Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus

Neunte Homilie.

I.

16. Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Zurechtweisung, zum Unterrichte in der Gerechtigkeit.
17. Auf daß der Mensch Gottes vollkommen und zu jedem guten Werke tüchtig sei.

I. Nachdem der Apostel dem Timotheus viel Trost zugesprochen und ihn mit allen möglichen Gründen aufgemuntert hat, bringt er ihm den noch vollkommeneren Trost, der in der heiligen Schrift liegt. Mit Recht aber bringt er einen so kräftigen Zuspruch, weil er im Begriffe war, etwas recht Trauriges zu sagen. Denn wenn schon Elisäus bei seinem Meister geblieben ist bis zu dessen letztem Athemzuge, und wenn er angesichts seines seltsamen Endes die Kleider zerriß, was muß erst Timotheus, der so geliebte und so liebende Schüler, gelitten haben, wenn er hörte, daß der Meister bald heimgehen, und daß er, was das allerschmerzlichste zu sein pflegt, die Zeit vor seinem Tode nicht mehr bei ihm sein soll. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist ja weniger [S. 372] schön, wenn wir in den letzten Augenblicken nicht bei den theueren Todten sein konnten. Nachdem deßhalb der Apostel dem Schüler vielen Trost zugesprochen hat, kommt er schließlich auf sein nahes Ende zu reden. Nicht so geradezu, sondern er gebraucht Ausdrücke, die geeignet sind, ihn zu trösten und zu erfreuen, so daß er die Sache mehr für ein Gott dargebrachtes Opfer hält als für einen Tod, mehr für einen Heimgang, was es ja auch war, und für eine Versetzung in besseren Zustand. „Ich werde schon als Trankopfer ausgegossen,“ sagt er.

Darum schreibt er hier: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Zurechtweisung.“

Die „ganze“ Schrift? Welche „ganze“? Jene, von der ich gesprochen, die ganze heilige Schrift, von der er gesagt hatte, daß Timotheus sie „von Jugend auf kenne“. Diese ganze Schrift also ist „von Gott eingegeben“. Habe also kein Bedenken, will er sagen.

„Nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Zurechtweisung, auf daß der Mensch Gottes vollkommen und zu jedem guten Werke tüchtig sei.“ „Zur Belehrung.“ Was wir wissen, was wir nicht wissen sollen, hier erfahren wir es. Handelt es sich um Widerlegung der Lüge, hier lernen wir sie; da lernen wir Andere bessern und zurechtweisen: sie ist nützlich zum Trost, zum Zuspruch, zur Besserung, d. h. wenn noch Etwas fehlt, wenn noch Etwas dazu kommen soll.

„Auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei.“ Diesen Zweck hat der Zuspruch der heiligen Schrift, „daß der Mensch Gottes vollkommen sei“. Also ohne sie kann man nicht „vollkommen“ sein. Statt meiner, will der Apostel sagen, hast du die Schrift; wenn du Etwas lernen willst, hier kannst du es finden. Wenn er [S. 373] an Timotheus, diesen vom heiligen Geiste erfüllten Mann, schrieb, um wie viel mehr gilt Das uns!

„Zu jedem guten Werke tüchtig.“ Es heißt nicht einfach: „daran Theil nehmend,“ sondern: „vollkommen tüchtig“ (ἐξηρτισμένος) dazu.

Kap. IV.

1. Ich beschwöre dich also vor Gott und dem Herrn Jesus Christus, der richten wird die Lebendigen und die Todten.

Damit meint der Apostel entweder die Sünder und Gerechten oder auch die zu jener Zeit schon Verstorbenen und noch Lebenden, weil ja Viele den Tag des Gerichtes erleben werden. Schon im ersten Briefe hatte der Apostel dem Timotheus die erschreckenden Worte zugerufen: „Ich befehle dir vor Gott, der Alles lebendig macht.“1 Und hier heißt es noch in ernsterem Tone: „Vor Gott, der richten wird die Lebendigen und die Todten,“ d. h. der Rechenschaft verlangen wird.

„Bei seiner Erscheinung und seiner Herrschaft.“ Wann wird er richten? Wenn er erscheint in Herrlichkeit und als Herrscher. Der Apostel ruft Gott zum Zeugen an dafür, daß er den Timotheus daran erinnert hat.

Sodann sagt er ihm, wie er das göttliche Wort predigen soll.

[S. 374] 2. Predige das Wort, halte damit an zur gelegenen wie zur ungelegenen Zeit, widerlege, weise zurecht, rede zu in aller Langmuth und Lehrweisheit!

Was heißt „zur gelegenen wie zur ungelegenen Zeit“? Das will sagen, du sollst keine bestimmte Zeit haben, immer soll deine Zeit sein, nicht bloß im Frieden, in sicheren Tagen, wo du ruhig in der Kirche sitzest, sondern auch wenn du in Gefahren, im Gefängnisse dich befindest, auch wenn du in Fesseln liegst, wenn du im Begriffe bist, auf die Richtstätte zu gehen, auch da weise zurecht, auch da höre nicht auf mit der Zurechtweisung! Diese ist ja dann am Platze, wenn die Widerlegung bereits vorausgegangen, wenn die Sache ganz klar gemacht worden ist.

„Rede zu!“ Gerade wie bei den Ärzten: zuerst kommt die Wunde, dann der Schnitt, dann die Salbe. Wenn Eines davon unterbleibt, so ist das Andere unnütz. Weisest du nämlich zurecht ohne Widerlegung, dann erscheinst du gewaltthätig, und Niemand will Etwas wissen von dir. Nach vorausgegangener Aufklärung aber nimmt er auch eine Zurechtweisung an, vorher aber wird er widerspenstig sein. Wenn du aber wirklich erst widerlegst und dann zurechtweisest, und zwar scharf, dann aber nicht mit der gütigen Zurede kommst, so ist wieder Alles umsonst. Der Tadel für sich allein schmerzt zu sehr, wenn nicht die liebevolle Zurede damit verbunden wird. Gleichwie ein Schnitt in die Wunde, so heilsam er ist, nicht auszuhalten wäre, wenn nicht viele schmerzlindernde Mittel angewendet würden, während der Kranke die qualvolle Operation durchmacht, geradeso ist es auch in unserem Falle.

„In aller Langmuth und Lehrweisheit.“ Auch der Widerlegende braucht Geduld, damit er nicht einfach bloß den Glauben aufzwingt, und der Tadel bedarf der Zurede, damit er hingenommen wird. Was bedeutet aber der wie- [S. 375] tere Beisatz: „und mit Lehrweisheit“? Nicht leidenschaftlich, nicht bissig, nicht aggressiv, nicht wie gegen einen Feind; Das darf alles nicht sein, sondern wie muß man auftreten? Wie ein Freund, voll Theilnahme, mit größerem Leidwesen, als der Andere selbst empfindet, wie vergehend vor Schmerz über sein Unglück. „In aller Langmuth und Lehrweisheit,“ heißt es, nicht mit einem gewissen Maß davon.

3. Denn es wird eine Zeit kommen, wo sie die gesunde Lehre unerträglich finden werden.

Bevor sie zu Falle kommen, suche sie zu fassen. Deßhalb heißt es oben: „Zu gelegener und ungelegener Zeit.“ Thue alles Mögliche, um gehorsame Schüler an ihnen zu bekommen!

Sondern nach ihren Gelüsten werden sie sich Lehrer aufeinander stapeln.

1: I. Tim. 6, 13.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homilie.
. Neunte Homilie.
. . I.
. . II.
. . III.
. Zehnte Homilie.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger