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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus

Fünfte Homilie.

I.

11. Das ist ein wahres Wort, nämlich wenn wir mit ihm gestorben sind, so werden wir auch mit ihm leben.
12. Wenn wir ausharren, werden wir auch mit ihm herrschen.
13. Wenn wir ihn verläugnen, so wird er auch uns verläugnen.
14. Wenn wir ungläubig sind, er bleibt wahrhaft; denn er kann sich selbst nicht verläugnen.
15. Daran erinnere, indem du sie vor dem Herrn beschwörst, Wortgezänke zu meiden, das zu Nichts nütze und zum Verderben Derer ist, die zuhören.

I. Viele von den schwächeren Menschen hegen keinen energischen Glauben und können den Aufschub, den ihre [S. 310] Hoffnung erleidet, nicht ertragen. Das Gegenwärtige ist Ziel ihres Strebens und darnach beurtheilen sie das Zukünftige. Da nun das irdische Dasein bloß den Tod, bloß Foltern, bloß Fesseln bot, der Apostel aber sagte, sie würden zum ewigen Leben gelangen, so fand er bei Manchen keinen Glauben, sondern man fragte wohl: „Was redest du daher? Jetzt, wo ich lebe, steht mir der Tod bevor, und wenn ich gestorben bin, soll ich erst leben? Auf der Welt da versprichst du mir Nichts, und im Himmel willst du’s mir erst geben? Das Kleine gibst du nicht, und das Große bietest du mir an?“ Damit nun Niemand auf solche Ansichten gerathe, so liefert er jetzt für seine Behauptung einen unwiderleglichen Beweis. Schon im Vorausgehenden hat er denselben vorbereitet und eine beweisende Thatsache angeführt. Denn die Stelle: „Denke daran, daß Jesus von den Todten auferstanden ist,“ will sagen, daß er erst gestorben und dann auferstanden ist. Jetzt will er dasselbe darlegen, wenn er sagt: „Das ist ein wahres Wort,“ daß nämlich Derjenige, der himmlischen Lebens (in der Taufe) theilhaft geworden, auch das ewige Leben erlangt. Wie so ein „wahres“ Wort? „Wenn wir mit ihm gestorben sind, dann werden wir auch mit ihm leben.“ Denn sage mir, Mühsal und Arbeit sollen wir mit ihm theilen, die Seligkeit aber nicht? So würde nicht einmal ein Mensch handeln, daß er einem Andern, der entschlossen ist, Leid und Tod mit ihm zu theilen, falls das Blatt sich wendet, die Gemeinschaft im Glücke versagen würde.

In welchem Sinne sind wir aber mit Christus gestorben? Der Apostel meint den Tod durch das Taufbad, den Tod durch das Leiden. Er schreibt ja: „Wir tragen das Sterben des Herrn an unserem Leibe herum.“1 Dann: „Wir sind mit ihm durch die Taufe begraben.“2 Ferner: [S. 311] „Unser alter Mensch ist mit ihm gekreuzigt.“3 Weiter: „Wir sind mit ihm zusammengepflanzt zur Ähnlichkeit seines Todes.“4 Hier aber spricht er auch von dem Tode durch Heimsuchungen und zwar speziell von diesem. Er war ja bös heimgesucht, als er diesen Brief schrieb. Was er sagen will, ist folgendes: Wenn wir um seinetwillen gestorben sind, werden wir nicht um seinetwillen leben? Das ist über allen Zweifel erhaben.

„Wenn wir ausharren, werden wir auch mit ihm herrschen.“ Der Apostel fährt nicht einfach fort: „Und wir werden mit ihm herrschen,“ sondern: „Wenn wir ausharren,“ werden wir es. Damit will er zeigen, daß es nicht genügt, einmal zu sterben. Dieser heilige Mann ist ja jeden Tag gestorben. Es ist also viele Geduld nöthig, und besonders Timotheus hat sie nöthig. Sprich mir nicht von den Anfängen, will er sagen, sondern zeige, ob die Sache Bestand hatte.

Im Folgenden sodann verweist der Mahnende auf die Kehrseite, nicht auf die Belohnung, sondern auf die Strafe. Wenn nämlich auch die schlechten Menschen einst an der nämlichen Seligkeit Theil nehmen sollten, so läge in der Berufung auf dieselbe nichts Tröstliches mehr. Und wenn zwar die Ausharrenden einst mitherrschen würden, und den nicht Ausharrenden diese Mitherrschaft versagt bliebe, so wäre Das freilich etwas Schlimmes für die Letzteren, aber die große Mehrzahl würde es für kein so besonderes Unglück halten. Darum droht der Apostel noch Schlimmeres:

„Wenn wir ihn verläugnen, so wird auch er uns verläugnen.“ Also nicht bloß im Guten, sondern [S. 312] auch im Schlimmen gilt der Grundsatz der Wiedervergeltung. Aber man erwäge, was darin für ein Unglück liegt, wenn Einer von Christus im Himmelreich verläugnet wird. „Wer mich verläugnet,“ sagt er, „den werde auch ich verläugnen.“5 Das ist kein bloßes Äquivalent, wenn es auch in den Worten zu liegen scheint. Auf der einen Seite stehen als Verläugnende die Menschen, auf der andern Seite Gott. Brauche ich aber den Abstand zwischen Gott und den Menschen erst auszusprechen?

1: II. Kor. 4, 10.
2: Röm. 6, 4.
3: Röm. 6, 6.
4: Ebend. 6, 5.
5: Matth. 10, 33.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger