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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 39. Pachomius ermuntert aus diesem Anlaß die Brüder im Streben nach der Vollkommenheit.

Der Große erschrak über das, was er gesehen hatte; da rief der damit beauftragte Bruder die Genossen zur nächtlichen Versammlung. Nachdem der Gottesdienst zu Ende war, traten die Schüler nach ihrer Gewohnheit hin, um seinen Vortrag anzuhören. Und er öffnete den Mund und sprach zu ihnen: "Kinder, soviel nur in eurer Kraft steht, kämpfet für euer Heil, ehe der Augenblick kommt, wo wir, wenigstens wenn wir sorglos waren, über uns jammern werden! Laßt uns eifrig an der Tugend arbeiten! Denn ich sage euch: Wenn ihr die Schätze im Himmel gesehen hättet und die Verheißung, die den Heiligen aufbewahrt ist, wie die, welche von Gott abfielen, gestraft werden, - und die Qualen, welche den Nachlässigen bereitet sind, besonders denen, welche die Wahrheit erkannten, aber nicht entsprechend lebten, die, statt die den Heiligen aufbewahrte Seligkeit als Erbgut anzunehmen, entflohen, - unser Begehren würde nach nichts [S. 876] anderem stehen. Denn wir sind ja schon stolz von Geburt und klagen beständig über die Plage der vergangenen Übel, bis die göttliche Gnade jeden überschattet und herrlich zu dem Bräutigam geführt hat, am Tage des Scheidens, wenn der Staub hier bleibt und die Seele das ihr Verwandte hinüberrettet und zum unsterblichen Vater des Lichtes emporeilt. Warum höhnt der Mensch der Einbildung, da er doch Staub ist? Warum denn brüstet sich Erde und Asche? Laßt uns vielmehr weinen über uns, solange wir Zeit haben, damit wir nicht, wenn die uns bestimmte Bereitschaft gekommen ist, als solche erfunden werden, die den Herrn um einen Augenblick zur Reue bitten, während die Zeit dafür offenbar vorüber ist! 'Denn in der Hölle', spricht er 'wer wird dir da bekennen?'1 Von David haben wir dies gelernt. Unglücklich wahrlich ist die Seele und jeden Jammers voll, die die Knechtschaft der Welt von sich gewiesen hat, dann aber wieder ihren Dienst sucht. Lassen wir nicht zu, meine Brüder, daß diese Zeitlichkeit, die überaus kurz und wertlos ist, uns jenes selige und unsterbliche Leben raube. Denn ich fürchte und schaudere, es möchten unsere Väter im Fleische, die in der Welt leben und in die Geschäfte des irdischen Daseins verstrickt sind und die glauben, daß wir hier schon das selige Leben genießen, sie möchten, sage ich, erfunden werden, wie sie uns verurteilen. 'Wie seid ihr ermüdet auf euren Wegen!'2 Groß ist eure Drangsal. Feuer wurde angezündet gegen euch. Untauglich gemacht wurden eure Schößlinge. Und wieder aus dem Propheten:3 'Deshalb seid ihr zum Fraße geworden, ihr Geliebten, wie die Verabscheuten. Und die Krone eures Hauptes ist herabgerissen worden. Ihr Städte gegen Süden! wie seid ihr verschlossen! Und niemand ist, der euch öffnet. Es hebe sich hinweg der Gottlose, spricht er, damit er die Herrlichkeit des Herrn nicht sehe'4 . Deshalb wollen wir aus [S. 877] ganzer Seele kämpfen, indem wir immer und zu jeder Stunde den Tod vor Augen haben und an die schreckliche Strafe denken. Dadurch pflegt der Verstand zur Empfindung gebracht zu werden, und es hilft dann umgekehrt, zum Körper, auch die weinende Seele. Wenn wiederum dieser erwärmt ist, dann verleiht er ihr Anschauung und hebt sie über das Irdische hinaus und macht sie fähig, beständig an Gott zu denken. Besonders aber wird von hier aus die Demut, die Verachtung des Ruhmes, das Fehlen jedes weltlichen Gedankens der Seele unzerstörbar zu Gebote stehen. Es soll also die Seele, ihr Brüder, tagtäglich auf einen möglichst festen Körper bedacht sein, mit aller Sorgfalt und Ermunterung; wenn wir abends uns schlafen legen, soll sie zu jedem Glied des Körpers sagen: Solange ich in eurer Mitte bin, gebet willig eurem Herrn nach! Zu den Händen soll sie sagen: Es wird eine Stunde kommen, wo eure Torheiten aufhören. Denn nicht mehr wird die Faust dem Zorn dienen; ihr werdet euch nicht mehr ausbreiten, bereit zum Raube. Zu den Füßen: Es wird die Stunde kommen, wo ihr nicht mehr nach dem Unrecht laufet. Bevor der Tod uns scheidet und die aus der Sünde verkündete Auflösung uns trennt, wollen wir kämpfen. Laßt uns standhalten tapfer und unverdrossen; verehren wir den Herrn, bis er selbst wieder kommt, den Schweiß, den wir bei der zeitlichen Mühe vergossen haben, gnädig aufnimmt und dann zum ewigen Leben geleitet. Nimm mein Fühlen ab aus den Tränen, verkünde dem Herrn deine edle Dienstbarkeit, tragen wir sie eifrig im Bekenntnis zu Gott und führe mich nicht zur ewigen Strafe, indem du schlafen und ausruhen willst. Denn wenn du nüchtern bleibst, wird eine Zeit kommen für dich, wo dir reichlich vergolten wird in Gutem, dagegen aber die Verurteilung, wenn wir nachlässig sind. Und dann wird man die Seele zum Leibe sagen hören: Wehe mir, daß ich an dich gebunden war; deinetwegen verfalle ich dem Richterspruch. Wenn wir uns so jeden Tag anstrengen, werden wir in Wahrheit ein Tempel Gottes sein, und es wird in uns der Heilige Geist wohnen, und auf uns wird sich Christus herniederlassen, und [S. 878] keine satanische List kann uns täuschen; wir haben ja unzählige Führer und Lehrer. Denn die Furcht Gottes und diese Ratschläge, die bei uns wohnen, lehren und erleuchten uns mehr, und was der menschliche Verstand nicht erfassen kann, das zeigt uns der hochheilige, göttliche Geist der unbefleckten Natur. 'Denn warum wir bitten sollen, wissen wir nicht', wie es beim Apostel heißt, 'sondern der Heilige Geist legt für uns Fürbitte ein mit unaussprechlichen Seufzern … und so fort'."5

1: Ps 6,6.
2: Ps 37,6. Jer 11,16.
3: Jes 42,22; Hos 9,10; Jer 13,19.
4: Jes 26,10
5: Röm 8,26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger