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Chrysostomus († 407)
Homilien über den Brief an Philemon

Einleitung (Vom hl. Chrysostomus.)



[S. 499] Vorerst haben wir über die Veranlassung des Briefes uns zu verbreiten. Dann auch über einige Vorfragen.

Welches war also die Veranlassung? Philemon gehörte zu dem Kreise der damals hochangesehenen und ausgezeichneten Männer. Daß er hochangesehen war, beweist der Umstand, daß sein ganzes Haus gläubig war und zwar so gläubig, daß es eine „Gemeinde“ (ἐκκλησία) genannt wurde. Deßhalb heißt es im Briefe: „Der Gemeinde in deinem Hause.“ Der Apostel gibt ihm aber auch das Zeugniß großen Gehorsams und sagt, daß die Herzen der Heiligen bei ihm Erquickung fänden; und er selber spricht in diesem Briefe von einer gastlichen Aufnahme, die er ihm bereiten soll. Auf diese Weise war, wie mir scheint, sein Haus ein Absteigquartier für alle frommen Christen.

Dieser hochangesehene Mann nun hatte einen Sklaven namens Onesimus. Dieser Onesimus hatte bei seinem Herrn einen Diebstahl begangen und war entlaufen. Daß es sich um einen Diebstahl handelt, ergibt sich aus den [S. 500] Worten: „Wenn er dir irgend einen Schaden verursacht hat oder dir Etwas schuldet, so werde ich es ersetzen.“ Er kam also zu Paulus nach Rom, fand ihn im Gefängnisse, wurde von ihm in der christlichen Lehre unterwiesen und empfing dort auch die Taufe. Daß ihm nämlich die Taufgnade zu Theil wurde, erhellt aus den Worten: „Den ich in meinen Banden erzeugt habe.“

Paulus schreibt nun den Brief, um den Onesimus seinem Herrn zu empfehlen, damit er ihm für Alles Verzeihung gewähre und ihn, den jetzt Wiedergebornen, in Gnaden aufnehme.

Aber da es Einige gibt, welche behaupten, es sei überflüssig, sich mit diesem Briefe näher zu befassen, indem er einem unbedeutenden Vorgange und nur einem einzelnen Manne gelte, so sollen Alle, die so geringschätzig davon sprechen, jetzt wissen, daß diese ihre Meinung in hohem Grade verwerflich ist. Es hätten nicht bloß so kurze Briefe und nicht bloß über nothwendige Dinge geschrieben werden sollen. Wollte Gott, wir hätten Jemanden, der uns die Geschichte der Apostel überliefert hätte, gar nicht zu reden von ihrer lehrenden und schriftstellerischen Thätigkeit, sondern der uns auch ihr Privatleben geschildert hätte, was sie aßen, wann sie aßen, wann sie sich niedersetzten, wann sie auf dem Wege waren, was sie jeden Tag thaten, in welchen Landstrichen sie sich aufhielten, welches Haus sie besuchten, wo sie Einkehr nahmen, Alles sollte genau erzählt sein: ein so großer Nutzen liegt für uns in Allem, was sie gethan haben. Aber da die Meisten keinen Begriff von dem Gewinne haben, der uns daraus erwächst, so unterstehen sie sich, tadelnde Äusserungen zu machen. Denn wenn wir die Örtlichkeiten sehen, wo die Apostel sich aufhielten oder wo sie gefangen saßen — seelenloose Orte — so weilen wir da gern mit unsern Gedanken, unsere Phantasie ergeht sich in der Erinnerung an ihre Tugend, es erwachen in uns gute Vorsätze. Das würde noch mehr der Fall sein, wenn wir [S. 501] von ihren Worten und sonstigen Thaten Kunde bekämen. Handelt sichs um einen Freund, so frägt man, wo er sich aufhält, was er treibt, wo er hingeht; von den gemeinsamen Lehrern der Welt sollte man das nicht wissen? Wenn nämlich Jemand ein rechtes Geistesleben führt, dann bringt Haltung, Schritt, Rede und That eines solchen Mannes, kurz Alles Demjenigen, der davon hört, großen Nutzen; diese (äusseren) Dinge sind kein Hemmniß, kein Hindernis (für das geistige Leben).

Da übrigens der vorliegende Brief eine nothwendige Veranlassung hatte, so ist es von Nutzen, daß ihr euch damit bekannt macht. Betrachte also, was man Gutes daraus lernen kann! Erstens und vor Allem, daß man für Alles Eifer zeigen soll. Wenn nämlich Paulus für einen entlaufenen Sklaven, für einen Dieb und Räuber eine solche Sorgfalt bewiesen hat, und wenn er keinen Anstand nimmt und es nicht unter seiner Würde hält, ihn mit einem so empfehlenden Brief zu versehen, dann dürfen wir in solchen Dingen noch viel weniger nachlässig sein. Zweitens lernen wir daraus, daß wir an dem Sklavenvolk nicht verzweifeln sollen, auch wenn es ein noch so schlechtes Gesindel ist. Denn wenn der Dieb, der entlaufene Spitzbube ein so tugendhafter Mensch geworden ist, daß Paulus ihn zu seinem Gefährten wählt und im Briefe sagt: „Damit er an deiner Stelle mir diene“ — dann darf man an freigebornen Menschen noch viel weniger verzweifeln. Drittens lernen wir daraus, daß es sich nicht ziemt, die Sklaven ihren rechtmäßigen Herren zu entziehen. Denn wenn Paulus, der sich dem Philemon gegenüber schon Etwas erlauben durfte, es nicht über sich brachte, den Onesimus, welcher ihm so gute Dienste geleistet hätte, ohne die Einwilligung seines Herrn bei sich zu behalten, so dürfen wir das noch viel weniger thun. Ist nämlich der Diener ein braver Mensch, dann muß er eben deßhalb um so eher in seiner Stellung bleiben und darf seine Herrschaft nicht verlassen, weil er Allen im Hause großen Nutzen schafft. Warum nimmst du das [S. 502] Licht vom Leuchter und stellst es unter den Scheffel? Könnten wir nur die Leute draussen (als Dienstboten) in die Städte hereinbringen! Wie nun, sagst du, wenn dann auch der Landbewohner ein schlechter Mensch wird? Weßhalb, ich bitte dich, soll er denn schlecht werden? Etwa weil er die Stadt betreten hat? Aber bedenke doch, daß er draussen auf dem Lande noch schlechter werden kann. Wer da herinnen schlecht ist, der ists draussen noch viel mehr. Hier ist er der Nahrungssorgen überhoben, indem der Herr für ihn sorgt. Draussen auf dem Lande aber zieht ihn die Sorge um das Nothwendige vielleicht von dem noch Nothwendigeren ab, von dem Geistigen nämlich. Deßhalb gibt auch der heilige Paulus den Dienstboten den vortrefflichen Rath: „Du bist ein Sklave genannt? Laß dich das nicht anfechten, sondern wenn du auch frei werden kannst, mache von dieser Benennung um so mehr Gebrauch,“1 d. h. bleibe im Sklavenstande! Das Allernothwendigste ist aber, daß das Wort Gottes nicht gelästert werde, wie ja auch der Apostel selber schreibt: „Alle, welche Sklaven sind unter dem Joche, sollen ihre eigenen Herren jeglicher Ehre werth erachten, damit der Name Gottes und die Lehre nicht gelästert werde.“2 Selbst die Heiden werden dann zugeben, daß auch ein dienender Mensch Gott wohlgefällig sein kann; sonst würden sie sich ja in die Nothwendigkeit versetzt sehen, zu schmähen und zu sagen: „Das Christenthum hat alle Verhältnisse des Lebens auf den Kopf gestellt; es nimmt den Herren die Diener weg und geht überhaupt gewaltthätig vor.“

Soll ich noch etwas Anderes sagen? Dieser Brief lehrt uns, daß wir uns unserer Diener nicht schämen sollen, falls sie brav sind. Wenn nämlich der heilige Paulus, bewundernswerth wie kein Mensch, das dem Onesimus gegenüber beobachtet hat, so müssen wir es unsern Dienstboten gegenüber noch mehr beobachten.

[S. 503] Da wir nun aus diesem Briefe so viel Gutes lernen können — und ich habe noch nicht einmal Alles aufgeführt — hält es dann noch Jemand für überflüssig, daß auch er unter die Apostelbriefe eingereiht worden ist? Wäre eine solche Meinung nicht überaus thöricht? Wollen wir also, ich bitte euch, diesem von der Hand des Apostels geschriebenen Briefe eine rechte Aufmerksamkeit schenken. Haben wir jetzt schon so viel davon profitiert, so werden wir aus dem Texte selbst noch mehr profitieren. [S. 504]

1: I. Kor. 7, 21.
2: I. Tim. 6, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger