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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus
Achte Homilie.

IV.

Wer nämlich die Schrift kennt, wie man sie kennen soll, der stößt sich an keinem Vorkommniß, Alles trägt er männlich, theils baut er auf den Glauben und den unerforschlichen Rathschluß der göttlichen Vorsehung, für Anderes findet er Gründe und Beispiele in der heiligen Schrift. Es ist ja auch schon ein großes Zeugniß der Weisheit, wenn man nicht über Alles grübelt und nicht Alles wissen will. Ich will, wenn es euch recht ist,1 einen Vergleich anführen. Man denke sich einen Fluß, oder vielmehr man denke sich mehrere Flüsse, — ich spreche nicht theoretisch, sondern wie die Flüsse in Wirklichkeit sind. Sie sind nicht [S. 365] alle gleich tief, sondern die einen haben einen seichteren Grund, die andern einen tiefen, wo der Unkundige ertrinken kann; an der einen Stelle sind Wirbel, an der anderen nicht. Nicht alle Stellen gleichmäßig zu Probiren ist rathsam, nicht alle tiefen Stellen kennen wollen ist kein kleines Zeugniß der Weisheit. Denn wer sich in jede Stelle des Flusses hineinwagt, der kennt die Eigenthümlichkeiten der Flüsse am allerwenigsten, und Solche würden oftmals ertrinken, indem sie mit derselben Dreistigkeit wie die seichten auch die tiefen Stellen durchwaten wollten. So ist es auch bei Gott. Wer Alles wissen will, an Alles sich heranwagt, der hat einen schlechten Begriff von Gott. Ja, bei den Flüssen sind die meisten Stellen sicher, es gibt wenige Wirbel und Tiefen; bei Gott aber ist das Meiste geheimnißvoll, und man kann seine Werke nicht ausspüren. Warum willst du nun absichtlich darin ertrinken? Das allein sollst du wissen, daß Gott Alles anordnet, daß er Alles vorhersieht, daß wir aber dabei einen freien Willen haben, Gott das Eine wirkt, das Andere zuläßt, daß nicht Alles von seinem, sondern auch von unserem Willen abhängt, daß alles Schlechte bloß unserer, alles Gute aber unserer Thätigkeit in Verbindung mit der göttlichen zuzuschreiben ist, daß ihm Nichts verborgen bleibt. Deßhalb wirkt er Alles. Dieß vorausgesetzt, zähle die guten, die bösen, die indifferenten Dinge! Etwas Gutes z. B. ist die Tugend, etwas Böses ihr Gegentheil, etwas Indifferentes Reichthum, Armuth, Leben, Tod. Wenn du darüber im Klaren bist, dann ist dir zugleich auch klar, daß die Gerechten deßhalb Bedrängniß leiden, damit sie belohnt, die Sünder, damit sie für ihre Sünden bestraft werden. Aber nicht alle Sünder werden schon auf dieser Welt bestraft, damit nicht die Menschheit den Glauben an die Auferstehung verliere, sowie auch nicht alle Gerechten Bedrängniß leiden, damit du nicht meinst, es sei die Schlechtigkeit etwas Preiswürdiges, nicht die Tugend. Das sind feste Regeln und Grenzlinien. Nach ihnen richte dich in deinem Wollen, und du wirst nie in Verlegenheit gerathen. Denn gleichwie bei den Elemen- [S. 366] tarlehrern die Zahl sechstausend eine Rolle spielt, und wie unter sie Alles gebracht wird, wie jede Division und Multiplikation mit dieser Grundzahl sechstausend ermöglicht wird, wie sich um diese Zahl Alles dreht, was Alle wissen, die rechnen gelernt haben: so wird Einer, der diese Grundregeln kennt, die ich nochmal kurz wiederholen will, niemals ein Ärgerniß nehmen. Welche sind es? (Erstens:) gut ist die Tugend, schlecht ihr Gegentheil, indifferent ist Krankheit, Armuth, Nachstellung, verleumderische Anklage und dergleichen. (Zweitens:) die Gerechten sind hienieden in Bedrängniß, wenn es aber Einigen gut geht, so geschieht Dieß, damit nicht die Tugend verhaßt wird. (Drittens:) die Bösen leben in Freuden, damit sie im Jenseits gestraft werden; wenn aber Einige schon jetzt gestraft werden, so geschieht es, damit nicht die Schlechtigkeit als etwas Gutes erscheine, indem die schlechten Handlungen unbestraft bleiben. (Viertens:) nicht alle Bösen werden hiemeden bestraft, damit nicht der Glaube an den Auferstehungstag verlorengehe. (Fünftens:) es gibt auch unter den Guten Einige, welche Sünden auf sich haben, und von diesen werden sie auf Erden (durch Leiden) gereinigt, und andererseits haben böse Menschen gute Werke aufzuweisen, und dafür empfangen sie hienieden schon den Lohn, um dann im Jenseits gestraft zu werden. (Sechstens:) die meisten Thaten Gottes sind unbegreiflich. (Siebentens:) es besteht ein unaussprechlich großer Abstand zwischen uns und ihm.

Wenn wir diese Punkte immer im Auge haben, dann wird uns Nichts in Verwirrung zu bringen vermögen. Wenn wir fortwährend auf die hl. Schrift hören, dann werden wir eine Masse Beispiele solcher Art finden. „Sie kann dich weise machen,“ sagt der Apostel, „zur Seligkeit.“ Die hl. Schrift zeigt ja, was wir zu thun und zu lassen haben. Vernimm, was derselbe hl. Paulus anderswo sagt: „Du traust dir zu, ein Führer der Blinden zu sein, ein Licht Derer, die in Finsterniß wandeln, ein [S. 367] Rathgeber der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen.“2 Siehst du, daß das Gesetz ein Licht in der Finsterniß ist? Wenn aber schon Jemand, der auf den Buchstaben, den „tödtenden“ Buchstaben hinweist, das Licht zeigt, was ist’s dann erst mit dem „Geiste, der lebendig macht“? Wenn schon das alte Testament ein Licht ist, was ist dann erst das neue, worin so viel geoffenbart worden? Der Unterschied ist ja so groß, als würde man Einem, der Nichts weiter kennt als die Erde, den Himmel öffnen und ihn Alles schauen lassen, ihm die Hölle zeigen, das Himmelreich und das letzte Gericht.

Wollen wir keinen abergläubischen Dingen Glauben schenken, alles Das ist Gaukelei. Wie ist es nun, frägst du, wenn, wie man sagt, solche Prophezeiungen wirklich in Erfüllung gehen? Das ist nur der Fall, weil du daran glaubst, wenn sie anders wirklich in Erfüllung gehen. Der Wahrsager hat dich in seiner Gewalt, er ist Herr über dein Leben, er verfügt über dich nach Belieben. Sage mir, wenn ein Räuber einen königlichen Prinzen, der zu ihm geflohen, und der die Einsamkeit und den Umgang mit ihm lieb gewonnen, ganz in seiner Hand und Gewalt hätte, wird er dann zu ihm sagen können, ob er sterben oder am Leben bleiben wird? Ganz gewiß! Warum denn? Nicht weil er die Zukunft voraussieht, sondern weil Beides in seiner Hand liegt, das Leben und die Tödtung des Prinzen, indem dieser ihn zum Herrn gemacht. Will er ihn tödten, so kann er es, will er ihn am Leben lassen, so kann er es gleichfalls; denn er ist in seiner Hand. Sagt er zu ihm: „Du wirst reich,“ oder „du wirst arm sein,“ so hat er auch Das in seiner Gewalt. Die Menschen haben sich zum größten Theil (auf solche Art) in die Gewalt des Teufels begeben.

1: Εἰ βούλεσθε, eine häufig angewendete Höflichkeitsformel des Redners.
2: Röm. 2, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger