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Johannes Flemming, Einleitung. In: Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert, aus dem syrischen übersetzt von J. Flemming, herausgegeben von Adolf von Harnack (TU 35/4), Leipzig 1910.
Einleitung

3. Vorläufiges über Alter, Ursprache und Einheit der Oden.

[Forts. v. [S. 9] ] Was ich S. 45 ff. meiner Abhandlung „Über das gnostische Buch Pistis-Sophia“ über das Alter der Oden geschrieben habe, bleibt vollkommen in Kraft, ja wird durch die nun erst gewonnene Einsicht, daß Lactantius dieselben Oden vor sich gehabt hat wie die Pistis-Sophia, noch verstärkt.

Ein Schriftwerk, welches zur Zeit der Pistis Sophia und des Lactantius beim AT, und zwar mit voller Dignität, gestanden hat und welches wahrscheinlich auch bereits in einer lateinischen Bibel stand, also gewiß schon geraume Zeit vor der Mitte des 3. Jahrhunderts kanonisches Ansehen genoß, kann nicht später als auf die Mitte des 2. Jahrhunderts angesetzt werden; ja es erscheint auch dieser Terminus vom Standpunkt der Kanonsgeschichte wohl als zu spät. Daß irgend eine Provinzialkirche ein nach der Mitte des 2. Jahrhunderts entstandenes Schriftstück in das AT aufgenommen hat, ist ganz unwahrscheinlich.

[S. 10] Es erscheinen aber schon in der Pistis Sophia die Oden in engster Verbindung (als ein Liederbuch) mit den Psalmen Salomos; denn die Pistis Sophia zählt die 1. Ode als das 19. Lied Salomos (also mit und nach den 18 Psalmen). Die Verbindung mit den Psalmen wird auch durch Zeuge 3, 4 und 5 bezeugt. Lactantius bezeugt sie allerdings nicht; indessen darf man auch nicht sagen, er habe die Psalmen Salomos und ihre Verbindung mit den Oden nicht gekannt. Er kann sie gekannt, aber die Oden besonders gezählt haben; er kann aber auch die Psalmen mit den Oden fortlaufend gezählt haben (in der Reihenfolge des syrischen Übersetzers). Eine Sonderüberlieferung der Oden — ohne Psalmen — ist nirgends sicher überliefert, wohl aber eine Sonderüberlieferung der Psalmen in deren Handschriften und in dem Codex Alexandrinus, vielleicht auch in dem „Verzeichnis der 60 Bücher“.

Dieser Tatbestand macht es klar, daß die Psalmen in der Verbindung der stärkere Teil sind; sie stehen in der älteren Zeit voran und sie haben eine ältere Geschichte. Die Oden sind zu ihnen hinzugetreten. Also werden sie auch jünger sein. Die Psalmen sind z. Z. des Pompejus geschrieben; also bleibt für die Oden die Zeit von c. 50 a. Chr. bis höchstens c. 150 nach Christus; freilich wahrscheinlich ist das letztere Datum nicht mehr.

Die Psalmen Salomos sind jüdisch und palästinensisch. Also besteht das Präjudiz, daß auch die Oden jüdischen und palästinensischen Ursprungs sind; auf jüdischen Ursprung deutet ja auch der Titel „Oden Salomos“ hin, und die Überlieferungsgeschichte (s. o.) legt syropalästinensischen Ursprung nahe. In Syrien allein haben sie sich außerdem, und zwar bis zum Beginn der Neuzeit, erhalten. Der christliche Ursprung muß demnach ausdrücklich bewiesen werden, wenn er behauptet wird1.

[S. 11] Harris hat p. 35 ff., 37 ff. u. 46 ff. mit ausreichenden Beweisen gezeigt, daß sowohl unsre Psalmen als auch die Oden aus der griechischen Sprache in die syrische übersetzt worden sind. Die Psalmen sind aber bekanntlich ursprünglich hebräisch verfaßt, so daß unser Syrer die Übersetzung einer Übersetzung ist2; gilt dasselbe auch von den Oden? Ob diese Frage heute noch zu beantworten ist, ist zweifelhaft. Für die Psalmen Salomos besitzen wir noch die Version, aus der die Superversion geflossen ist; aber hier fehlt sie uns. Es muß hier also zuerst die Version hergestellt werden. Ob es möglich ist, die Retroversion mit solcher Sicherheit zu machen, daß dann aus sprachlichen Einzelbeobachtungen auf ein semitisches Original zurückgeschlossen oder umgekehrt die Originalität des griechischen Textes behauptet werden kann, ist fraglich. Seitdem die Psalmen in der Übersetzung der LXX verbreitet waren, war es nicht schwierig, im Griechischen Psalmen zu dichten, die wie Übersetzungen aus dem Hebräischen anmuteten; man vgl. z. B. die Psalmen bei Lukas c. 1. Ob aus der Betrachtung einzelner Stellen eine Entscheidung sich nahe legt, wird später zu erörtern sein3.

Harris hat p. 48 ff. eingehend, aber nicht abschließend, über den Ursprung der Oden von einem Verfasser, gehandelt und kommt zu dem Ergebnisse, daß „nahezu alle“ von einer Hand herrühren4. Eine Ausnahme statuiert er in Bezug auf Ode 19 — sie sei zu grotesk und unterscheide sich dadurch von den anderen — , und auch Ode 42 glaubt er ausnehmen zu müssen; über ein paar ganz kleine Oden lasse sich ein Urteil überhaupt nicht fällen.

Die Einheit der Hauptmasse begründet Harris sowohl durch den einheitlichen Gesamteindruck als auch durch folgende Einzelbeobachtungen (die man auch noch vermehren kann):

(1) Der Ausdruck „Frucht der Lippen“ findet sich in Ode 8. 12. 14. 16.

(2) Mit einem Bilde beginnen die Oden 6. 14. 15. 16. 28.

[S. 12] (3) Der Ausdruck „Milch aus Gottes Brüsten“ oder ähnlich findet sich Ode 4. 8. 14. 19. 35.

(4) Erwähnung einer Zither findet sich Ode 6. 7. 14. 26.

(5) Der Ausdruck „Spuren des Lichts“ findet sich Ode 7. 10.

(6) Der Ausdruck „Siegel Gottes auf seinen Geschöpfen“ findet sich Ode 4. 8.

(7) Christus als der Geliebte und Lebendige Ode 3(?). 8.

(8) Die Gläubigen als Glieder Christi Ode 3. 17.

(9) Die unverwelkliche, lebendige Krone Ode 1. 5. 9. 17. 20.

(10) Verwandlung des Antlitzes der Gläubigen Ode 17. 21. 40. 41.

Diese Merkmale schließen nach Harris 22 Oden zu einer Einheit zusammen, nämlich5:

3 (zwei Merkmale); 4 (zwei Merkmale); 6 (zwei Merkmale); 7 (zwei Merkmale); 8 (vier Merkmale); 10; 12; 14 (vier Merkmale); 15; 16 (zwei Merkmale); 17 (drei Merkmale); 19; 20; 21; 26; 28; 35; 40; 41.

Solche Merkmale sind gewiß beachtenswert, aber ausschlaggebend in Bezug auf die Einheit des Ursprungs sind sie nicht. So haben Ode 27 und 42 die Ausbreitung der Hände (═ das Kreuzeszeichen) gemeinsam; dennoch nimmt Harris hier verschiedenen Ursprung an. Wichtiger ist der Gesamteindruck, und in dieser Beziehung muß ich Harris Recht geben: die Oden machen den Eindruck, als seien sie in ihrer überwiegenden Masse aus einer Feder geflossen. Gewonnen ist freilich damit noch nicht viel, weil sowohl die Möglichkeit einer gemeinsamen „Schule“, zu der sie gehören, offen bleibt, als auch eine Sicherheit für die einzelne Ode, zum ursprünglichen Stamme zu gehören, nicht geboten werden kann. Aber auch mit der Möglichkeit ist zu rechnen, daß die Oden Interpolationen und Umformungen erlitten haben.

1: Von christlichen Oden und Psalmen ist Ephes. 5, 18. 19; Kol. 3, 16 und im sog. kleinen Labyrinth (Euseb., h. e. V. 28, 5) die Rede. Origenes spricht von Psalmen Valentin’s und Oden des Basilides. Von Oden Hippolyt’s berichtet der Index seiner Werke auf seiner Statue. Sonst ist mir von christlichen Oden aus alter Zeit nichts bekannt. Von Psalmen hört man viel häufiger. Um das J. 300 schreibt Methodius (de lib. arbit. p. 762 Gallandi): σωτηρίας ἐστὶ διήγμα ἡ παρ’ ἡμῖν ᾠδή. Über eine unechte Ode des Montanus s. Bonwetsch, Montanismus S. 197.
2: Zur Wiedergewinnung des Urtexts der Psalmen Salomos vermag der neugefundene Text als Superversion also kaum etwas beizutragen.
3: Harris hat die Frage nicht erörtert (trotz der Ankündigung auf p. 35).
4: An einer Stelle läßt er die Möglichkeit offen, daß sie „aus einer Schule“ seien.
5: Oden, bei denen nichts bemerkt ist, haben nur eines der oben aufgeführten gemeinsamen Merkmale.

 

 

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Oden Salomos (Apokryphe Literatur)

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