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Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an Titus
Erste Homilie.

III.

Nachdem der Apostel den Ausdruck „Kind“ gebraucht, fährt er fort mit „Gott dem Vater“, um die Gedanken des Titus emporzurichten, und damit er wisse, wessen Kind er ist; auch deßhalb, weil er nicht bloß durch Hinweisung auf den gemeinsamen Glauben, sondern auch durch die Erwähnung des gemeinsamen Vaters sich auf gleiche Stufe mit Titus stellen wollte.

Man beachte übrigens, wie der Apostel Dasjenige, was er für die Schüler und das gläubige Volk ersteht, auch für den Lehrer erbetet! Dieser nämlich bedarf gerade so gut solcher Gebete, ja er bedarf derselben noch viel mehr als das Volk, da er auch um so mehr Feinde und um so zahlreichere Anlässe hat, Gott zu beleidigen. Denn je größer die Würde, desto größer sind die Gefahren für den Inhaber des priesterlichen Amtes. Es genügt eine einzige gute That im bischöflichen Amte zum Eintritt in den Himmel, andererseits aber auch ein einziger Fehltritt zum Sturz in die Hölle. Um von den anderen Sachen, die jeden Tag daherkommen, zu schweigen, so bedenke nur, welch schwerer Höllenstrafe er sich schuldig macht, wenn er zufällig, sei es aus Freundschaft, sei es aus einem andern Grunde, einen unwürdigen Mann zum Bischof befördert und ihm das Hirtenamt in einer großen Stadt anvertraut! Er ist es ja, welcher Rechenschaft geben muß nicht bloß für die Seelen, die zu Grunde gehen, — jener gottvergessene Bischof richtet sie ja zu Grunde, — sondern auch für alle Sünden, <418> die derselbe begeht. Denn wer im Privatstande schon gottvergeben ist, der ist’s noch viel mehr, wenn er eine hierarchische Würde erlangt. Ja, es ist nur zu wünschen, daß ein sonst frommer Mann fromm bleiben möge als Träger einer solchen Würde. Denn eitle Ruhmsucht setzt ihm in dieser Stellung schärfer zu, ebenso der Geiz; dann Übermuth bei der Macht, die seine Würde ihm bietet; ferner kommt es leicht zu Feindseligkeiten, Injurien, Schmähungen und tausend anderen Dingen. Ist nun Einer gottvergessen, dann ist er es um so mehr in einer so hohen Stellung; und stellt ein Bischof einen solchen Amtsbruder auf, so ist er verantwortlich für seine Sünden und für die ganzer Gemeinden. Wenn es schon von Demjenigen, der eine einzige Seele ärgert, heißt, „es wäre besser für ihn, daß man ihm einen Mühlstein um den Hals hänge und ihn in die Tiefe des Meeres versenke,“1 wie wird es erst Dem ergehen, welcher so vielen Seelen Ärgerniß gibt, ganzen Städten und Gemeinden, zahllosen Seelen, Männern, Weibern, Kindern, Bürgern, Bauern, den Bewohnern der Stadt und ihrer Umgebung? Sprichst du von dreifacher Strafe, so hast du Nichts gesagt; so groß ist die Züchtigung und Strafe, welcher er verfällt. Also braucht am allermeisten ein solcher Mann „die Gnade und den Frieden Gottes“. Denn wenn er nicht damit ausgerüstet das gläubige Volk regiert, dann geht Alles vollständig zu Grunde, da es am Steuer fehlt. Er mag noch so erfahren sein in der Leitung eines Schiffes, wenn ihm dieses Steuer mangelt, nämlich die Gnade und der Friede Gottes, dann wird er Schiff und Leute in die Tiefe versenken. Daher muß ich mich darüber wundern, daß es noch Männer gibt, die nach einer so hohen Stellung eifrig streben. O du armer und unglücklicher Mensch. Siehst du nicht, was du anstrebst? Wenn du als Privatmann lebst in Verborgenheit und ohne Auszeichnung, dann kannst [S. 419] du hundert Sünden begehen, und du hast doch nur für eine einzige Seele Rechenschaft zu geben, nur für sie allein bist du verantwortlich; wenn du aber zu dieser Würde gelangst, dann bedenke, für wie viele Köpfe dich die Strafe treffen wird! Höre nur, was Paulus spricht: „Gehorchet eueren Vorgesetzten und seid ihnen Unterthan, weil sie für euere Seelen wachen, da sie dafür Rechenschaft geben werden!“2 Aber es ist dir um Ehren und Würden zu thun? Und was für ein Vergnügen hat man denn bei dieser Ehre? Das sehe ich gar nicht ein. Der Kirchenfürst kann ja in Wahrheit keinen eigentlichen Fürsten spielen. Warum? Weil es im Belieben seiner Unterthanen liegt, ob sie ihm gehorchen wollen. Und wenn man sich die Sache genau ansieht, so wird man finden, daß ein solcher Mann eigentlich gar keine fürstliche Stellung einnimmt, sondern daß er der Diener von tausend Despoten wird, deren Gedanken und Reden in ganz entgegengesetzte Richtungen gehen. Denn was der eine preist, Das tadelt der andere; was der eine herabsetzt, bewundert ein zweiter. Man weiß also nicht, auf wen man hören und achten soll. Ein Sklave kann sich wenigstens beklagen, wenn ihm sein Herr disparate Dinge aufträgt; aber wenn du darüber unwillig wirst, falls so viele Herren dir ganz entgegengesetzte Dinge zumuthen, so mußt du auch dafür Rechenschaft geben, weil du schuld bist, daß dann Alles das Maul gegen dich aufreißt. Und wie, Das wäre eine Ehrenstellung, Das wäre die Stellung eines Fürsten und Gewalthabers?

1: Matth. 18, 6.
2: Hebr. 13, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger