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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus

Dritte Homilie.

I.

13. Halte fest an dem Vorbild der gesunden Lehren, welche du von mir gehört hast im Glauben und in der Liebe in Christo Jesu.
14. Bewahre die gute Hinterlage durch den hl. Geist, welcher in uns wohnt!
15. Du weißt es, daß die in Asien sich sämmtlich von mir abgewendet haben, darunter Philetus und Hermogenes.
16. Der Herr erweise dem Hause des Onesiphorus Barmherzigkeit dafür, daß er mich erquickt und meiner Bande sich nicht geschämt,
17. Sondern bei seiner Ankunft in Rom mich eifriger aufgesucht und gefunden hat.
18. Der Herr lasse ihn Barmherzigkeit finden an jenem Tage! Und was er mir in Ephe- [S. 282] sus für große Dienste geleistet, das weißt du besser.

I. Nicht bloß schriftlich gab der Apostel seinem Jünger Anweisungen, sondern er hatte das bereits auch mündlich gethan. Und das zeigt sich vielfach auch anderen Addressaten gegenüber, z. B. wenn er sagt: „Sei es durch ein Wort, sei es durch einen Brief, der von mir sein soll.“1 Noch deutlicher hier. Glauben wir also nicht, daß seine Lehre nur aus Bruchstücken bestand! Denn Vieles hat er dem Timotheus auch auf mündlichem Wege mitgetheilt, woran er ihn hier erinnert mit den Worten: „Halte fest an dem Vorbild der gesunden Lehren, die du von mir gehört hast!“ Was meint er damit? Wie ein Maler, will er sagen, habe ich dir ein Bild der Tugend und des ganzen gottgefälligen Lebens gezeichnet und habe es als Modell, als Grund-Typus und Umriß in deine Seele gesenkt. Das nun halte fest! Und wenn du über Glauben, christliche Liebe und Weisheit einen Rath brauchst, da hole dir das Muster! Du brauchst nicht bei andern ein Musterbild zu suchen, du hast Alles in Dir!

„Bewahre die gute Hinterlage!“ Auf welche Weise? „Durch den hl. Geist, der in uns wohnt.“ Denn die menschliche Seele mit ihren Kräften reicht nicht aus, um einen so großen anvertrauten Schatz zu behüten. Warum? Weil es viele Räuber gibt und weil es tiefe Nacht ist. Der Teufel steht immer da und lauert. Wir wissen nicht, zu welcher Stunde, in welchem Augenblick er auf uns losspringt. Wie werden wir also Kraft genug gewinnen zur Hut (des Schatzes)? Durch den hl. Geist, d. h. wenn der hl. Geist bei uns ist. Wenn wir die Gnade nicht aus uns vertreiben, dann ist er bei uns. „Wenn der [S. 283] Herr nicht das Haus bewohnt, dann arbeiten die Erbauer, desselben umsonst; wenn der Herr nicht die Stadt bewacht dann wachen ihre Wächter umsonst.“2 Der heilige Geist ist unsere Mauer, unser Schutz, unsere Zuflucht. Wenn also er in uns wohnt, wenn er Wache hält, wozu bedarf es einer Aufforderung? Damit wir ihn behalten, damit wir ihn bewahren und nicht durch Sünden vertreiben.

Sodann spricht der Apostel von Heimsuchungen, nicht um den Jünger niederzubeugen, sondern um ihn aufzurichten, auf daß er, wenn er einst ebenfalls solchen preisgegeben wird, nicht in Verwirrung gerathe, indem er auf den Lehrer schaut und sich erinnert, was diesen Alles zugestoßen ist. Wovon spricht also der Apostel? Weil es denkbar ist, daß sein Jünger, wenn er einst in Gefangenschaft geriethe, verlassen wird, daß ihm kein Mitleid, keine Unterstützung und Hilfe zu Theil wird, sondern daß er sogar von den Gläubigen selber verrathen wird, so höre, was der Apostel sagt: „Du weißt es, daß die in Asien sich sämmtlich von mir abgewendet haben.“ Wahrscheinlich haben sich in Rom damals viele Asiaten befunden. Aber keiner steht mir zur Seite, sagt der Apostel, „keiner kennt mich, alle sind mir entfremdet.“ Und man beachte seinen echt philosophischen Sinn! Er erzählt bloß die Thatsache, er spricht keine Verwünschung aus. Den Andern, der ihm Wohlthaten erwies, belobt er und ruft tausendfachen Segen auf ihn herab; für jene Asiaten aber hat er kein Wort der Verwünschung. Sondern was sagt er? „Darunter ist auch Phygellus3 und Hermogenes.“

„Der Herr erweise dem Hause des Onesiphorus Barmherzigkeit dafür, daß er mich oft erquickt und meiner Bande sich nicht geschämt, sondern [S. 284] bei seiner Ankunft in Rom mich eifriger aufgesucht und gefunden hat.“

Beachte, daß der Apostel bloß von Schmach, aber nicht von Gefahr spricht, um dem Timotheus nicht Schrecken einzujagen, obwohl seine Sache sehr gefährlich stand. Denn er war damals mit dem Kaiser Nero zusammengerathen, von dessen Vertrauten er einen für das Christenthum gewonnen hatte.

Bei seiner Ankunft in Rom, sagt der Apostel, hat Onesiphorus meinen Umgang nicht bloß nicht gemieden, sondern hat mich aufgesucht und gefunden. „Der Herr lasse ihn Barmherzigkeit finden an jenem Tage. Und was er mir in Ephesus für große Dienste geleistet, das weißt du besser.“

So müssen die Gläubigen sein: weder durch Furcht noch Drohung noch Schmach dürfen sie sich beirren lassen, sondern müssen zusammenhalten, müssen wie im Kriege einander beistehen und helfen. Denn sie erweisen damit den Bedrängten keinen so großen Dienst wie sich selber, indem sie durch ihr Benehmen gegen dieselben sich den Mitgenuß der ihnen bereit stehenden Belohnungen verschaffen. Z. B. Einer der Freunde Gottes geräth in Bedrängniß, er hat viel zu leiden und kämpft mit aller Kraft. Dir ist ein solcher Kampf noch nicht auferlegt worden. Es ist dir möglich, wenn du willst, daß du, ohne den Kampfplatz zu betreten, Theilhaber wirst an dem Siegeskranz, der für jenen bereit liegt, falls du ihm zur Seite stehst, ihn salbst, ihn aufmunterst und anfeuerst. Und daß die Sache sich so verhält, darüber höre, was Paulus an einer andern Stelle schreibt: „Doch habt ihr wohl gethan, daß ihr an meiner Bedrängniß Theil genommen habt.“ Und wiederum: „Da ihr mir auch nach Thessalonich ein und das andermal geschickt habt, wessen ich bedürfte.“ Und wie konnten sie in der Ferne Theil nehmen an der Bedrängnis des Abwesen- [S. 285] den? „Weil ihr mir das eine und andermal geschickt habt, wessen ich bedürfte.“4

Und wiederum spricht er von Epaphroditus: „Er ist dem Tode nahe gekommen und hat sein Leben daran gewagt, zum Ersatze dessen, was an euerem Dienste gegen mich noch mangelte.“5 Gleichwie nämlich im königlichen Kriegsdienste nicht bloß die wirklich kämpfenden Soldaten sondern auch die Wächter des Gepäckes an der Ehre (des Erfolges) Theil haben, und nicht einfach Das, sondern wie ihnen oft auch dieselben Belohnungen wie den ersteren zuerkannt werden, ohne daß sie zu den Waffen gegriffen, ohne daß sie ihre Hände mit Blut färbten, ja ohne daß sie überhaupt nur die feindliche Linie erblickt haben; ebenso und noch viel mehr ist das bei den in Rede stehenden Bedrängnissen der Fall. Wer dem von Hunger entkräfteten Kämpfer beisteht, wer ihm zur Seite ist, ihn mit Worten aufmuntert, wer ihm jeden sonstigen Dienst leistet, der hat denselben Lohn zu erwarten wie der Kämpfende.

1: II. Thess. 2, 15.
2: Ps. 126, 1.
3: Hier hat der Text „Phygellus“ (Φύγελλος), während oben „Philetus“ (Φίλητος) steht. „Die beiden hier genannten Männer sind sonst unbekannt; vielleicht waren sie die Aufwiegler und Anführer der andern.“ Bisping III, 1. S. 247.
4: Philipp. 4, 16.
5: Philipp. 2, 30.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger