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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus

Siebente Homilie.

I.

Kap. III.

1. Das aber sollst du wissen, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden.
2. Es werden nämlich die Menschen voll Eigenliebe sein, habsüchtig, übermüthig, stolz, gotteslästerisch, den Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos,
3. treulos, lieblos, verleumderisch, unmäßig, hartherzig, allem Guten feind,
4. verrätherisch, frech, aufgeblasen, mehr die Wollust liebend als Gott,
5. den Schein der Gottesfurcht an sich tragend, ihr Wesen aber verläugnend. Auch von Diesen wende dich ab!
[S. 340] 6. Denn zu Diesen gehören Jene, die in die Häuser schleichen und die Weiblein an sich fesseln, die beladen sind mit Sünden, getrieben von vielerlei Begierden und Lüsten,
7. Immer lernend und nie im Stande, zur Erkenntniß der Wahrheit zu gelangen.

I. In dem ersten Briefe hatte der Apostel gesagt, daß der Geist ausdrücklich es ausspricht, daß in den letzten Zeiten Einige vom Glauben abfallen werden.1 Und wieder an einer andern Stelle in demselben Briefe prophezeit er, daß etwas Derartiges kommen werde. Und hier thut er abermals Dasselbe, indem er spricht: „Das aber sollst du wissen, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen werden.“ Und nicht nur für die zukünftigen, sondern auch für die vergangenen Zeiten weist er Das nach mit den Worten:

8. Gleichwie Jannes und Mambres dem Moses widerstanden haben.

Das Nämliche spricht er im allgemeinen Sinne aus. „In einem großen Hause sind nicht bloß goldene und silberne Gefäße.“ Warum thut er Das? Damit Timotheus nicht beunruhigt werde und auch Niemand von uns, wenn es böse Menschen gibt. Denn, will er sagen, wenn es in den Zeiten des Moses Solche gegeben hat und später Solche geben wird, dann ist es kein Wunder, wenn es auch in unseren Tagen welche gibt. „In den letzten Tagen werden schwere Zeiten kommen.“ Nicht die „Tage“ will er damit tadeln und nicht die „Zeiten“, sondern die Menschen, die zu der Zeit leben. Auch wir sprechen ja [S. 341] von schlechten und guten Zeiten und meinen damit das Treiben der Menschen während derselben.

Und in erster Linie gibt der Apostel die Hauptursache aller Übel an, die Wurzel und Quelle, aus der die andern sämmtlich entspringen, nämlich die Geringschätzung des Nächsten (ὑπεροψία). Wer von dieser Leidenschaft ergriffen ist, der schaut auch auf sein eigenes Interesse nicht. Wenn Einer über die Angelegenheiten seines Nächsten hinwegschaut, wenn diese ihm gleichgiltig sind, wie soll er dann auf seine eigenen schauen? Denn gleichwie Jemand, der für das Wohl des Nebenmenschen ein Auge hat, auch seine eigenen Sachen gut bestellt, so wird Der, welcher die ersteren vernachlässigt, auch über seine eigenen hinwegsehen. Wenn wir nämlich Glieder von einander sind, so geht das Wohl des Nebenmenschen nicht bloß diesen selbst an, sondern auch den übrigen Körper, und ein Schaden, der den Nächsten trifft, bleibt nicht bei ihm stehen, sondern das Weh erstreckt sich auch auf alle anderen Glieder. Wenn wir zusammen ein Haus bilden, dann leidet das Ganze bei Beschädigung eines Theiles; wenn aber der Theil fest ist, dann hält auch das Übrige fest zusammen. Ganz so verhält es sich also in der Kirche: kümmerst du dich nicht um deinen Bruder, so schädigst du dich selber. Wieso? Ein Glied deines Körpers hat Schaden gelitten und keinen geringen. Denn wenn schon Derjenige, der von seinem Vermögen Anderen Nichts mittheilt, in die Hölle kommt, so wird Einer, der den Mitbruder in noch schlimmerer Noth sieht und ihm die Hand nicht reicht, um so viel Schlimmeres erfahren als der Erstere, je größer der erlittene Schaden ist.

Es werden die Menschen voll Eigenliebe sein.
„Voll Eigenliebe“ ist eigentlich der Mensch, der sich selber nicht liebt. Wer aber seinen Bruder liebt, der liebt eigentlich noch viel mehr sich selber.

[S. 342] Von der Eigenliebe stammt dann die Habsucht. Nämlich die Pest der Eigenliebe engt den breiten, nach allen Seiten sich ergießenden Strom der christlichen Liebe ein auf ein geringes Maß: daher „habsüchtig“.

Von der Habsucht stammt der „Übermuth“, vom Übermuth der „Stolz“, vom Stolze die „Gotteslästerung“, davon die „Undankbarkeit“ und der „Ungehorsam“. Wer sich gegen die Menschen überhebt, der thut es leicht auch gegen Gott. Und so kommt es zur Sünde; oft steigt nämlich die Überhebung von unten nach oben. Wer gegen die Menschen bescheiden ist, der ist es noch viel mehr gegen Gott. Wer seinen Mitknechten gegenüber zuvorkommend ist, der ist es noch viel mehr seinem Herrn gegenüber. Wer aber seine Mitknechte verachtet, der ist auf dem Wege, auch Gott selber zu verachten. Verachten wir also einander nicht! Denn Das wäre eine schlechte Schule; da würden wir Gott verachten lernen. Ja schon damit verachten wir Gott, wenn wir uns gegenseitig verachten; denn Gott will, daß wir uns eifrig um einander annehmen. Übrigens will ich, wenn es euch recht ist, Das aus einem Beispiele klar machen. Kain hat seinen Bruder verachtet und alsbald auch Gott. Wie so verachtete er denn Gott? Höre, wie übermüthig er Gott antwortete: „Bin ich denn der Wächter meines Bruders?“2 Hinwiederum hat Esau seinen Bruder und zugleich Gott verachtet. Deßhalb sprach Gott: „Den Jakob habe ich geliebt, den Esau gehaßt.“3 Deßhalb spricht auch Paulus: „Keiner sei ein Hurer oder Gottloser wie Esau!“4 Den Joseph haben seine Brüder verachtet, sie verachteten auch Gott. Die Israeliten haben den Moses und darum auch Gott verachtet. Auch die Söhne des Eli verachteten Volk und Gott zugleich. Willst du auch Beispiele vom Gegentheil? Abraham war nachgiebig gegen seinen Vetter und war zugleich gehorsam gegen Gott. Das [S. 343] erhellt aus seinem Gehorsam bezüglich des Isaak und aus seinen anderen Tugenden. Auch Abel, so gefällig gegen seinen Bruder, war Gott gegenüber bescheiden. Also verachten wir einander nicht, damit wir nicht Gott verachten lernen! Ehren wir einander, damit wir Gott verehren lernen. Übermuth gegen Menschen wird auch zum Übermuth gegen Gott. Wenn nun aber auch Habsucht, Eigenliebe und Undank dazu kommt, was braucht es noch weiter zum vollendeten Verderben? Alles ist korrumpirt: eine schmutzige Fluth von Sünden schlägt über den Menschen zusammen.

„Undankbar.“ Wie könnte ein Geiziger dankbar sein? Wem wird er Dank wissen? Niemandem. Alle Leute hält er für seine Feinde; er will ja Alles haben. Und wenn du ihm dein ganzes Vermögen opferst, er wird es dir nicht danken, er ist dir böse, daß du ihm nicht mehr gegeben, als du hast, und ihn nicht zum reichen Manne gemacht hast. Und wenn du ihn zum Herrn der Welt machst, er weiß dir keinen Dank; denn er glaubt, Nichts bekommen zu haben. Seine Begierde ist unersättlich, weil krankhaft. Das sind Begierden von Kranken.

1: I. Tim. 4, 1.
2: Genes. 4, 9.
3: Röm. 9, 13.
4: Hebr. 12, 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger