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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus

Achte Homilie.

I.

1. Das aber sollst du wissen, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden.
2. Es werden nämlich die Menschen voll Eigenliebe sein, habsüchtig, übermüthig, stolz, gotteslästerisch, den Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos,
3. Treulos, lieblos, verläumderisch, unmäßig, hartherzig, allem Guten feind,
4. verrätherisch, frech, aufgeblasen, mehr die Wollust liebend als Gott.

I. Wenn Jemand sich über die Ketzer der Gegenwart ärgert, so soll er bedenken, daß es schon von Anfang an solche Uebelstände gegeben hat, indem der Teufel jederzeit der Wahrheit die Lüge unterzuschieben sucht. Gott hat von Anbeginn der Welt das Gute verheissen, und es kam auch [S. 354] der Teufel mit seinen Verheißungen. Gott pflanzte das Paradies, der Teufel spielte den Betrüger und sagte: „Ihr werdet sein wie die Götter.“1 Thaten vermochte er nicht aufzuweisen, deßhalb verspricht er um so mehr mit Worten; so machen es ja die Betrüger. Dann kam die Geschichte mit Kain und Abel, dann die mit Seth und den Töchtern der Menschen, dann die mit Cham und Japheth, Abraham und Pharao, Jakob und Esau und so fort bis zum Ende, Moses und die ägyptischen Zauberer, Propheten und Pseudopropheten, Apostel und Pseudoapostel, Christus und der Antichrist. Früher war es so und auch in der späteren Zeit. Da war Theudas und Simon im apostolischen Zeitalter, dann die obengenannten Anhänger des Hermogenes und Philetus. Es gibt also keine Zeit, wo nicht die Lüge sich der Wahrheit zur Seite gestellt hätte. Also wollen wir uns nicht ärgern, die Sache ist ja längst vorhergesagt. Deßhalb sagt Paulus: „Wisse, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden! Es werden nämlich die Menschen voll Eigenliebe sein, habsüchtig, übermüthig, stolz, gotteslästerisch, den Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos, lieblos.“ Also ist der Undankbare ruchlos? Gewiß. Wenn nämlich Jemand gegen seinen Wohlthäter nicht dankbar ist, wie wird er sich gegen Andere benehmen? Der Undankbare kennt keine Treue, keine Liebe.

„Verläumderisch,“ d. h. Übles nachredend. Da sie nämlich kein gutes Gewissen haben, so finden sie einen gewissen Trost darin, die Gesinnungen der Andern zu verdächtigen, und häufen Sünde auf Sünde.

„Unmäßig,“ mit der Zunge, mit dem Bauche, in allen andern Dingen.

[S. 355] „Hartherzig.“ Daher Grausamkeit und Rohheit, wenn Jemand geizig, voll Eigenliebe, wenn er undankbar und unenthaltsam ist.

„Allem Guten feind, verrätherisch, frech.“ Verräther an Freunden. „Frech,“ d. h. ohne solide Haltung.

„Aufgeblasen,“ d. h. voll Stolz.

„Mehr die Wollust liebend als Gott.“
5. Den Schein der Gottesfurcht an sich tragend, ihr Wesen aber verläugnend.

Auch im Briefe an die Römer drückt sich der Apostel in ähnlicher Weise aus: „Sie haben den Schein (μόρφωσιν) der Wahrheit und Weisheit in dem Gesetze.“2 Dort aber hat der Ausdruck „Schein“ einen lobenden Sinn. An dieser Stelle aber bezeichnet er diesen Fehler als den schwersten von allen Mängeln. Wie ist Das zu verstehen? Denn der Ausdruck „Schein“ hat hier nicht denselben Sinn. Denn wie das Wort „Bild“ oftmals den Sinn von „Ebenbild“ (ὁμοίωσις) hat, so bezieht es sich oft auch auf etwas Seelen- und Wesenloses. So z. B. sagt er im Briefe an die Korinther: „Der Mann darf das Haupt nicht bedeckt tragen, weil er Gottes Bild und Würde an sich trägt.“3 Der Prophet aber sagt: „Wie ein Schattenbild wandelt der Mensch vorüber.“4 Auch das Bild vom Löwen gebraucht die Schrift bald von der königlichen Würde, — „er lagert gleich einem Löwen und dem Jungen eines Löwen, wer mag ihn aufwecken?“5 — bald als Symbol der Raubsucht, — „gleich einem raubenden und brüllenden Löwen.“6

[S. 356] Auch wir machen es so. Denn da die Dinge zusammengesetzt und vielgestaltig sind, können sie naturgemäß auf viele Bilder und Gleichnisse bezogen werden. Wenn wir z. B. unsere Bewunderung für ein schönes Weib ausdrücken wollen, so sagen wir: „Sie ist bildschön.“7 Und bewundern wir ein Gemälde, so rufen wir aus: „Es ist zum Sprechen ähnlich“ (ὅτε λαλεῖ καὶ φθέγγεται). Aber der Vergleich ist nicht in beiden Fällen der nämliche; einmal wollen wir den Grad der Ähnlichkeit, das andere Mal den der Schönheit bezeichnen. So ist’s auch mit dem Worte „Schein“. Das eine Mal ist es „Typus“, „Bild“, „Lehre“ , „Musterbild der Frömmigkeit“; hier aber bezeichnet es etwas Seelenloses, Todtes, eine bloße Form, eine Hülle und Maske. Also eine bloße Form ohne Wesenheit ist der Glaube ohne die Werke.8 Ganz natürlich. Denn gleichwie ein schöner blühender Körper, dem keine Kraft innewohnt, sondern der den gemalten Leibern gleicht, so ist der rechte Glaube ohne Werke. Setzen wir den Fall, es ist Einer ein geiziger, verrätherischer, frecher Mensch, aber er besitzt den rechten Glauben. Was nützt ihm Das, wenn er nicht einen Lebenswandel aufzuweisen hat, wie er einem Christen ziemt? Wenn er Nichts thut von Dem, was ihn als gottesfürchtig charakterisirt, sondern wenn er es den Heiden an Gottlosigkeit zuvorthut? Wenn er seinen Mitbrüdern zum Verderben, wenn er eine lebendige Blasphemie auf Gott ist? Wenn er den Glauben diskreditirt durch seine Werke?

„Von Solchen wende dich ab.“ Wenn diese Leuten erst in späteren Tagen auftreten, wie kann der Apostel zu Timotheus sagen, er soll sich von ihnen abwenden? Wahr- [S. 357] scheinlich gab es auch schon in jenen Tagen solche Leute, wenn auch nicht in solcher Menge, so doch vereinzelt, oder richtiger, er fordert in der Person des Timotheus Alle auf, solche Leute zu meiden.

6. Denn zu Diesen gehören Jene, die in die Häuser schleichen und die Weiblein an sich fesseln, die beladen sind mit Sünden, betrieben von vielerlei Begierden und Lüsten;
7. immer lernend und nie im Stande, zur Erkenntniß der Wahrheit zu gelangen.

Siehst du, wie diese Leute den Kunstgriff des alten Betrügers anwenden, die Waffe, die der Teufel gegen Adam gebrauchte? „Sie schleichen sich in die Häuser ein,“ sagt der Apostel. Man beachte, welche Unverschämtheit, Gemeinheit, Falschheit und Zudringlichkeit in dem Ausdruck „sich einschleichen“ liegt!

„Und fesseln die Weiblein an sich.“ Ein solches ist der Mann, der sich leicht betrügen läßt; das ist gar kein Mann. Weiberart ist es, sich betrügen zu lassen, oder vielmehr nicht Art der Weiber, sondern der „Weiblein“ (γυναικαρίων). „Mit Sünden beladen.“ Der Ausdruck ist prägnant, er malt die Masse der Sünden, den ungeordneten, verwirrten Seelenzustand.

„Getrieben von vielerlei Begierden.“ Der Apostel klagt damit nicht die weibliche Natur an; denn nicht von Weibern im Allgemeinen spricht er, sondern von bestimmten Weibern. Was heißt vielerlei“? Damit deutet er die Vielheit der Leidenschaften an, die Üppigkeit, Wollust, Geilheit. Von „vielerlei Begierden“, d. h. von Be- [S. 358] gierde nach Geld, Ruhm, Wohlleben, von Hoffart und Ehrgeiz; vielleicht deutet er auch andere schändliche Begierden an.

„Immer lernend und nie im Stande, zur Erkenntniß der Wahrheit zu gelangen.“ Was will er damit? Das bedeutet keine Entschuldigung für die Frauen, sondern eine starke Anklage. Weil sie sich nämlich an jene Begierden und Sünden hingegeben haben, wurde ihr Erkenntnißvermögen verdunkelt.

8. Gleichwie Jannes und Mambres dem Moses widerstanden haben, so werden auch diese Menschen der Wahrheit widerstehen.

Wer sind denn diese Zauberer aus den Tagen des Moses? Warum werden denn ihre Namen anderwärts nirgends erwähnt? Entweder waren sie mündlich überliefert, oder man muß annehmen, daß Paulus sie durch den heiligen Geist wußte.

So werden auch diese Menschen der Wahrheit widerstehen, Menschen von verdorbenem Sinne und nicht bewährt im Glauben.
9. Aber sie werden es nicht weit bringen; denn ihre Thorheit wird Allen offenbar werden, wie es auch bei Jenen der Fall war.
„Sie werden es nicht weit bringen,“ sagt der Apostel. Warum sagt er aber nun an einer andern Stelle: „Sie werden es immer weiter bringen in der Gottlosigkeit“?9 Hier aber heißt es: „Sie werden es nicht weit bringen“? An jener meint er, daß, wenn sie ein- [S. 359] mal anfangen mit Neuerungen und Irrlehren, sie damit nicht mehr innehalten, sondern stets neuen Trug und falsche Lehrsätze ausfindig machen werden. Denn der Irrthum hält nirgends still. Hier aber will der Apostel sagen, daß sie Niemand dauernd betrügen und verführen werden, wenn es auch anfangs den Schein hat, als ob sie Einige auf die Seite bringen würden; sie werden bald entlarvt sein. Daß es so gemeint ist, beweist das Folgende. „Ihre Thorheit wird Allen offenbar werden.“ Wie denn? Auf alle mögliche Weise. „Wie es auch bei Jenen der Fall war.“ Wenn auch anfangs die Irrlehre blüht, lange hält Das nicht an; sie ist nicht innerlich schön, sie sieht nur schön aus. Eine Zeit lang steht sie in Blüthe, dann wird sie erkannt, und aus ist’s damit. Aber anders steht es mit unserem Glauben. Und dafür bist du selber Zeuge (sagt Paulus zu Timotheus). Unser Glaube ruht nicht auf Betrug. Wer möchte sich entschließen, für einen Betrug sein Leben zu opfern?

10. Du aber bist mir nachgefolgt in der Lehre.

Also sei stark! Du hast dich nicht bloß genähert, nein, du bist mir nachgefolgt. Die Worte: „Du bist mir in der Lehre nachgefolgt“ beweisen, daß schon viele Zeit darüber hingegangen ist. Das also wäre die Nachfolge im Lehrwort.

„Im Wandel.“ Das bezieht sich auf das Leben.

„Im Streben.“ Der bereitwillige Sinn ist gemeint, womit er sich zur Verfügung stellt. Ich habe nicht bloß gesprochen und dann nicht gehandelt; meine Weisheit bestand nicht in bloßen Worten.

„Im Glauben, in der Langmuth.“ Warum hat mich all Das nicht irre gemacht? will er sagen.

[S. 360] „In der Liebe.“ Diese ist jenen Menschen unbekannt.

„In der Geduld.“ Auch davon wissen sie Nichts.

„In der Langmuth,“ — gegen die Irrlehrer habe ich viel Langmuth bewiesen, — „in der Geduld“ — bei Verfolgungen.

11. In Verfolgungen, in Leiden.

Diese zwei Punkte beunruhigen ja den Lehrer, die vielen Häretiker und die Furcht, der Schüler möchte in Leiden nicht ausharren. Aber was die Häretiker betrifft, so wurde schon viel darüber gesprochen, daß sie ehedem da waren und in Zukunft da sein werden, daß kein Zeitalter von ihnen rein ist, daß sie uns nicht schaden können, und daß es in der Welt goldene und silberne Geräthe gibt.

Merkst du, wie der Apostel im Folgenden von seinen Bedrängnissen spricht?

„Dergleichen mir zu Antiochien, Ikonium und Lystra widerfahren sind.“ Warum nennt er nur diese Orte von den vielen? Weil die übrigen dem Timotheus ohnehin bekannt waren, oder vielleicht nennt er diese Verfolgungen deßhalb, weil sie nicht der älteren Zeit angehörten, sondern neuesten Datums waren. Auch will er nicht Alles einzeln aufführen; denn er ist nicht eitel und rühmsüchtig. Er will dem Jünger Trost zusprechen und nicht prahlen. Unter Antiochien meint er übrigens das in Pisidien, und Lystra war die Heimath des Timotheus.

„Welche Verfolgungen ich ausgestanden habe.“ Ein doppelter Trost liegt darin: erstens habe ich geduldig ausgeharrt, und zweitens bin ich nicht verlassen worden, und man kann nicht sagen, daß Gott mich preis- [S. 361] gegeben hat, sondern er hat mir eine herrliche Krone bereitet. „Welche Verfolgungen ich ausgestanden habe, und der Herr hat mich aus allen befreit.“

1: Genes. 3, 5.
2: Röm. 2, 20.
3: I. Kor. 11, 7.
4: Ps. 38, 7.
5: Genes. 49, 9.
6: Ps. 21, 14.
7: Wörtlich: „so vergleichen wir sie mit den Bildern“ (ταῖς γαφαῖς εἰκάζομεν).
8: Der Satz ist bedeutsam: Ἄρα σχῆμα μόνον χωρὶς δυνάμεως πίστις χωρὶς ἔργον.
9: II. Tim. 2, 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger