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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus

Zehnte Homilie.

I.

9. Beeile dich, schleunigst zu mir zu kommen!
10. Denn Demas hat mich verlassen aus Liebe zu dieser Welt und ist nach Thessalonich gegangen, Crescens nach Galatien, Titus nach Dalmatien.
11. Lukas ist allein bei mir. Den Markus nimm zu dir und bring’ ihn mit; denn er ist mir nützlich zum Dienste.
12. Den Tychikus aber habe ich nach Ephesus geschickt.
13. Den (dicken) Mantel, den ich in Troas beim Karpus zurückgelassen habe, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamentrollen.

I. Es ist der Mühe werth, zu untersuchen, warum der Apostel den Timotheus zu sich ruft, da demselben doch eine [S. 386] Kirche, ja eine ganze Nation zur Pastorirung anvertraut war. Das war nicht Selbstgefühl: er ist ja selber bereit zu ihm zu kommen. Höre, wie er spricht: „Wenn ich aber verziehe, damit du wissest, wie du dich zu verhalten hast im Hause Gottes.“1 Warum citirt er ihn aber? Er befand sich in großer Nothlage und war nicht mehr Herr über seine Reisepläne. Er wohnte in einem Gefängnisse und war von Nero eingekerkert und nahe am Tode. Damit nun der letztere nicht eintrete, bevor er seinen Jünger nochmal gesehen, deßhalb ruft er ihn zu sich, da er ihn vor dem Tode noch zu sehen und ihm vielleicht noch manche Mittheilung zu machen wünscht. Darum sagt er unten:2 „Beeile dich, daß du noch vor dem Winter zu mir kommst!“

„Denn Demas hat mich verlassen aus Liebe zu dieser Welt.“ Der Apostel sagt nicht, Timotheus solle kommen, damit er ihn vor seinem Hinscheiden nochmal sehe, was für denselben sehr schmerzlich gewesen wäre, sondern: „Ich bin allein und habe keinen Mitarbeiter; denn Demas hat mich verlassen aus Liebe zu dieser Welt und ist nach Thessalonich gegangen,“ d. h. aus Liebe zur Bequemlichkeit, zur Ruhe und Sicherheit; es ist ihm lieber, daheim behaglich zu leben, als mit mir Mühsale zu dulden und mit mir die gegenwärtigen Gefahren zu theilen. Diesen Mann allein hat er getadelt, nicht um ihm Eines anzuhängen, sondern um uns zu stärken, daß wir in Gefahren und Mühsalen nicht weich werden; denn Das ist mit der „Liebe zu dieser Welt“ gemeint. Zugleich will er den Jünger damit zu sich ziehen.

„Crescens nach Galatien, Titus nach Dalmatien.“ Diesen macht er keinen Vorwurf mehr. Titus war ja einer von den bedeutendsten Männern, so daß er [S. 387] ihm die Kirche auf der Insel anvertraute, einer nicht kleinen, im Gegentheil, einer sehr großen Insel, die Kirche von Kreta nämlich.

„Lukas ist allein bei mir.“ Dieser war nämlich sein unzertrennlicher Begleiter; er ist auch der Verfasser des Evangeliums und der Apostelgeschichte, ein Mann von großer Arbeitskraft, von wissenschaftlicher Bildung und starkem Charakter. Über ihn schreibt er: „Dessen Lob im Evangelium bei allen Gemeinden ist.“3

„Den Markus nimm zu dir und bring’ ihn mit!“ Warum? „Denn er ist mir nützlich zum Dienste.“ Nicht zu seiner Bequemlichkeit, nein, zum Dienste des Evangeliums. Auch in Fesseln ließ ja der Apostel nicht ab, zu predigen. Auch den Timotheus hat er aus diesem Grunde citirt, nicht seiner eigenen Person, sondern des Evangeliums wegen, damit bei den Gläubigen nach seinem Tode keine Verwirrung einreisse; dann sollten viele von seinen Jüngern anwesend sein, die Aufregung beschwichtigen und die über seinen Tod untröstliche Gemeinde beruhigen. Wahrscheinlich waren ja unter den Christen zu Rom sehr angesehene Männer.

Den Tychikus aber habe ich nach Ephesus geschickt. Den (dicken) Mantel, den ich in Troas beim Karpus zurückgelassen habe, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamentrollen.

Unter φελόνης ist hier ein Mantel zu verstehen; Andere meinen eine Kiste, in der Bücher liegen. Wozu braucht [S. 388] aber der Apostel Bücher, wenn er im Begriffe ist, zu Gott heimzugehen? Er hatte sie gar sehr nöthig, um sie den Gläubigen zu übergeben als Ersatz für sein mündliches Lehrwort. Alle Gläubigen jener Zeit mußten ja seinen Tod als einen schweren Schlag empfinden, am meisten aber jene, die in der letzten Stunde bei ihm waren und bis dahin seinen Umgang genossen hatten. Den Mantel aber wünscht er, damit er nicht von einem Andern einen solchen braucht. Man weiß ja, daß er in diesem Punkte sehr zartfühlend war, und wie er anderwärts in seiner Ansprache an die Ältesten von Ephesus sagt: „Ihr wißt, daß für meinen und meiner Gefährten Unterhalt diese Hände gesorgt haben;“ und ein anderes Mal: „Geben ist seliger als nehmen.“4

14. Alexander der Schmid, hat mir viel Böses zugefügt. Der Herr vergelte ihm nach seinen Werken!

Abermals erinnert er sich hier seiner Heimsuchungen, nicht um jenen Menschen zu brandmarken oder ihm Vorwürfe zu machen, sondern um den Jünger für seine Kämpfe zu stärken, damit er tapfer aushalte; und wenn auch die Leute, welche solche Heimsuchungen herbeiführen, von gemeiner Sorte, wenn sie nichtswürdig und ehrlos sind, so muß man, meint der Apostel, doch Alles geduldig hinnehmen. Denn wer von einem großen Manne Übles duldete kann darein keinen geringen Ehrgeiz setzen, daß sein Beleidiger so hoch gestellt ist. Größer aber ist der Schmerz, wenn der Beleidiger ein verworfenes Subjekt ist.

„Er hat mir viel Böses zugefügt,“ d. h. er hat mich in verschiedener Weise bedrängt. Aber, fährt der Apostel fort, Das wird ihm nicht ungestraft hingehen: [S. 389] „Der Herr wird ihm nach seinen Werken vergelten.“5 Wie er weiter oben schreibt: „Wie viele Verfolgungen hatte ich auszustehen, und aus allen hat mich der Herr errettet,“6 so spendet er auch hier dem Jünger einen doppelten Trost, den, daß er selber Schlimmes duldet, und den, daß sein Verfolger dafür bestraft wird. Die Sache ist indeß nicht so aufzufassen, als ob die Heiligen sich über diese Strafe geradezu freuen, sondern die Predigt sowie die schwächeren Christen bedürfen des Hinweises auf einen derartigen Trost.

15. Vor ihm hüte auch du dich; denn er widersetzt sich gar sehr unseren Worten,

d. h. bestreitet sie, opponirt ihnen. Der Apostel sagt nicht: „Strafe, züchtige, treibe ihn hinaus!“ obschon er auch Dieses mit der Gnade Gottes vermocht hätte; aber Nichts davon, er gibt dem Timotheus keine Waffen gegen den Mann in die Hand, sondern er will bloß, daß er ihm ausweiche und seine Bestrafung Gott überlasse. Also der Ausdruck: „Gott wird ihm vergelten“ soll nur ein Trost sein für die Schwächeren. Es kann als eine Prophezeiung oder als ein Fluch aufgefaßt werden. Daß übrigens der Apostel den Zweck verfolgte, seinen Jünger zu bestärken, erhellt auch aus dem Folgenden:

1: I. Tim. 3, 15.
2: V. 21.
3: II. Kor. 8, 18.
4: Apostelg. 20, 34 f.
5: Oben steht: „Er möge ihm vergelten“ (ἀποδῴη) hier: „Er wird ihm vergelten (ἀποδώσει). Beide Lesarten sind recipirt, doch letztere wahrscheinlich als Korrektur, um die scheinbare Härte der ersteren zu mildern. Bisping S. 281.
6: II. Tim. 3, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger