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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 32. Aufnahme zweier neuer Brüder, darunter des Silvanus.

Eines Tages nun geschah es nach dem Morgengottesdienst, daß sich Pachomius niedersetzte, den Bruder, der den Dienst am Tore hatte, rief und sagte: "Stehen einige draußen, welche der Welt entsagen wollen?" Der antwortete: "Ja, ein alter Mann und ein anderer, ein Schauspieler, namens Silvanus." Und der Große sprach: "Rufe sie hierher!" Als der alte Mann hereingeführt wurde, da fiel er dem Pachomius zu Füßen, bekannte mit lauter Stimme und sprach: "Ich bitte euch; als abends einer von den Brüdern in den Brunnen hinunterstieg, da war ich befremdet über den Anblick und dachte Schlimmes von dir, indem ich zu mir selbst sagte: Dieser Mensch ist ein Mörder, weil er die Brüder zu dieser Stunde in den Brunnen hinabsteigen heißt" - er hatte auch wirklich befohlen, ihn abends zu reinigen-. "Da sah ich mich nun im Traume mitten unter den Brüdern und einen Mann in weißem Gewande, der zu ihnen sagte: 'Empfanget den Geist des Gehorsams!' Zu mir aber sprach er: 'Empfange den Geist des Unglaubens!' Ich bitte daher, für mich zu beten." Pachomius betete, belehrte ihn eingehend und reihte ihn in seine geistliche Gemeinschaft ein.

Er rief dann den Silvanus und sagte zu ihm: "Siehe, mein Bruder, es ist eine Plage und man braucht eine nüchterne Seele und besonnene Überlegung, um mit der Gnade Gottes gegen den Bedränger standhalten zu können, besonders da die frühere Gewohnheit zum Schlechten zwingt." Da er versprach, alles zu tun [S. 861] nach der Unterweisung des Großen, nahm ihn der Vater auf. Dieser Silvanus hatte lange Zeit hindurch gekämpft, da fing er an, sein Heil zu vernachlässigen, sich zur Üppigkeit fortreißen und berücken zu lassen durch witzige Reden, ja sogar selbst die unschicklichen Worte der Bühne ohne Scheu mitten unter den Brüdern vorzutragen. Der heilige Vater rief ihn nach einem asketischen Leben von zwanzig Jahren, befahl ihm, vor den Brüdern das Mönchsgewand abzulegen, ihm weltliche Kleider zu geben und ihn aus dem Kloster zu weisen. Er aber fiel dem heiligen Greis zu Füßen, bat ihn und sprach: "Verzeihe mir noch dieses eine Mal, mein Vater, und ich vertraue auf den, der die Schwachen rettet, unseren Herrn Christus, daß du mich reuig finden wirst über das, was ich aus Sorglosigkeit getan habe, du wirst dich dann freuen über die Umwandlung meiner Seele und Gott danken."

Der Große aber antwortete und sprach zu ihm: "Du weißt, wieviel ich von dir ertragen habe, so daß ich gezwungen war, oft sogar mit Schlägen gegen dich vorzugehen, ich, ein Mann, der niemals gegen einen anderen etwas derart getan hat, oder der auch nur die Hand gegen jemand hätte ausstrecken wollen. Über das, was mich nötigte, gegen dich allein so zu handeln, habe ich in meinem Innern nach dem Gesetz des Mitgefühls größeren Schmerz empfunden als du, der die Schläge erhielt. Denn aus keinem anderen Grunde glaubte ich es zu tun, als um deiner Rettung willen, damit ich wenigstens so dich von deinen Fehltritten aufrichten könne. Wenn du indes trotz so vieler erhaltener Ermahnungen dich nicht dem Besseren zuwenden, ja selbst trotz der Mißhandlung durch Schläge das Heilsame nicht ergreifen wolltest, wie kann ich länger ein krankes Glied mit der Herde Christi weiden lassen? Wird nicht etwa die Räude des einen alle anstecken und einen großen Teil von ihnen vernichten?"

Während er sich so weigerte, beharrte der Bruder nur noch mehr bei seiner Bitte und versicherte, er werde sich in Zukunft bessern. Da verlangte Pachomius Bürgschaften von ihm, daß er nicht wieder in dieselben Fehler falle.

[S. 862] Petronius1 nun, ein heiliger und wunderbarer Mann, nahm ihn auf Grund seiner Versprechungen auf seine Verantwortung hin auf. Da verzieh ihm der Selige, betete über ihn und übergab ihn dem Petronius. Nachdem der Bruder Verzeihung erlangt hatte, demütigte er sich so, daß er ein Vorbild für viele wurde in jeder Tugend der Frömmigkeit, besonders aber hinsichtlich der Tränen im Sinne Gottes, und zwar für die ganze Brüderschaft. Denn oft konnte er sogar beim Essen den Fluß der Tränen nicht zurückhalten, der wie ein Strom hervorbrach und sich mit der notwendigen Nahrung vermischte. So erfüllte sich an ihm das Wort Davids: "Asche habe ich gegessen wie Brot, und meinen Trank habe ich mit Tränen gemischt".2

Die Brüder aber erklärten ihm, weder fremde noch überhaupt irgendwelche anderen Mönche hätten die Gewohnheit, dies zu tun. Er versicherte, daß er sich schon oft besonders hinsichtlich dieses Vorwurfes habe beherrschen wollen, es aber gleichwohl nicht fertig gebracht habe. Sie sagten wieder, er könne dies ja für sich allein in der Betrübnis und beim Gebet tun, er solle sich nur bei Tisch während des Essens beherrschen; sie meinten nämlich, die Seele könne auch ohne die sichtbaren Tränen immer in Betrübnis sein; und sie zwangen ihn zu erfahren, weshalb er denn tränenüberströmt sei, ja sie hinderten ihn endlich und sagten, man müsse erröten, "so daß viele von uns, wenn sie auf dich sehen, nicht einmal essen". Da sprach er zu ihnen: "Ihr wollt nicht, Brüder, daß ich weine, wenn ich sehe, daß Heilige mich bedienen, von denen selbst der Staub an ihren Füßen für mich etwas Großes ist und deren ich durchaus unwürdig bin; ich soll nicht klagen, saget mir, wenn ich, ein Mensch der Bühne, von solch heiligen Männern bedient werde? Ich jammere, meine Brüder, und fürchte jeden Tag, ich möchte wie Dathan und Abiron,3 die Unreinen, sterben, die versuchten, mit schlechten [S. 863] Vorsätzen und unreinen Händen dem Heiligen zu räuchern. Weil ich eine so große Erkenntnis gewonnen hatte, trotzdem aber mein Seelenheil vernachlässige, deshalb schäme ich mich nicht darüber. Denn ich kenne meine vielen Sünden. Wenn ich auch die Seele selbst hingegeben hätte, so würde ich doch nichts Unerhörtes tun."

Als er lange in dieser Weise kämpfte, da legte der Große wieder Zeugnis ab über ihn vor allen: "Sehet, Brüder, ich bezeuge im Angesichte Gottes! Seit dieses Kloster entstanden ist, kenne ich auch nicht einen von allen mit mir zusammenlebenden Brüdern, der meine Demütigung nachgeahmt hätte, außer einen allein."

Als die Brüder dies hörten, glaubten die einen, dieser einzige sei Theodorus, andere meinten, es sei Petronius,4 wieder andere Orsisius.5 Als sich nun Theodorus erkundigte, von wem er spreche, da wollte es der Große nicht sagen. Als er ihm aber noch dringender zusetzte und auch die anderen großen Brüder ihn baten zu sagen, wer denn der sei, da antwortete der Große und sprach: "Wenn ich wüßte, daß der Gelobte, von dem ich reden will, sich darauf etwas einbildete, dann hätte ich ihn nicht als so hervorragend hingestellt. Da ich aber durch die Gnade Christi weiß, daß der Gelobte sich nur noch mehr demütigen wird, deshalb preise ich ihn ohne Furcht vor euch allen selig, damit ihr seine Art und Weise nachahmt. Du nämlich, Theodorus, und alle die, welche mit dir im Kloster leben, ihr kämpft und habt den Teufel gebunden, ihr habt ihn wie einen Sperling unter eure Füße gelegt, und jeden Tag tretet ihr ihn durch die Gnade Christi nieder wie frisch aufgeworfene Erde. Wenn ihr aber nicht auf euch achtet, dann steht der unter euren Füßen liegende Teufel auf, er wird entfliehen und gegen euch nur einen um so heftigeren Feldzug unternehmen. Der jüngere Silvanus aber, der vor kurzer Zeit noch wegen seiner Nachlässigkeit durch uns aus dem Kloster gejagt werden sollte, hat jetzt den Teufel vollständig überwunden und [S. 864] verjagt, so daß er nicht mehr vor ihm erscheinen kann, und er hat ihn durch das Übermaß seiner Demütigung bis ans Ende besiegt. Ihr, die ihr Werke der Gerechtigkeit aufzuweisen habt, seid voll Zuversicht auf das, was ihr schon ausgeführt habt. Jener aber stellt sich, je mehr er kämpft, desto mehr allen als unbewährt hin, aus seiner ganzen Seele und aus seinem ganzen Sinn, indem er erwägt, unbrauchbar und wertlos zu sein. Deshalb ist er auch leicht zu Tränen geneigt, da er sich durchaus gering achtet und an keines seiner guten Werke denkt. Denn nichts nimmt dem Teufel so sehr die Macht als die Demut, die mit wirksamer Kraft aus ganzer Seele entspringt."

So kämpfte Silvanus noch weitere acht Jahre zu den zwanzig, die er schon zugebracht hatte, und vollendete seinen Lauf. Er wurde durch ein Zeugnis von dem Diener Gottes sogar bei seinem Heimgang geehrt, daß nämlich eine Schar von Engeln seine Seele mit großer Freude wie ein auserwähltes Opfer in Empfang genommen und zu Christus geleitet habe.

1: Vgl. S. 85 [863].
2: Ps 101,10.
3: Num 16,1 ff.; dtn 11,6; Ps 105,17.
4: s.o.
5: Siehe S. 119 [897].

 

 

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Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger