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Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 22. Der Asket Jonas.

In diesem Kloster lebte ein sehr alter und heiliger Mann, der den Herrn über alles liebte, mit Namen Jonas, der vollkommenste Asket, dessen Lebenswandel ich zum Nutzen vieler mit Gott erzählen werde. Der Große stellte nämlich in jedem Kloster mit vielem Eifer Brüder auf, die im Geiste fähig waren zur Leitung der übrigen, und er selbst besuchte die Klöster in Zwischenräumen. Er kam auch dorthin und ging in das Kloster hinein; da stand ein sehr hoher Feigenbaum, auf den manche von den Jungen heimlich zu klettern, davon Früchte zu nehmen und zu essen pflegten. Der Große betrachtete den Baum und näherte sich ihm; da sah er auf ihm einen unreinen Geist sitzen. Er erkannte, daß dies der Geist der Gefräßigkeit sei und war überzeugt, er sei es besonders, der die jungen Leute verführe. Er rief nun den vorher erwähnten Bruder, der der Gärtner des Klosters war, und sagte zu ihm: "Bruder, haue diesen Feigenbaum um! Denn es ziemt sich nicht, daß er mitten im Kloster steht, da er ein Gegenstand des Anstoßes ist für die, welche in der Erkenntnis nicht gefestigt sind." Als der Bruder dies hörte, betrübte er sich sehr und sagte zum Großen: "Keineswegs wollen wir das tun, mein Vater, da wir von dem Baume gewöhnlich eine Menge Früchte ernten." Als Pachomius ihn so betrübt sah und wußte, daß er durch seinen Lebenswandel bewundernswert und erbaulich sei, wollte er ihn nicht weiter drängen, um ihn nicht über Gebühr zu kränken. Am folgenden Tage aber erblickte man den Baum so dürr, daß man überhaupt kein grünes Blatt und keine Frucht mehr an ihm finden konnte. Als dies der selige [S. 845] Jonas sah, da kränkte er sich noch mehr über seinen Ungehorsam, weil er auf das Wort des Heiligen hin den Baum nicht sogleich und bereitwillig umgehauen hatte.

Dieser Jonas hatte sein fünfundachtzigstes Jahr in dem Kloster vollendet und ein durchaus ernstes Leben geführt. Er allein hatte die ganze Sorge für den Garten und pflanzte selbst die Obstbäume. Trotzdem genoß er niemals bis an sein Lebensende das Geringste von den Früchten, obwohl alle Brüder und die Fremden und die Umwohner davon bis zur Sättigung aßen. Seine Kleidung war diese: Er hatte drei Schaffelle zusammengenäht und begnügte sich mit diesen allein für die Bekleidung seines Leibes, indem er niemals etwas anderes anzog, weder im Sommer noch im Winter. Er hatte auch einen hemdartigen Überwurf, den er anlegte zur Stunde der göttlichen und unbefleckten Geheimnisse des Leibes unseres Herrn Jesu Christi. Und sofort nach dem Empfang des heiligen Leibes legte er ihn wieder ab und beiseite und bewahrte ihn so rein fünfundachtzig Jahre lang. Was körperliche Erholung sei, das wußte er nicht, da er freiwillig und gar eifrig immer arbeitete. Er nahm niemals gekochte Nahrung zu sich, sondern die ganze Zeit seines Lebens hindurch aß er rohes kleines Gemüse mit Essig. Einige der Brüder versicherten auch, daß er das Krankenhaus nie von innen sah. Zu allem diesem lehnte er sich auch bis zu seinem Tode niemals mit dem Rücken an, sondern am Tage arbeitete er im Garten, gegen Sonnenuntergang nahm er seine Mahlzeit zu sich, ging dann in seine Zelle , setzte sich auf einen Stuhl in der Mitte der Zelle und flocht Stricke bis zur nächtlichen Versammlung. Und wenn es ihm zustieß, daß ihn aus dem natürlichen Bedürfnis des Körpers der Schlaf ein wenig übermannte, dann saß er ebenfalls und hatte die von ihm geflochtenen Seile in den Händen. Und dies tat er nicht bei einer Lampe oder einer anderen Flamme, sondern er saß in tiefer Dunkelheit da und prägte sich die Worte der Heiligen Schrift ein.

Noch sehr vieles andere des Lobes würdige tat der selige Greis Jonas, was darzustellen hier nicht der Ort [S. 846] ist, damit sich die Erzählung nicht in unendliche Länge ausdehne und den oberflächlicheren unter den Lesern Ermüdung verursache. Ganz allgemein aber wird erzählt. daß er auf eine recht merkwürdige Weise entschlafen sei: Er saß nämlich auf seinem Stuhle und drehte nach seiner Gewohnheit Stricke, und so vollendete er, so daß man nach seinem Tode die Stricke in seinen Händen fand. Wahrhaft wunderbar und erzählenswert, meine Brüder, ist auch der Bericht über seine Bestattung. Seine Beine nämlich konnten nicht ausgestreckt werden, da sie in der Stellung erstarrt waren, in der er gestorben war; ebenso konnten seine Hände nicht vereinigt oder dem Körper genähert werden; auch sein Fellgewand gab nicht nach, so daß man es ausziehen konnte. Sie wickelten ihn daher ein wie ein Bündel Holz und mußten ihn so der Erde übergeben. Doch wir wollen wieder zu unserem Gegenstand zurückkehren.

 

 

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Einleitung: Leben des heiligen Pachomius
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger