Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus
Achte Homilie.

III.

12. Und Alle, welche fromm leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung leiden.

Warum rede ich aber bloß von mir? will der Apostel sagen; Jeder, der fromm leben will, wird Verfolgung leiden. Unter „Verfolgung“ versteht er Bedrängnisse und Leiden überhaupt. Es ist ja nicht möglich, daß ein Mann, der den Pfad der Tugend wandelt, verschont bleibt von Trübsal, Bedrängniß, Leid und Versuchung. Wie wäre Das möglich, da er den engen und schmalen Weg wandelt? Da er gehört hat: „In dieser Welt werdet ihr Bedrängniß zu erleiden haben“?1 Wenn schon in alter Zeit Job den Ausspruch thun konnte: „Eine Schule der Prüfung ist das Leben des Menschen auf Erden,“2 um wie viel mehr galt Das von der Zeit des Apostels!

13. Böse Menschen und Betrüger werden es in der Bosheit immer weiter bringen,sie betrügen und werden betrogen.

Laß dich nicht irre machen, wenn Jene ein ruhiges Leben führen, während du in Bedrängniß bist! Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Aus meinem Leben kannst du lernen, daß ein Mann, der gegen die Bösen kämpft, nicht ohne Bedrängniß bleiben kann. Ein Faustkämpfer darf nicht üppig leben, ein Ringer darf nicht reichlich essen. Also kein Kämpfer suche Ruhe, keiner Behagen! Auf Erden ist Kampf, Krieg, Bedrängniß, Beängstigung, Prüfung, [S. 362] eine Rennbahn für den Wettlauf. Für die Erholung gibt es andere Zeiten; jetzt ist die Zeit des Schweißes, der Mühsale. Keiner, der sich zum Kampfe ausgezogen und gesalbt hat, will ausruhen. Wenn du Das willst, warum hast du dich denn ausgezogen? Warum hast du deine Fäuste geschwungen? Schwinge ich sie denn jetzt nicht mehr? frägst du. Wenn du über deine Begierden nicht Herr wirst, wenn du deine Natur nicht bezwingst, dann nicht.

14. Du aber bleibe bei Dem, was du gelernt, und wovon du überzeugt worden, da du weißt, von wem du es gelernt hast.
15. Und weil du von Jugend auf die heiligen Schriften kennst, welche dich weise machen können zur Seligkeit durch den Glauben, der da ist in Christus Jesus.

Was will Das sagen? Gleichwie der Prophet David die Ermahnung gegeben: „Ereifere dich nicht über die Gottlosen!“3 so thut auch Paulus hier, indem er sagt: „Du aber bleibe bei Dem, was du gelernt, und was dir anvertraut worden.“ Nicht bloß „gelernt“ hast du es, sondern bist auch davon „überzeugt worden“, d. h. hast es geglaubt. Was habe ich geglaubt? (könnte Timotheus fragen.) Daß Dieß das ewige Leben ist. Wenn du also hier das Gegentheil siehst von Dem, was du geglaubt hast, so beunruhige dich nicht! Mußte ja auch Abraham das Gegentheil sehen und ließ sich doch nicht irre machen. Er hatte gehört: „Nach Isaak wird dein Same genannt werden,“4 und er ließ sich nicht weiter beunruhigen oder verwirren. Niemand nehme Ärgerniß an den Bösen, Das sagt die Schrift schon auf ihren ersten Blättern. Wie [S. 363] wäre es nun, wenn es den Guten wohl und den Bösen schlecht erginge? Das Eine geschieht ohnedieß, das Andere freilich nicht immer. Die Bösen werden schon ihre Strafe finden, daß es aber den Guten immer wohl ergeht, ist nicht möglich. Keiner durfte sich mit Paulus messen, und doch brachte er sein ganzes Leben in Bedrängniß zu, in Thränen und Seufzern Tag und Nacht. „Mit Thränen,“ sagt er, „habe ich Tag und Nacht drei Jahre lang nicht aufgehört, euch zu ermahnen.“5 Und anderswo spricht er von „Angriffen gegen ihn Tag für Tag“.6 Es war nicht etwa so, daß er heute Freude gehabt hätte und morgen Leid, sondern Tag für Tag ließ seine Trübsal nicht aus.

In welchem Sinne heißt es aber dann: „Die Bösen werden es in ihrer Bosheit immer weiter bringen“? Es heißt nicht, sie haben Ruhe, sondern sie machen Fortschritte in der Bosheit. Das ist ein Fortschritt zum Unheil für sie. Es heißt nicht, daß sie in Ruhe gelassen werden. Und auch wenn sie (auf Erden) gestraft werden, so geschieht es deshalb, damit man nicht glaube, die Sünden blieben ungestraft. Da nämlich die Hölle uns nicht von der Sünde abzuhalten vermag, so erbarmt sich Gott unser, weckt und rüttelt uns auf. Wenn gar kein Böser gestraft würde, so würde Niemand glauben, daß Gott sich um das Treiben der Menschen kümmert; würden alle gestraft, so würde Niemand eine künftige Auferstehung erwarten, da Lohn und Strafe schon hier auf Erden ausgetheilt werden. Deßhalb erfolgt manchmal eine irdische Strafe, manchmal nicht. Darum sind die Gerechten hienieden in Bedrängniß, weil sie Passanten und Fremdlinge sind, weil sie in einem fremden Lande leben. Die Gerechten haben Das auszustehen als Prüfung. Höre, was Gott zu Job spricht: „Meinst du, ich wäre aus einem andern Grunde so mit dir verfah- [S. 364] ren, als damit deine Gerechtigkeit offenbar werde?“7 Wenn aber die Sünder einmal so Etwas zu leiden haben, so gilt Das als Strafe für ihre Sünden. In beiden Fällen haben wir Gott dankbar zu preisen, so oder so. Beides ist ja zum Heile. Gott thut Nichts aus Haß oder Abneigung gegen uns, sondern aus besorgter Liebe.

Weil du von Jugend auf die heiligen Schriften kennst.

Darin bist du aufgewachsen; darum muß auf Grund derselben dein Glaube fest sein und darf keinen Schaden leiden. Tief liegt ja die Wurzel, und lange Zeit hatte sie zum Wachsthum, und deßhalb ist Nichts im Stande, sie auszureissen.

Zu den Worten: „die heiligen Schriften“ fügt der Apostel hinzu: „welche dich weise machen können,“ d. h. sie gestatten dir keine Unvernünftigkeit, wie die große Masse sie begeht.

1: Joh. 16, 33.
2: Job 7, 1.
3: Ps. 36, 1.
4: Gen. 21, 12.
5: Apostelg. 20, 31.
6: II. Kor. 11, 28.
7: Job 40, 3.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homilie.
. . I.
. . III.
. . IV.
. . V.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger