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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 6. Erweiterung des Klosters im Verein mit seinem Bruder Johannes.

Nach einiger Zeit nun kam sein leiblicher Bruder Johannes, der von seinem Schicksal gehört hatte, dahin, um ihn aufzusuchen. Er sah ihn, begrüßte ihn und freute sich sehr. Denn seitdem sich Pachomius, erleuchtet durch Christus, von der Welt zurückgezogen und für ein einsames Leben entschieden hatte, hatte er niemals mehr seine Angehörigen besucht. Der Bruder setzte sich das gleiche Ziel wie Pachomius, beide blieben zu dem gleichen Zwecke, sie vollbrachten in allem die Vorschrift Gottes und nahmen keine Rücksicht auf alle Güter der Erde. Denn wenn ihnen von ihrer Hände Arbeit ein Überschuß blieb, so verteilten sie diesen an die Armen, voll Vertrauen nach dem Worte des Herrn: "Es ist nicht nötig, daß sie für das Morgen sorgen".1 In ihrer Kleidung aber hielten sie [S. 813] sich so ärmlich, daß sie niemals ein zweites Hemd trugen, außer wenn sie einmal verabredet hatten, das eine, das sehr schmutzig geworden war, zu waschen. Pachomius war immer angetan mit einem härenen Gewand zur Demütigung des Fleisches. Um deswillen saß er auch fünfzehn Jahre hindurch, nach dieser langen Zeit der Askese und des Wachens, in der Mitte der Zelle, indem er den Rücken nicht einmal gegen die Mauer lehnte. Wenn er sehr in Bedrängnis war, dann trug er dies mutig und freute sich in der Hoffnung auf die Auferstehung, die auf ihn wartete und ihm aufbewahrt lag im Himmel. Da er noch andere und größere Heldentaten der Heiligen kennen lernte, eilte er, auch diese mit seinem eigenen Bruder zu vollbringen, zur Vermehrung der Tugend und zum Heil ihrer Seele. Danach aber machten sie sich auch eine Art von Sessel; denn jeder übte sich, nach seinen Kräften, mit Ausdauer und vollkommenem Glauben.

Dann aber erinnerte sich Pachomius der ihm gewordenen Verheißung von jenen unzähligen Seelen, die durch ihn zum Heil gelangen sollten. Er begann mit seinem Bruder den Bau des Klosters zu erweitern, damit er die, welche dem weltlichen Leben entsagen und sich Gott widmen wollten, aufnehmen könne.

Sie bauten also; Pachomius hatte das eben erwähnte Ziel im Auge, er wollte den Grundriß erweitern und den Umfang des Hauses vergrößern. Sein Bruder aber pflegte die Zurückgezogenheit, er wollte das Gebäude in kleinerem Umfang haben. Und Johannes war unwillig; er war auch älter an Lebensjahren wie Pachomius und sprach zu ihm: "Höre auf, diese törichten Dinge zu treiben2 und dich auszubreiten!" Pachomius hörte dies und wurde zornig, da ihm diese Beleidigung wider seine gute Absicht angetan worden war. Er widersprach ihm jedoch nicht, sondern er beherrschte sich milden Sinnes. In der folgenden Nacht aber stieg er hinab in das unterirdische Gemach, wo er einen Teil des Gebäudes schon errichtet hatte, und begann [S. 814] bitterlich zu weinen. Und er schüttete Gott im Gebete sein Herz aus und sprach:

"Wehe, daß noch fleischlicher Sinn in mir wohnt und daß ich noch im Fleische wandle! Eine so strenge Askese habe ich auf mich genommen und wieder reißt mich der Zorn fort, wenn es auch zu einem guten Werk ist. Erbarme Dich meiner, o Herr, auf daß ich nicht zugrunde gehe. Denn wenn Du mich nicht stützest in Deiner Langmut, wenn der Feind in mir einen Teil findet von seinen Werken, dann bin ich ihm verfallen, wie geschrieben steht: 'Wenn einer das ganze Gesetz erfüllt, er fällt aber auch nur in einem, so ist er in allem schuldig',3 Ich vertraue aber, o Herr, daß Deine reiche Barmherzigkeit mir helfen wird und daß ich erleuchtet werde, den Weg Deiner Heiligen zu wandeln, die immerfort nach dem streben, was vor ihnen liegt und die das vergessen, was hinter ihnen ist. Denn unterstützt durch Deine Gnade haben Deine Heiligen von Ewigkeit her den Feind zuschanden gemacht und erstrahlten in hellstem Lichte. Wie soll ich, o Herr, die lehren, von denen Du mir verkündet hast, daß Du sie durch mich zum Leben der Mönche berufest, wenn ich nicht zuerst selbst die Leidenschaften besiegt habe, die durch das Fleisch gegen die Seele ringen, wenn ich nicht zuerst selbst untadelhaft Dein Gesetz beobachtet habe? Aber ich vertraue, o Herr, wenn Deine Hilfe mir beisteht, daß ich das vollenden kann, was vor Deinen Augen wohlgefällig ist und daß Du mir alle meine Sünden verzeihest."

Dieses und Ähnliches bekannte er unter Tränen und verharrte weinend die ganze Nacht bis zum Morgen. Infolge des reichlichen Schweißes - denn es war Sommer und der Platz überaus heiß - entstand unter den Sohlen seiner Füße eine förmliche Lache. Er war nämlich gewöhnt, im Stehen die Hände zum Gebet auszubreiten und sie unter keinen Umständen sinken zu lassen; nein, er breitete sie vielmehr aus, wie wenn er am Kreuze ausgespannt wäre, und peinigte so seinen Leib und leitete seine Seele hin zur [S. 815] Nüchternheit. So trefflich war er und lebte in aller Sanftmut und Friedsamkeit mit seinem Bruder. Nach nicht langer Zeit aber starb dieser, und Pachomius sorgte in würdiger Weise für seine Bestattung mit Psalmen und Hymnen und geistlichen Liedern. Er wachte über ihn und stellte seine Seele dem Herrn anheim, wie er bisher in diesem Glauben gelebt hatte, seinen Leib aber übergab er der Erde; er selbst aber beschäftigte sich wieder allein unter Mühen mit der Askese. Er kämpfte dafür, sich rein in allem zu erhalten und jeden schmutzigen Gedanken, der auf ihn eindrang, von sich zu weisen. Er bemühte sich beständig, die Furcht Gottes in sich zu bewahren, indem er gedachte der ewigen Strafen und der Qualen des ewigen Feuers und des giftigen Wurmes.

1: Mt 6,34.
2: Im Original noch kräftiger: mit diesen Windbeuteleien.
3: Jak 2,10.

 

 

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Quellenangabe
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Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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