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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 33. Gründung eines neuen Klosters. Besichtigung der älteren Klöster.

Von diesem schönen Wandel und von dem Leben in Christus hörte auch der Bischof der Stadt, Panuarius mit Namen. Er war in allem tugendhaft und ein warmer Freund des rechten Glaubens; er sandte nun hin und ließ ihn durch einen Brief ersuchen, zu ihm zu kommen; dabei bat er ihn in ausführlichen Worten und mit dem Hinweis auf die göttliche Erfüllung, auch bei jener Stadt ein Kloster zu bauen. Pachomius nun ließ sich aus vielen Gründen von ihm überreden und hatte die Absicht, dorthin zu reisen; er hielt es aber für recht, zuerst die unter seiner Obhut stehenden Klöster zu besuchen.

Als er in die Nähe eines derselben kam, da begegnete ihm der Leichenzug eines verstorbenen Bruders, [S. 865] der leichtfertig gelebt hatte; und die Brüder jenes Klosters folgten dem Zuge unter eifrigem und wohltönendem Psalmengesange; dabei waren auch seine Eltern, alle Verwandten und Freunde des Verstorbenen. Als diese den Heiligen sahen, setzten sie die Bahre nieder, damit er über sie und den verschiedenen Bruder ein Gebet spräche.

Er brachte länger, als es nötig gewesen wäre, die Gott schuldige Bitte und Verehrung dar, dann wandte er sich zu ihnen und befahl, mit dem Psalmengesange aufzuhören. Darauf gebot er, die Kleider des Toten zu bringen und hieß sie vor den Augen aller verbrennen. Dann befahl er, die Leiche wieder aufzuheben und ohne den üblichen Psalmengesang zu bestatten.

Die Brüder, die Eltern und alle Verwandten des Verschiedenen waren entsetzt über das unerhörte Schauspiel und flehten, es möge der gewöhnliche Psalmengesang auch bei ihm erlaubt werden. Pachomius duldete es nicht. Wieder klagten sie gegen ihn voll Unwillen und sagten: "Was ist das für ein unerhörtes Schauspiel, Vater? Wer sollte nicht Mitgefühl haben mit einem Toten, auch wenn er sein Feind wäre, da doch das Unglück geeignet ist, dazu auch einen anzutreiben, der nicht besser als ein Tier ist. Auch ziemt es deiner Heiligkeit nicht und für uns ist es eine große Schmach"; und anderes mehr wie: "Wären wir doch nicht gekommen, wäre der Tote doch kein Mönch geworden! Denn er hätte uns dann nicht diesen unaufhörlichen Jammer hinterlassen. Wir bitten also, es möge zu Ehren des frommen Endes des Verstorbenen der Psalmengesang gewährt werden."

Pachomius aber antwortete und sprach zu ihnen: "Wahrlich, Brüder, mehr als ihr bemitleide ich den Toten; soviel, wie ihr für diese sichtbare Hülle Fürsorge verwendet, habe ich Verantwortung für seine Seele. Um ihretwillen habe ich wie ein Vater dies angeordnet. Ihr macht seine Qual im Jenseits nur größer durch die vermeintliche Ehre; ich aber verschaffe ihm, wenn auch nur teilweise, Fürsprache oder Nachlaß durch die Unehre. Deshalb sorge ich nicht für den Leib des Verstorbenen, sondern für seine [S. 866] unsterbliche Seele, die jenen wieder in unvergänglicher Gestalt annimmt bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. Im anderen Falle aber, wenn ich dies geschehen lasse, werde ich als einer erfunden, der den Menschen zu gefallen sucht und der wegen eines zeitlichen Trostes den Nutzen der Seele beiseite setzt, die am Tage des Gerichtes geprüft werden soll. Denn Gott ist die Quelle der Güte; er sucht Vorwände, durch die er es durchführen kann, daß auf uns seine Güte reichlich herabströmt und daß er unsere Sünden nachläßt nicht nur in diesem Leben, sondern auch im zukünftigen. Um aber an der Verzeihung hinsichtlich des Verschwiegenen Anteil zu haben, dazu gab er zu bedenken, daß, wenn es eine über das gegenwärtige Leben hinaus notwendig wirkende Verzeihung gäbe, er sie verliehen hätte. Wenn aber wir, die wir gewürdigt wurden, sein göttliches, heilspendendes Wissen aus Erfahrung kennen zu lernen, nicht für jeden die notwendige Hilfe brächten, dann würde man uns mit Recht Verächter dessen heißen, was in der Schrift steht: 'Sehet, ihr Verächter, und bewundert das Wunderbare und dann verschwindet!'1 Deshalb bitte ich, damit der Heimgegangene von den ihm drohenden schrecklichen Strafen erlöst wird und einigen Nachlaß erlangt, begrabt ihn ohne Psalmen. Denn Gott, der gut und voll Mitleid ist, kann noch über unsere Fürbitte hinaus den zu ihm Gegangenen aufnehmen." Nachdem Pachomius dies gesagt hatte, wurde der Tote weggebracht auf den Berg, wie es der Heilige geboten hatte, und begraben.

Er verweilte dort zwei Tage und belehrte jeden einzelnen der Brüder über die Furcht Gottes und darüber, wie man gegen den Teufel kämpfen müsse und gegen seine Ränke und Fallstricke, wie man seine gegen uns eifrig betriebenen Anschläge unwirksam machen könne durch die Kraft Christi.

Da wurde ihm gemeldet, daß ein Bruder im sogenannten Kloster Chenoboskia in eine Krankheit verfallen sei und von ihr gequält werde, und daß er sich [S. 867] danach sehne, des ihm übertragenen Segens teilhaftig zu werden. Als dies der Mann Gottes hörte, da stand er auf und folgte ihnen.2 Als der Heilige nun ungefähr zwei oder drei Meilen von dem Orte war, wohin er eilte, da hörte er eine heilige Stimme in der Luft, und als er scharf hinsah, da erblickte er die Seele des Bruders, wie sie in glänzendem Zuge von psalmensingenden Engeln zum seligen Leben Gottes geführt wurde. Die ihn begleitenden Brüder hörten weder die Stimme, noch sahen sie etwas anderes, sondern nur, wie er lange Zeit unverwandt nach Osten blickte. Sie sagten daher zu ihm: "Du standest da, Vater! Laß uns eilen, damit wir ankommen." Er aber antwortete ihnen: "Wollen wir planlos laufen? Denn die ganze Zeit sehe ich auf ihn hin, wie er zum ewigen Leben eingeführt wird." Sie baten ihn, ihnen zu sagen, wie er die Seele gesehen habe; da erzählte er ihnen alles, wie es gewesen war. Einige von den Brüdern nun, die sich bei ihm befanden, als sie in ihr Kloster reisten, erkundigten sich genauer nach der Stunde, in der der Bruder entschlafen war; da erkannten sie, daß das, was der Greis ihnen erzählt hatte, wahr sei.

Ich aber habe diesen Umstand ausführlich berichtet, weil ich an ihm zweierlei zeigen wollte: daß der Mann scharfsichtig war und die Gabe der Weissagung hatte, und daß er alles, auch das Fernste, durch das überaus reine Auge seines Verstandes voraussah; ferner, daß wir immer das Gute nachahmen und uns fernhalten müssen von dem Schädlichen. Doch davon so viel.

Als der Große aber den Weg zurückgelegt hatte und mit seinen Brüdern zu dem oben erwähnten Bischof gekommen war, befahl dieser, anläßlich seiner Ankunft ein Fest zu feiern. Er begrüßte und bewillkommnete ihn in würdiger Weise; dann gab er ihm zur Erbauung der heißersehnten Heilsanstalt einen Platz, wo er ihn wünschte.

1: Hab 1,5.
2: D.i. den Brüdern, welche die Nachricht gebracht hatten.

 

 

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Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger