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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 40. Hungersnot, Getreideankauf durch einen Bruder, dessen Zurechtweisung durch Pachomius.

Einmal war eine Hungersnot ausgebrochen; die Brüder hatten kein Getreide mehr, vielmehr in fast ganz Ägypten fand sich kein Getreide. Da schickte der heilige Greis einen von den Brüdern ab, in den Städten und Dörfern umherzureisen und sich zu bemühen, Getreide zu kaufen; zu dem Zwecke des Getreideankaufs gab er ihm hundert Geldstücke1 mit. Der Beauftragte besuchte viele Plätze und kam auch in eine Stadt, namens Hermothis.2 Nach der Fügung Gottes fand er dort einen sehr frommen und gottesfürchtigen Mann, einen Beamten, der von dem Leben des heiligen Pachomius und seiner Brüder gehört hatte Dieser Beamte war mit der Verwaltung des öffentlichen Getreidespeichers betraut.

Der Bruder ging zu ihm und bat ihn, ihm um hundert Geldstücke Getreide zu verkaufen. Jener sagte zu ihm: "Wahrhaftig, Bruder, wenn es sich um mein eigenes Getreide handelte, ich würde es meinen Kindern wegnehmen und euch geben. Denn ich höre von eurem [S. 879] göttlichen und tugendhaften Lebenswandel. Doch höre mir zu, was ich dir sagen will: Ich habe dem Staate gehöriges Getreide daliegen und bis jetzt fordert es der Vorstand nicht an. Wenn du es nun nehmen willst, kann ich dir das Staatsgetreide bis zur Zeit, wo es auf die Tenne kommt, anvertrauen. Wenn du also sicher bist, daß du das Getreide bis zu jenem Zeitpunkte zurückliefern kannst, gut, so nimm, soviel du willst."

Der Bruder aber sagte: "Ich wünsche nicht, daß du mir in der Art einen Dienst erweisest. Denn wir können die Menge, welche ich nehmen will, nicht zurückerstatten; aber wenn du es mir um hundert Geldstücke geben willst, zu einem Preis, den du bestimmen magst - natürlich vorausgesetzt, daß du mir überhaupt das Staatsgetreide bis zu der Zeit, wo es auf die Tenne kommt, anvertrauen kannst -, dann tust du ein gutes Werk."

Der Beamte erwiderte ihm: "Gewiß, ich kann es dir geben, nicht nur um diese hundert Geldstücke, sondern, wenn du willst, kannst du noch um weitere hundert Geldstücke Getreide haben. Der Dank, den du mir abstatten kannst, besteht allein darin, daß du für mich betest." Der Bruder bemerkte: "Wir haben nicht mehr Geld als dieses hier." Der Beamte erwiderte darauf: "Sorge dich nicht darum; nimm das Getreide, und wenn ihr die Summe beisammen habt, bringt ihr sie mir." Unter dieser Bedingung befrachtete der Bruder ein Fahrzeug mit Getreide, dreizehn Artaben 3 um ein Geldstück, während doch nirgends in ganz Ägypten sich fünf Artaben um das Geldstück auftreiben ließen. Dann fuhr er voll Freude zurück in das Kloster.

Als der Große hörte, daß das Schiff mit Getreide [S. 880] beladen eingelaufen sei und die Art und Weise des Getreideankaufes erfuhr, da schickte er eiligst zu dem Fahrzeug und ließ sagen: "Bringet mir auch nicht ein Körnchen dieses Getreides in das Kloster, noch trete mir der, der den Kauf ausgeführt hat, unter die Augen, bis er das Getreide an seinen Platz zurückgebracht hat. Denn er hat mit seiner Handlungsweise gegen Recht und Gesetz verstoßen, und nicht allein dies, er hat auch für weitere hundert Geldstücke Getreide angenommen, was ich ihm nicht befohlen habe. Er hat seinem Eigenwillen gefrönt, er hat das Mehr geliebt und hat uns, entflammt von der Leidenschaft der Gewinnsucht, in Abhängigkeit gebracht, indem er uns zu Schuldnern machte. Er ist unersättlich auf die Freundlichkeit des Gebers eingegangen und hat eine Art von Betrug ausgeübt. Denn er hat über unseren Bedarf Getreide mitgebracht und aus eigener Macht geborgt, was wir auf keine Weise zurückerstatten können. Ja noch mehr; wenn ihm auf seiner Reise etwas Menschliches begegnet wäre, indem das Fahrzeug Schiffbruch gelitten hätte, was hätten wir dann getan? Wären wir nicht alle in Knechtschaft geraten? Deshalb soll er das Getreide an die umwohnenden Weltleute verkaufen, wie er es von seinem Vertrauensmann erhalten hat, nämlich zu dreizehn Artaben um das Geldstück. Wenn er es verkauft hat, soll er das Geld nehmen und es seinem Vertrauensmann zurückbringen, um unsere hundert Geldstücke aber soll er, wie die Leute überall, Getreide kaufen und es bringen." Der Bruder tat so, wie der Große gesagt hatte und brachte Getreide, das er zu fünfundeinhalb Artaben um das Geldstück gekauft hatte. Von der Zeit an schickte ihn Pachomius nicht mehr aus dem Kloster hinaus zum Dienst für die Brüder, sondern ließ ihn ruhig drinnen bleiben und stellte einen anderen zum Dienst für die Brüder auf.

1: Ob damit Gold- oder Silbermünzen gemeint sind, ist unsicher.
2: Stadt in Ägypten. Namensform unter anderen auch Hermonthis, Hermuthis.
3: An STelle des alten ägyptischen Hoteb zu 72,77 l trat der ptolomäische Medimnus zu 78,6 l. Die Hälfte des Medimnus ist die Artabe zu 39,3 l. 13 Artaben wären dann rund 511 l. Man gewinnt so wenigstens eine ungefähre Vorstellung, wenn sich auch die Maße jener Zeit, jedoch schwerlich bedeutend, geändert haben mögen. Handb. d. klass. Alt. J.v. Müller I S. 880 (Griech u. röm. Metrol. Nissen).

 

 

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Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger