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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 38. Pachomius hat ein zweites Gesicht über das Schicksal der Brüder.

Er kehrte wieder zurück zum Übungsplatz der Wahrheit und fand die Brüder zum Gebete versammelt; er stellte sich unter sie hin und nahm teil am Hymnengesang. Als aber jene zum Essen sich vereinigten, da blieb er selbst an einem Platze, wo er gewohnt war, dem Herrn seine Gebete darzubringen, und nachdem er die Türe verschlossen hatte, flehte er zu Gott; er erinnerte sich dabei an das ihm einst zuteil gewordene Gesicht1 und bat Gott, er möge ihm wieder den künftigen Zustand der Brüder und die Schicksale, die nach seinem Tode den Brüdern nach ihm bevorstünden, kundtun. Er dehnte sein Gebet aus von der neunten Stunde bis zur Zeit, wo der rufende Bruder die [S. 873] übrigen zum nächtlichen Hymnengesang aufstehen hieß. Während er inständig betete, da sah er plötzlich um Mitternacht ein Gesicht, das ihm seine Bitte erfüllte und ihm Aufschluß gab über den zukünftigen Zustand der Brüder. Er sah,2 daß einige von ihnen fromm der Askese leben würden und daß das Kloster sich weiter vergrößern werde. Nicht wenige aber würden nachlassen und ihr Heil sehr vernachlässigen. Er sah, wie er selbst sagte, eine Menge von Brüdern in einem sehr tiefen und wilden Tale; viele wollten daraus emporsteigen, konnten aber nicht, da sie, auch wenn sie sich einander mit den Gesichtern näherten, der überaus dichten Finsternis nicht entrinnen konnten; andere wieder stürzten aus Mattigkeit nieder und kamen dem Abgrund nahe; andere schrien mit erbarmungswürdiger Stimme, nur wenigen gelang es mit Mühe und unter großer Anstrengung, hinaufzukommen; waren sie aber oben angelangt, dann kam ihnen ein Licht entgegen, und wenn einer dahingekommen war, dann dankte er dem Herrn. Da erkannte der Selige wahrhaftig das zukünftige Geschick der Brüder am Ende der Zeiten; er erkannte, daß unter ihnen Sorglosigkeit einreißen werde, ihre große Verhärtung, ihren Irrtum, das Verschwinden der Guten; daß die Nachlässigeren herrschen würden nach dem Beifall der Masse, die ihnen gefällt; daß in Zukunft nur Platz sein werde unter ihnen, wenn die Schlechten über die Brüder herrschen und wenn die, welche keine Erkenntnis haben, über die Klöster gebieten, daß sie um die Herrschaft streiten, daß die Besseren von den Schlechten verfolgt werden und die Guten nicht den Mut haben zu sprechen; daß wahr sei das Wort: "Das Göttliche wird sich in Menschliches umwandeln."3

Und er rief unter Tränen auf zum Herrn und sprach: "Herr, Allerschaffender, wenn dies geschehen soll: weshalb hast du zugelassen, daß alle diese Klöster entstanden, wenn die, welche in den kommenden Zeiten über die Brüder gebieten sollen, [S. 874] schlecht sind? Von welcher Art werden wohl die sein, die von ihnen geleitet werden? Denn wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in die Grube fallen. Sinnlos und vergeblich habe ich mich bemüht.

Gedenke, o Herr, der strengen Mühen, die Du selbst vollbrachtest und Deiner Diener, die jetzt aus ganzer Seele ihren Lebenswandel führen. Gedenke des Vertrages, den Du bis zur Vollendung denen zu bewahren verheißen hast, die Dir dienen. Du weißt, o Herr, daß ich mich, seitdem ich das Gewand des Mönches erwählt habe, vor Dir erniedrigte, daß ich mich nicht sättigte an Brot oder Wasser oder an irgendeiner von den Gaben der Erde." Während er so redete, erscholl eine Stimme zu ihm, welche sprach: "Prahle nicht, Pachomius, denn du bist ein Mensch. Bitte lieber um Mitleid für dich! Denn alles besteht durch mein Mitleid." Pachomius warf sich sogleich auf die Erde nieder und bat um Mitleid beim Herrn, indem er sprach: "Herr, Schöpfer aller Dinge, sende herab auf mich Dein Erbarmen und nimm niemals hinweg von mir Dein Mitleid! Denn auch ich weiß, o Herr, daß ohne Deinen Beistand alles zugrunde geht."

Als er geendet hatte, da traten neben ihn lichtvolle Engel und ein jüngerer in ihrer Mitte, der in unaussprechlichem Glanze leuchtete und seinen hellen Schein wie die Sonne ausstrahlte; auf seinem Haupte hatte er eine Dornenkrone. Sie hoben den Pachomius vom Boden auf und sprachen zu ihm: "Da du den Herrn darum gebeten hast, er möge dir sein Erbarmen herabsenden, siehe, er selbst ist das Erbarmen, der Gott des Glaubens, Jesus Christus, der Eingeborene des Vaters, den er in die Welt geschickt hat, der für uns gekreuzigt wurde und eine Dornenkrone auf dem Haupte trug." Pachomius aber sprach: "Ich bitte Deine unbefleckte Natur, o Herr, nicht ich habe Dich gekreuzigt." Er aber sprach, in noch höherem Glanze leuchtend: "Ich weiß, daß du mich nicht an das Kreuz geschlagen hast, aber eure Väter haben mich gekreuzigt. Fasse indes Mut und sei unbesorgt! Denn in Ewigkeit wird dein Geschlecht nicht vergehen, und es wird behütet werden bis zur Erfüllung der Zeiten. Und gerade [S. 875] die, welche nach dir aus dem tiefsten Nebel zum Heile gelangen, sie werden die überstrahlen, welche jetzt am vollkommensten leben. Denn sie werden jetzt durch das Beispiel deiner Tugenden erleuchtet und strahlen. Die nach dir aber, welche an einem wilden Orte leben, flüchten in tugendhaftem Sinne und nach freiwilligem Entschluß, ohne daß ihnen einer verwandten Herzens den Weg zeigte, aus der Dunkelheit zur Wahrheit und werden der Gerechtigkeit nachfolgen. Wahrlich, ich sage dir, sie werden unter denen, die jetzt am besten und untadelig gelebt haben, erfunden werden und das gleiche Heil genießen."

Nachdem er das gesagt hatte, schwebte er eilends zum Himmel empor, und die Luft war voll Licht, so daß man die Herrlichkeit dieses Lichtes mit menschlichen Worten nicht schildern kann.

1: Siehe Kap. 31.
2: Das Bild erinnert in etwas an ein platonisches (Plat. Polit. VII,1, 514), bei aller grundsätzlichen Verschiedenheit.
3: [Cf Gal 1,6 f.].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger