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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an Philemon

Dritte Homilie.

I.

17. Wenn du mich nun für einen Genossen (κοινωνόν) hältst, so nimm ihn auf wie mich!
18. Wenn er dir aber in Etwas Unrecht gethan hat oder dir Etwas schuldet, so rechne Das mir an! Ich, Paulus, schreibe es mit meiner Hand, ich will es zurückzahlen, damit ich dir nicht sage, daß du auch dich selbst mir dazu schuldest.

I. Nichts ist so empfehlend für eine Angelegenheit, als daß man nicht Alles auf einmal verlangt. Betrachte, welche Lobsprüche, welche Einleitungen der Apostel vorausschickt, bis er mit dieser großen Forderung herausrückt. Nachdem er gesagt: Er ist mein „Kind“, mein „Herz“, du mußt ihn als Bruder aufnehmen, ihn für einen Bruder halten, fährt er jetzt fort: „Nimm ihn auf wie mich.“ Paulus nimmt keinen Anstand, Das zu sagen. Er, der sich nicht geschämt, „der Knecht der Gläubigen“ zu heißen, ja [S. 532] sich selber dafür erklärt hat, wies noch viel weniger eine solche Gleichstellung wie hier von sich.

Was er indeß sagen will, ist Folgendes: Wenn du mit mir eines Sinnes bist, wenn du nach demselben Zielen läufst, wenn du mich für einen Freund hältst, dann nimm ihn auf wie mich!

Wenn er dir in Etwas Unrecht gethan hat.

Betrachte, in welchen Punkt und in welche Zeit Apostel dieses Unrecht verlegt. Nachdem er schon mehrfach über die Sache Andeutungen gemacht, — Geldverluste pflegen ja die Menschen am meisten zu schmerzen, — will er, daß auch jetzt kein Vorwurf mehr darüber laut werde, — das Gestohlene war ja längst verbraucht, — spricht er jetzt geradezu davon und sagt: „Wenn er dir in Etwas Unrecht gethan.“ Nicht: „wenn er gestohlen,“ sondern: „wenn er Unrecht gethan.“ Einerseits gesteht er den Fehler des Onesimus ein, zugleich aber erklärt er ihn nicht für ein Vergehen, das der Sklave an seinem Herrn, sondern für ein solches, das der Freund am Freunde begeht, ein Vergehen, das mehr die Bezeichnung eines Unrechts als eines Diebstahls verdient.

„Rechne Das mir auf!“ d. h. schreibe mir Schuld zu gute, ich werde sie bezahlen.

Dann sagt er in gnädiger Weise:

Ich, Paulus, schreibe Das mit meiner Hand.

Das ist ein gutes Motiv für Philemon und ebensogut Gnade von seite des Apostels. Paulus weigert sich [S. 533] nicht, für die Schuld einen förmlichen Schein auszufertigen, den Philemon anzunehmen sich weigern wird. Für Diesen war dieser Schein ein zwingendes Motiv, und dem Onesimus half er aus seiner unangenehmen Lage. „Mit meiner Hand schreibe ich es,“ sagt er. Welch warmfühlendes, besorgtes, dienstbereites Herz! Welche Mühe gibt er sich für einen einzigen Menschen!

Damit ich dir nicht sage, daß du auch dich selbst mir dazu schuldest.

Damit es nicht den Anschein gewinne, als thäte der Apostel dem Philemon Unrecht, wenn er es nicht wagte, ihn in Betreff des Diebstahls einfach bittend anzugehen und auf Erhörung zu hoffen, so spricht er sich jetzt auch darüber beschwichtigend aus: „Damit ich nicht sage, daß du auch dich selbst mir dazu schuldest.“ Nicht das Deinige, sondern „dich selbst“. Auch das ist ein kühnes Wort, nur bei solcher Liebe und Freundschaft erklärlich. Siehe, wie ihn überall zwei Gedanken leiten: erstens, daß er seine Bitte mit sicherer Hoffnung auf Erhörung stellt, und zweitens, daß er dem Philemon einen Beweis seines Vertrauens geben will.

19. Ja, Bruder!

Was heißt Das: „Ja, Bruder“? „Ja, wie ein Bruder nimm ihn auf!“ muß man hinzudenken. Der Apostel unterbricht wieder seine Anerbietungen und kehrt zu seinem früheren ernsten Tone zurück. Ernst gemeint waren übrigens auch jene Anerbietungen. Bei den Heiligen ist Alles ernst gemeint, auch wenn sie schmeichelhafte Anerbietungen machen.

„Ja, Bruder, ich möchte von dir Vortheil haben im Herrn! Erquicke mein Herz in Chri- [S. 534] stus.“ Das heißt: du thust Christus einen Gefallen, nicht mir. „Mein Herz,“ das dich in Liebe umfaßt.

20. Vertrauend auf deinen Gehorsam habe ich dir geschrieben.

Welchen Stein könnten nicht diese Worte erweichen, welche Bestie nicht besänftigen und zu einer liebevollen Aufnahme des Onesimus bestimmen? Nachdem der Apostel bereits ihm das Zeugniß so großer Tugenden gegeben, wird er nicht müde, abermals für ihn einzutreten. Nicht in einfach befehlendem Autoritätstone spricht er, sondern: „Vertrauend auf deinen Gehorsam habe ich dir geschrieben.“ Von diesem Vertrauen spricht er im Eingang des Briefes und davon auch hier, um damit gleichsam den Brief zu besiegeln.

Überzeugt, daß du sogar noch mehr thun wirst, als was ich sage.

Diese Worte wirkten zugleich als ein Sporn. Philemon hätte sich ja schämen müssen, wenn er nicht wenigstens das Verlangte gethan hätte, während Paulus die Meinung von ihm hatte, daß er sogar mehr thun würde.

21. Zugleich aber bereite mir eine Herberge; denn ich hoffe, daß ich durch eure Gebete euch werde geschenkt werden!

Auch das ist die Sprache eines großen Vertrauens oder vielmehr die Sprache, wie Onesimus sie brauchen konnte, damit man die Sache nicht leicht nahm, sondern man sollte wissen, daß Paulus jedenfalls kommen und erfahren würde, wie man sich gegen Onesimus benommen, [S. 535] und sollte deßhalb jede schlimme Erinnerung bei Seite legen und ihn recht herzlich aufnehmen. Denn bereitwillige Aufnahme und große Ehre mußte dem Paulus zu Theil werden, wenn er sich einfand, Paulus, der jetzt ein Greis, Paulus, der im Kerker gesessen war. Zugleich liegt darin, daß er von „Gebeten“ spricht, ein Beweis ihrer Liebe zu ihm; sie beten, daß er ihnen wieder gegeben werde. Wenn ich auch jetzt in gefährlicher Lage bin, will er sagen, so werdet ihr mich dennoch sehen, wenn ihr betet.

22. Es grüßt euch Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus.

Dieser war von den Kolossern geschickt worden. Es erhellt also auch daraus, daß Philemon bei den Kolossern lebte. Einen „Mitgefangenen“ aber nennt er ihn, um zu zeigen, daß auch er in Bedrängniß war. Paulus sollte also, wenn auch nicht um seiner selbst, so doch um dieses Mannes willen Erhörung finden. Denn wer in Bedrängniß ist, wer sein Interesse ausser Acht läßt und um fremdes sich annimmt, der hat Anspruch gehört zu werden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger