin mit dem Lichte.

(c. 65) Deine Lichtkraft hat darüber einst durch Salomo in seinen Oden prophezeit (folgt die 6. Ode):

Es kam heraus ein Abfluß (ἀπόρροια) und wurde ein großer, breiter Strom.

Er riß (zog) Alles an sich und kehrte sich zum Tempel.

Nicht konnten ihn fassen gebaute Örter (═ Dämme und Bauten) noch (οὐδέ) konnten ihn fassen die Künste (τέχναι) derer, die die Wasser fassen.

Er wurde über das ganze Land geführt und erfaßte Alles.

Es tranken, die sich auf dem trockenen Sande befinden; ihr Durst wurde gelöst (gestillt) und gelöscht, als ihnen der Trank aus der Hand des Höchsten gegeben war.

Selig (μακάριοι) sind die Diener (διάκονοι) jenes Trankes, denen das Wasser des Herrn anvertraut ist.

Sie haben gewendet (erfrischt) vertrocknete Lippen; Herzensfreude haben empfangen die Entkräfteten. Sie haben Seelen (ψυχαί) erfaßt, indem sie den Hauch schickten, damit sie nicht stürben.

Sie haben Glieder (μέλη), die gefallen waren, aufgerichtet; sie haben ihrer Offenheit [?] (παρρησία) Kraft gegeben und Licht ihren Augen gegeben.

Denn sie alle haben sich in dem Herrn erkannt und sind durch Wasser ewigen Lebens gerettet.

(c 65) Aus dem Targum der Pistis Sophia zu dieser Ode:

Ein Abfluß (ἀπόρροια) kam heraus und wurde ein großer, breiter Strom . . . . Er riß Alles an sich und führte es zum Tempel . . . . . Nicht konnten sie fassen Dämme und Bauten . . . . . Er wurde über das ganze Land geführt und füllte Alles . . . . .Es tranken, die sich [S. 17] auf dem trockenen Sande befinden . . . . . Ihr Durst wurde gestillt und gelöscht . . . . . Es wurde ihnen der Trank durch den Höchsten gegeben . . . . . „Selig (μακάριοι) sind die Diener (διάκονοι) jenes Trankes“ . . . . denen der Lichtabfluß (ἀπόρροια) anvertraut ist . . . . . . Sie haben vertrocknete Lippen gewendet . . . . Herzensfreude haben empfangen die Entkräfteten . . . . . Sie haben Seelen (ψυχαί) belebt, indem sie den Hauch schickten, damit sie nicht stürben . . . . . Sie haben Glieder (μέλη), die gefallen waren, aufgerichtet oder (ἤ) damit sie nicht fallen . . . . . Sie haben ihrer Offenheit (παρρησία) Kraft gegeben . . . . Sie haben Licht in ihre Augen gegeben . . . . Sie alle haben einander erkannt in dem Herrn . . . . Sie sind gerettet durch Wasser ewigen Lebens.

Auch schon in der Einleitung zu diesem Abschnitt finden sich Anklänge an diese Ode:

(c. 64) Ich nun (scil. das erste Mysterium) und auch die Kraft, die von mir gekommen war, und die Seele (ψυχή), die ich von Sabaoth, dem Guten (ἀγαθός) empfangen hatte, sie kamen neben einander und wurden ein einziger Lichtabfluß (ἀπόρροια), der gar sehr leuchtete . . . . er verbreitete sich . . . und nicht konnten die Emanationen (προβολαί) des Authades es wagen (τολμᾶν), jenen Lichtabfluß (ἀπόρροια) im finsteren Chaos (χάος) zu erfassen, noch (οὐδέ) konnten sie ihn erfassen mit der Kunst (τέχνη) des Authades . . . . Und die Körper . . . . empfingen ihr Licht . . . ., weil ihnen das Licht durch mich gegeben war. Und Michael und Gabriel, die gedient (διακονεῖν) und den Lichtabfluß zum Chaos gebracht hatten . . . . sie sind es, denen der Lichtabfluß anvertraut war . . . . und die Lichter, die in die Pistis Sophia gestoßen waren, belebten den Körper ihrer Materie (ὕλη) . . ., die im Begriff war unterzugehen . . . und sie richteten alle ihre Kräfte auf, die im Begriff waren, sich aufzulösen, und sie nahmen sich eine Lichtkraft . . . . und alle Lichtkräfte der Sophia erkannten sich gegenseitig . . . und wurden durch das Licht jenes Abflusses gerettet.

(c. 71) Deine Lichtkraft hat einst darüber durch die Ode des Salomo prophezeit (folgt die 22. Ode):

Der mich hinabgeführt hat aus den höheren Orten, die oberhalb, hat mich herausgeführt aus den Örtern, die im Grunde unterhalb.

Der, welcher die in der Mitte Befindlichen dorthin getragen hat, hat mich über sie belehrt.

Der meine Feinde und meine Widersacher (ἀντίδικοι) zerstreut hat, hat mir Gewalt (ἐξουσία) verliehen über die Bande, um sie zu lösen.

Der die Schlange mit den sieben Köpfen mit meinen [S. 18] Händen niedergeschlagen (πατάσσειν) hat, hat mich über ihre Wurzel gestellt, damit ich ihren Samen (σπέρμα) auslösche.

Und Du warst mit mir, indem Du mir halfest; an allen Orten umgab mich Dein Name.

Deine Rechte hat das Gift des Schlimmes Redenden vernichtet, Deine Hand hat den Weg für Deine Getreuen (πιστοί) gebahnt.

Du hast sie aus den Gräbern (τάφοι) befreit und sie mitten aus den Leichnamen fortgeschafft.

Du hast tote Gebeine genommen und sie mit einem Körper (σῶμα) bekleidet und den Unbeweglichen hast Du Lebenskraft (ἐνέργεια) gegeben.

Dein Weg ist geworden Unzerstörbarkeit und Dein Antlitz.

Du hast Deine Welt (αἰών) in das Verderben geführt, damit sie alle aufgelöst und erneuert würden, und Dein Licht ihnen allen Fundament sei.

Du hast Deinen Reichtum auf sie gebaut, und sie sind ein heiliger Wohnort geworden.

In dem Targum (a. a. O.) wird diese Ode stückweise wörtlich und vollständig wiederholt.

[Der dazu gehörige Psalm der Pistis Sophia]:

(c. 70) Ich preise (ὑμνεύειν) Dich; durch dein Gebot (Beschluß) hast Du mich herausgeführt aus dem höheren Äon (αἰών), der oberhalb, und hast mich zu den Örtern (τόποι), die unterhalb, hinabgeführt.

Und wiederum durch Dein Gebot hast du mich aus den Örtern, die unterhalb, gerettet, und durch Dich hast du dort die in meinen Lichtkräften befindliche Materie genommen, und ich habe sie gesehen.

Und Du hast zerstreut von mir weg die Emanationen (προβολαί) des Authades, die mich bedrängten und mir feindlich waren, und hast mir die Macht (ἐξουσία) verliehen, mich aus den Banden der Emanationen (προβολαί) des Adamas zu lösen.

Und Du hast den Basilisken niedergeschlagen (πατάσσειν), den mit den sieben Köpfen und ihn hinausgestoßen mit meinen Händen und mich über seine Materie (ὕλη) gestellt. Du hast ihn vernichtet, damit nicht sein Same (σπέρμα) sich erhebe von jetzt ab.

Und Du warst mit mir, indem Du mir in all diesem Kraft gabst, und Dein Licht umgab mich an allen Örtern (τόποι), und durch Dich hast Du alle Emanationen (προβολαί) des Authades kraftlos gemacht.

[S. 19] Denn Du hast die Kraft ihres Lichtes von ihnen genommen und meinen Weg grade gerichtet, um mich aus dem Chaos (χάος) zu führen.

Und Du hast mich fortgeschafft aus den materiellen (ὑλικοί) Finsternissen und all meine Kräfte von ihnen genommen, deren Licht genommen war.

Du hast in sie (sc. Kräfte) gereinigtes Licht gestoßen und all meinen Gliedern (μέλη), in denen kein Licht, hast Du gereinigtes Licht aus dem Lichte der Höhe gegeben.

Und Du hast ihnen den Weg gerade gerichtet, und das Licht Deines Antlitzes ist mir unzerstörbares Leben geworden.

Du hast mich hinaufgeführt oberhalb des Chaos (χάος), des Ortes (τόπος) des Chaos (χάος) und der Vernichtung, damit alle in ihm befindlichen Materien (ὕλαι), die an jenem Orte (τόπος) sich befinden, aufgelöst und alle meine Kräfte in Deinem Licht erneuert würden, und Dein Licht in ihnen allen sei.

Du hast das Licht Deines Abflusses (ἀπόρροια) in mir niedergelegt, und ich bin gereinigtes Licht geworden.

(c. 69): Darüber hat Deine Lichtkraft einst durch Salomo, dem Sohne Davids, in seinen Oden prophezeit (folgt die 25. Ode):

Ich bin gerettet aus den Banden und bin geflohen zu Dir o Herr.

Denn Du bist zu meiner Rechten gewesen, indem Du mich rettetest und mir halfst.

Du hast meine Gegner verhindert (κωλύειν), und nicht sind sie sichtbar geworden; denn Dein Antlitz war mit mir, mich rettend in Deiner Gnade (χάρις).

Ich wurde verachtet im Angesicht Vieler und hinausgestoßen; ich bin geworden wie Blei vor ihrem Angesicht.

Durch Dich ist mir geworden eine Kraft, die mir half; denn Du hast mir Leuchter gestellt zu meiner Rechten und zu meiner Linken, damit keine Seite von mir lichtlos wäre.

Du hast mich beschattet (σκεπάζειν) mit dem Schirm Deiner Gnade und ich wurde überhoben den aus Fellen gemachten Kleidern.

Deine Rechte ist es, die mich erhöht hat, und Du hast die Krankheit von mir weggenommen.

Ich bin geworden gekräftigt in Deiner Wahrheit und gereinigt in Deiner Gerechtigkeit (δικαιοσύνη).

Es haben sich entfernt von mir meine Gegner, und ich bin [S. 20] gerechtfertigt in Deiner Güte (χρηστός-); denn Deine Ruhe währt bis in alle Ewigkeit3.

[Der zugehörige Psalm der Pistis Sophia]:

(c. 68): Ich bin aus dem Chaos (χάος) gerettet und erlöst aus den Banden der Finsternis. Ich bin zu Dir, o Licht gekommen;

Denn Du wurdest Licht auf all meinen Seiten, indem Du mich rettetest und mir halfst.

Und die Emanationen (προβολαί) des Authades, die gegen mich kämpften, hast Du verhindert (κωλύειν) durch Dein Licht, und nicht vermochten sie mir zu nahen; denn Dein Licht war mit mir und rettete mich durch Deinen Lichtabfluß (ἀπόρροια).

Weil nämlich (γάρ) die Emanationen (προβολαί) des Authades mich bedrängt, meine Kraft von mir genommen und mich in das Chaos (χάοι) hinausgestoßen haben, indem kein Licht in mir war, so bin ich wie schwerlastende Materie (ὕλη) im Vergleich zu (παρά) ihnen geworden.

Und darnach ist mir eine Abflußkraft (ἀπόρροια) durch Dich gekommen, die mir half; sie leuchtete zu meiner Linken und zu meiner Rechten und umgab mich auf allen meinen Seiten, damit kein Teil (μέρος) von mir lichtlos wäre.

Und Du hast mich bedeckt mit dem Lichte Deines Abflusses (ἀπόρροια) und gereinigt aus mir all meine schlechten Materien (ὗλαι), und ich wurde überhoben all meinen Materien (ὗλαι) wegen Deines Lichtes.

Und Dein Lichtabfluß (ἀπόρροια) ist es, der mich erhöht und von mir die Emanationen (προβολαί) des Authades genommen hat, die mich bedrängten (θλίβειν).

Und ich bin geworden fest vertrauend zu Deinem Lichte und seiend> gereinigtes Licht Deines Abflusses (ἀπόρροια).

Und es haben sich entfernt von mir die Emanationen (προβολαί) des Authades, die mich bedrängten, und ich leuchtete in Deiner großen Kraft; denn Du rettest allezeit.

Ergebnisse:

In der 5. Ode sind folgende Abweichungen des Syrers (S) vom Kopten (K) zu verzeichnen:4

(1) v. 1 K „denn Du bist mein Gott“; S „denn ich habe Dich lieb“.

(2) v. 2 K „o Herr“; S „Höchster“.

(3) v. 3 K „Dein Gericht (Recht)“; S „Deine Güte“.

[S. 21] (4) v. 3 K „Durch Dich“; S „durch sie“ (scil. die Güte).

(5) v. 4 K „hinfallen“; S „kommen“.

(6) v. 7 K „möge ihr Gedanke machtlos werden“ ; S „zum Stumpfsinn [?] möge ihr Gedanke werden“.

(7) v. 8b K „und sie sind besiegt, obwohl sie mächtig sind“; om. S.

(8) v. 8c K „und was sie böswillig bereitet haben, ist auf sie herabgefallen“; S „sie haben sich böswillig vorbereitet, und es ergab sich, daß sie leer ausgingen“.

(9) v. 9 K „denn Du bist mein Gott, mein Erlöser“; S „und weil der Herr mein Erlöser ist, werde ich mich nicht fürchten“.

Die Verse 10—12 sind in der Pistis-Sophia nur in einer Paraphrase (nicht als Citat) enthalten; diese zeigt aber, daß K denselben Text wie S las. Die Einsetzung von „das Licht“ in v. 12 statt „der Herr“ in K ist Absicht und kommt auch sonst vor.

In der 6. Ode (v. 7—17) unterscheidet sich S von K also:

(10) v. 8 K „er riß Alles an sich und kehrte sich zum Tempel“ (aber in der Paraphrase: „führte es zum Tempel“); S „denn er hat Alles überschwemmt und niedergerissen und zum Tempel gebracht“.

(11) v. 10 K „es tranken, die sich auf dem trockenen Sande befinden“; S „und alle Durstigen auf Erden haben getrunken“.

(12) v. 12 K „das Wasser des Herrn“; S „sein Wasser“.

(13) v. 13 K „Herzensfreude haben empfangen die Entkräfteten“; S „sie haben den Willen, der kraftlos war, wieder aufgerichtet“.

(14) v. 14 K „sie haben Seelen erfaßt (Targum: „belebt“), indem sie den Hauch schickten, damit sie nicht stürben“; S „und die Seelen, die nahe daran waren abzuscheiden, haben sie vom Tode zurückgehalten“.

(15) v. 15 K „aufgerichtet“; S „aufgerichtet und aufrecht gestellt“.

(16) v. 16 K „ihrer παρρησία [das griechische Wort ist in K erhalten]; S „ihren Kommen“ [also παρουσία].

(17) v. 17 K „denn sie alle haben sich in dem Herrn erkannt“; S „denn ein Jeder hat sie erkannt in dem Herrn“.

[S. 22] Abweichungen in der 22. Ode:

(18) v. 2 K „der, welcher die in der Mitte Befindlichen dorthin getragen hat, hat mich über sie belehrt“; S „er, der die in der Mitte befindlichen Dinge sammelt, der tut mich auch hinein“.

(19) v. 6 K „an allen Orten umgab mich Dein Name“; S „und aller Orten ward dein Name von mir gesegnet“.

(20) v. 10 K „Lebenskraft“; S „Hilfe zum Leben“.

(21) v. 12 K „Und Dein Licht ihnen allen Fundament sei; „Du hast Deinen Reichtum auf sie gebaut, und sie sind ein heiliger Wohnort geworden“; S „und die Grundlage für Alles dein Felsen würde, und auf ihn hast Du Dein Reich gebaut, und es ist der Wohnplatz der Heiligen“.

In Ode 25 sind folgende Abweichungen:

(22) (23) v. 1 K „den Banden“; S „meinen Banden“. K „o Herr“; S „mein Gott“.

(24) v. 2 K „Du bist zu meiner Rechten gewesen, indem Du mich rettetest“; S „Du bist meine Rechte zur Rettung gewesen“.

(25) v. 4 K „und nicht sind sie sichtbar geworden“; S „und ich werde ihn nicht wieder sehen“.

(26) v. 8 K „mit dem Schirm Deiner Gnade“; S „mit dem Kleide Deines Geistes“.

(27) v. 10 K „es haben sich entfernt von mir meine Gegner“; S „es fürchteten sich vor mir alle meine Widersacher“.

(28) v. 11 S „Und ich bin dem Herrn zu eigen geworden im Namen des Herrn“; fehlt in K. — (29) K „in Deiner Güte“; S „in seiner Güte“. — (30) K „Deine Ruhe“; S „seine Ruhe“.

Auf Grund dieser Abweichungen darf man sagen, daß die Überlieferung in S der in K sehr nahe steht, wir also im Ganzen zu S gutes Zutrauen haben dürfen. Von den 30 hier aufgeführten Fällen beziehen sich 14 auf Pronomina bez. Pronominalsuffixe oder bedeuten sonst wenig, z. T. nichts (Nr. 2. 4. 6. 10. 11. 12. 15. 17. 20. 22. 23. 25. 29. 30); in einem Fall (Nr. 16) haben beide Zeugen eine falsche LA; Auslassungen, auf die man gefaßt sein mußte, finden sich in K 2 (Nr. 9. 27); doch ist im ersten Fall möglicher Weise in S ein überflüssiger Zusatz; Auslassungen in [S. 23] S finden sich außer Nr. 7 nicht. Ob K oder S im Rechte sind, läßt sich in 4 Fällen nicht entscheiden (Nr. 1. 3. 13. 21); in den Fällen Nr. 5. 14. 18. 26 ist S vorzuziehen, in den Fällen 8. 19. 24. 27 aber K5. Hieraus folgt, daß die Überlieferung in S nicht schlechter ist als in K, daß wir uns also, den Text anlangend, mit S auf einem recht sicheren Boden befinden, so wenig der Text als ganz fehlerfrei gelten darf. Wahrscheinlich sind die Oden nicht häufig abgeschrieben und so von Fehlern bewahrt worden.

1: Rahlfs, Die Berliner Handschrift des sahidischen Psalters (1901) S. 7, hat geurteilt, daß die meisten Psalmenübertragungen in der Pistis Sophia sich an die gewöhnliche sahidische Psalmenübersetzung anschließen, daß aber die auf p. 86 — 110 stehenden Psalmen eine selbständige Übersetzung darstellen.
2: Schmidt hat auf meine Bitte die Übersetzung im Vergleich mit dem Syrer noch einmal genau revidiert.
3: Auch diese Ode wird in dem gleich folgenden Targum stückweise, aber vollständig wiederholt.
4: Abweichungen im Tempus sind nicht vermerkt.
5: Die Begründungen s. im Kommentar.

 

 

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Oden Salomos (Apokryphe Literatur)

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger