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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 4. Gemeinsames Leben mit Palamon.

[S. 806] Da erkannte der heilige Palamon mit eindringendem Blick des Pachomius Glauben an das Heil und seine Bereitwilligkeit; er öffnete die Türe, nahm ihn auf und bekleidete ihn mit der Tracht der Mönche. Und beide lebten von nun an demselben Ziel der Askese und widmeten ihre Zeit den Gebeten. Ihre Arbeit aber bestand darin, Haare1 zu spinnen und Kleider zu weben. In ihrer Beschäftigung müdeten sie sich ab nach der Vorschrift des Apostels, nicht zu ihrer eigenen Erholung noch um Schätze zu sammeln, sondern für den Unterhalt der Armen.

Wenn aber Palamon einmal sah, daß Pachomius bei ihrem Wachen und bei der Darbringung ihrer nächtlichen Gebete vom Schlaf bedrängt wurde, dann nahm er ihn und ging mit ihm hinaus, und sie warfen den Sand des Berges in Körbe, trugen ihn so von einem Ort zum anderen und leerten ihn aus. So machten sie den Körper und den vom Schlaf beschwerten Geist tüchtig zum Wachen für das Gebet. Der Greis aber sprach zu ihm: "Wache Pachomius, damit dich nicht der Versucher in Versuchung führe und so unsere Mühe vergeblich werde." Wenn aber Palamon seinen Gehorsam in allen Dingen und seinen Fortschritt in der Askese sah, freute er sich sehr und lobte Gott.

Am heiligen Auferstehungstage des Osterfestes sagte er zu ihm: "Da heute das Fest aller Christen ist, so bereite auch für uns, mein Bruder, das Nötige zum Mahle zu." Pachomius wollte den Befehl voll Eifer ausführen, er nahm also Öl und goß es in das zerriebene Brot, was Palamon nicht zu tun gewohnt war; denn auch die Kräuter aß er immer ohne Öl und Essig. Als er alles zubereitet hatte, sagte Pachomius: "Siehe Vater, ich habe getan, wie du befohlen hast." Der Greis näherte sich dem Tische und sah das Öl in dem Brot; da schlug er seine Stirne, und unter Tränen sprach er: "Mein Herr wurde gekreuzigt, mißachtet, mit Ruten [S. 807] geschlagen, und ich esse Öl." Und als ihn Pachomius einlud, an der bereiteten Mahlzeit teilzunehmen, da brachte er es nicht über sich, bis das Gericht weggenommen und ein anderes hingestellt worden war.

Sie setzten sich nun, wie es ihre Gewohnheit war, zum Essen nieder, Palamon machte das Kreuzzeichen über die Speisen und dankte Gott, und Pachomius folgte demütigen Herzens seinem Beispiel. Als sie eines Tages wachten und Feuer angezündet hatten, da kam von auswärts ein Bruder, um bei ihnen zu bleiben. Dieser stand auf und sagte zu dem Greise: "Wenn einer von euch Glauben besitzt, der stelle sich auf diese Kohlen und spreche Wort für Wort das Gebet des Evangeliums!" Palamon durchschaute seinen Übermut, er tadelte ihn und sprach: "Bruder, höre auf mit deiner Torheit und sage nicht solche Worte! Denn du hast dich verführen lassen." Der aber trat, nur noch mehr verblendet, auf die Kohlen, ohne daß ihn jemand dazu aufgefordert hätte. Jener aber sah die Wirksamkeit der Dämonen, die es ihm durch göttliche Zulassung ermöglichte, nicht zu verbrennen. Dadurch wurde wieder sein Wahnsinn nur gesteigert nach dem Wort der Schrift: "Gegen die Falschen sendet Gott verschlungene Wege".2 Als sich jener Mönch nach diesem Vorfall morgens aus der Zelle entfernen wollte, da sagte er spottend zu ihnen: "Wo bleibt euer Glaube?"

Wie nun der Dämon sah, daß jener vollständig betört und ihm leicht zu Willen sei, da verwandelte er sich in ein wohlgestaltetes Weib, angetan mit prächtigen Gewändern. Er kam zu ihm, klopfte an die Türe seiner Zelle, und als er ihm öffnete, sprach der Dämon zu ihm; "Da ich von Wucherern bedrängt werde und fürchte, in Gefahr zu sein - denn ich bin nicht imstande, die Schuld zu bezahlen -, so flehe ich dich an, nimm mich in deine Zelle auf; denn Gott hat mich zu dir gesandt, damit ich gerettet werde."

Er aber konnte in der Verhärtung seines Sinnes nicht unterscheiden, wer der sei, der mit ihm rede, und er nahm sie auf. Als nun der Dämon erkannte, daß [S. 808] sein Wesen sich leicht zum Laster wende, da flößte er ihm eine schlimme Begierde ein, er unterlag der Einflüsterung und wollte lieber sündigen. Als er sich ihr aber näherte, da schleuderte der Dämon ihn augenblicklich zu Boden, und er lag dahingestreckt auf der Erde wie ein Toter.

Nach einigen Tagen erst kam ihm sein Wahnwitz zum Bewußtsein; er eilte zum heiligen Palamon und jammerte und sprach folgendes zu ihm: "Du weißt, Vater, daß ich selbst schuld wurde an meinem eigenen Verderben. Denn ich habe nicht auf dich gehört. Deshalb bitte ich, helft mir, dem Mitleidswerten, durch eure frommen Gebete, der ich in Gefahr schwebe, von dem Dämon vernichtet zu werden." Während er noch redete und sie über ihn aus Mitgefühl weinten, da wurde er plötzlich vom Dämon besessen. Er stürzte aus der Zelle und lief durch das Gebirge, angetrieben von dem Dämon; und er kam zu einer Stadt, die Panos3 heißt; nach einiger Zeit wurde er wahnsinnig, stürzte sich in den Ofen einer Badeanstalt, verbrannte sogleich und ging so zugrunde.

Als dies Pachomius sah und hörte, da nahm er noch mehr zu in der Askese und bemühte sich nach der Schrift auf alle mögliche Art, sein Herz zu behüten, so daß ihn der gute Alte bewunderte. Denn nicht allein die offenkundige und zur Gewohnheit gewordene strenge Askese erfüllte er eifrig; er bestrebte sich auch, nach dem Gesetz Gottes sein Gewissen in allem rein zu erhalten und hoffte dafür, daß ihm im Himmel eine herrliche Erwartung aufbewahrt sei. Denn wenn er die göttlichen Gesetze las oder auch sich einprägte, erfüllte er sie nicht so obenhin oder wie es sich gerade traf, sondern er durchforschte jedes Gebot genau und nahm es in Gott wohlgefälliger Weise in seine Tugendübungen auf. So kämpfte er zunehmend in der Vollendung wie die Zeiten und zeichnete sich vornehmlich aus durch Demut und Sanftmut und durch die Liebe zu Gott und zu allen Menschen wie nur irgendeiner.

Dies und noch vieles andere haben wir erfahren und [S. 809] gehört von den Erzvätern, die geraume Zeit mit ihnen Umgang pflogen. Denn er erzählte ihnen oft mancherlei nach der Lesung des Wortes Gottes zur Erbauung und zum Nutzen. Diesen reichen Stoff konnten wir in unserer Darstellung nicht bringen, denn daran hinderte uns unsere Unzulänglichkeit; wir sind nämlich nicht geschickt genug zur Erzählung solcher rühmlicher Taten.

Am Fuße jenes Gebirges lag eine Wüste voll von Dorngesträuch. Oft nun wurde Pachomius ausgesandt, um Holz zu lesen, und natürlich war er barfuß. Seine Füße schmerzten ihn, da sie meist von den Dornen durchbohrt wurden. Er erduldete dies freudigen Herzens, da er sich der Nägel an den Händen und Füßen des Herrn erinnerte, die am Kreuz ihm durchgestoßen wurden. Er liebte die Einsamkeit und hielt sich noch lieber in der Wüste auf. Hier stellte er sich hin zum Gebete und bat Gott, ihn und alle Menschen zu retten vor jeglicher Hinterlist des Feindes. So verweilte der Liebling Gottes immer besonders gern in der Wüste.

1: Im Text (tρίχας).
2: Paroem. 21,8. [Prov 21,8].
3: Vgl. S. 26 ANm. 1 [804].

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
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