Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 28. Anläßlich eines erbaulichen Vortrages des Theodorus leitet Pachomius hochmütige Brüder zur Demut an.

Als Pachomius das verständige Wesen des Theodorus wahrnahm und merkte, daß er imstande sei, die Schwächeren hart zu machen, da freute er sich sehr über ihn. Alle nun hatten die Gewohnheit, jeden Abend an einem Platze des Klosters zusammenzukommen und der Belehrung des Großen zu lauschen. Als sich nun alle an dem Orte versammelt hatten, befahl er dem Theodorus, der zwanzig Jahre alt war, den Brüdern das Wort Gottes zu verkünden. Und dieser öffnete sogleich ohne irgendeinen Widerspruch oder Ungehorsam den Mund und verkündete ihnen vieles, was zum Nutzen diente. Einige nun von den bejahrteren Greisen beobachteten, was geschah, und wollten ihn nicht hören; sie sagten zueinander: "Da uns dieser Anfänger belehren will, so wollen wir nicht auf ihn hören," Sie verließen die Versammlung, und jeder ging in seine Zelle.

Nachdem der Vortrag beendet war, schickte der Große hin und ließ sie rufen. Sie kamen zu ihm, und er fragte sie und sprach: "Weshalb habt ihr den Vortrag verlassen und euch in eure Zellen begeben?" Sie aber antworteten: "Weil du ein solches Kind als Lehrer von Greisen und im Kloster Fortgeschrittenen aufgestellt hast."

[S. 855] Als Pachomius dies hörte, seufzte er tief auf und niedergeschlagen sprach er zu ihnen: "Wißt ihr, woher der Anfang des Übels in die Welt gekommen ist?" Sie fragten: "Woher?" Er antwortete und sprach zu ihnen: "Durch den Hochmut, wegen dessen auch der Morgenstern, der früh am Morgen aufgeht, vom Himmel gestürzt wurde und an der Erde zerschellte; wegen dessen auch Nabuchodonosor, der König von Babylon, mit den Tieren zusammenhauste.1 Oder habt ihr das Wort der Schrift nicht gehört: 'Ein Gegenstand des Abscheus ist vor den Augen des Herrn jeder hochmütige Mensch',2 und: 'Jeder, der sich erhöht, wird erniedrigt werden; der aber, welcher sich erniedrigt, wird erhöht werden'.3 Durch eure Unwissenheit wurdet ihr vom Teufel eurer Rüstung beraubt und habt eure ganze Tugend vernichtet. Denn Vater und Anfang aller Sünden ist der Hochmut. Nicht den Theodorus habt ihr verlassen und seid davon gegangen, sondern ihr seid vor dem Worte des Herrn geflohen und habt euch getrennt vom Heiligen Geiste. Ihr seid in Wahrheit jeden Mitleids wert. Wie, ihr habt nicht eingesehen, daß es der Satan war, der euch antrieb, so weit zu gehen?

O großes Wunder! Gott hat sich erniedrigt, indem er gehorsam war bis zum Tode für uns, und wir, die wir von Natur aus niedrig sind, wir wollen uns überheben. Der von Natur Hohe und Übergewaltige hat sich durch seine Erniedrigung die Welt erworben, obwohl er durch einen Blick alles in Flammen setzen konnte. Wir aber, die wir von der Erde sind, die in Wahrheit Asche oder noch wertloser als diese ist, wir blähen uns auf und wissen nicht, daß wir uns von hier in die tiefsten Tiefen der Erde hinabsenden. Habt ihr nicht gesehen, daß auch ich mit großer Aufmerksamkeit zugehört habe? Ich sage euch, daß ich großen Nutzen hatte dadurch, daß ich ihm zuhörte. Denn nicht um euch zu prüfen, habe ich ihm aufgetragen zu euch zu sprechen, sondern [S. 856] in der Erwartung, auch selbst gefördert zu werden. Um wieviel mehr also hättet ihr ihm mit größter Demut zuhören müssen. In Wahrheit, ich sage euch, ich, euer Vater im Herrn, habe wie jemand, der nicht weiß, was rechts und links ist, zugehört. Euch nun sage ich im Angesichte des Herrn: Wenn ihr nicht wegen dieses Sündenfalles die größte Reue zeigt, so daß euch der Fehltritt vergeben wird, werdet ihr verloren sein; und nachdem einmal dieser überaus schlimme Anfang in euch gemacht ist, werdet ihr nicht eher aufhören, bis ihr bis zur äußersten Stufe der Verurteilung gekommen seid." Durch diese Worte schloß er in geschickter Weise die Wunde der Überhebung und erleichterte ihnen die Krankheit, indem er sie mit Maß aufrichtete. Denn er war schroff, wenn es nötig war, aber auch wieder gutmütig, wenn es der Augenblick erforderte, indem er die Fehlenden mahnte und zum Guten antrieb.

1: Dan 4,22.
2: Prov. 16,5.
3: Mt 23,12.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . Kap. 20. Gründung ...
. . Kap. 21. Angliederung ...
. . Kap. 22. Der Asket ...
. . Kap. 23. Pachomius ...
. . Kap. 24. Pachomius ...
. . Kap. 25. Pachomius ...
. . Kap. 26. Die Ausdauer ...
. . Kap. 27. Das verständige ...
. . Kap. 28. Anläßlich ...
. . Kap. 29. Pachomius ...
. . Kap. 30. Einer der ...
. . Kap. 31. Pachomjus ...
. . Kap. 32. Aufnahme zwei...
. . Kap. 33. Gründung ...
. . Kap. 34. Die Bestrafung ...
. . Kap. 35. Einrichtung ...
. . Kap. 36. Pachomius ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger