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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus
Erste Homilie.

III.

Ja, für Den, der ein Mensch ist und in diesem vergänglichen Dasein steht, ist es unmöglich, ohne Leid zu leben. Wenn nicht heute, so morgen; wenn nicht morgen, so kommt das Kreuz später. Gleichwie ein Schiffer nicht ohne Angst sein kann, — ich meine den Schiffer auf hoher [S. 260] See, — so ist es auch während des irdischen Daseins nicht möglich, ohne Bedrängniß zu leben, auch wenn man der wohlhabendste Mann ist; denn ist Jemand reich, so ist er oftmals das Opfer seiner Habsucht. Auch der König selber kann es nicht. Auch er ist ja an gar Vielen abhängig und kann nicht nach Belieben handeln, sondern muß Vieles gegen seine Neigung gewähren, und am allermeisten ist er es, der thun muß, was er nicht will. Wie so? Weil er Viele hat, die an ihm zupfen. Wie betrübend muß es für ihn sein, wenn er gerne Etwas thäte, kann es aber nicht, sei es aus Furcht, sei es aus Argwohn, sei es wegen der Feinde oder um eines Freundes willen! Oftmals aber, wenn er seinen Willen durchsetzt, wird ihm das ganze daraus entspringende Vergnügen verbittert, weil es Viele gibt, die dagegen Opposition machen. Aber wie? Bist du der Meinung, daß ein ruhiger Privatmann gefeit ist gegen die Bitterkeiten des Lebens? Durchaus nicht! Wie es keinen unsterblichen Menschen gibt, so gibt es auch keinen, der vor Trübsal sicher wäre. Wie mancherlei Dinge haben auch solche Leute auszuhalten, die sie Niemand mittheilen, die sie nur für sich allein empfinden können! Wie Mancher hat sich mitten im Reichthum, mitten im Wohlleben tausendmal den Tod gewünscht. Das Wohlleben entrückt uns nicht ganz der Trübsal; im Gegentheil, gerade das Wohlleben erzeugt ein Heer von Trübsalen, Krankheiten und Widerwärtigkeiten; und abgesehen davon ist der Schlemmer oft verstimmt ohne eine eigentliche Ursache. Denn wenn die Seele in solcher Verfassung ist, dann kommt die Verstimmung von selber. Die Aerzte behaupten ja, daß auch eine Indisposition des Magens seelische Verstimmungen hervorrufen kann. Ist das nicht auch bei uns der Fall, wenn wir in schlechter Laune sind, ohne von dem Grund derselben uns Rechenschaft geben zu können? Man kann also überhaupt keinen Menschen finden, der ohne Trübsal wäre. Und wenn Jemand keinen Anlaß zu so betrübter Stimmung hat wie wir, so glaubt er doch wenigstens, einen solchen Anlaß zu haben. Das eigene [S. 261] Leid empfindet man ja stärker als das fremde. Gleichwie die Leute, denen irgend ein Körpertheil weh thut, glauben, sie hätten mehr zu leiden als ein Anderer: wie der Augenkranke meint, es gebe keinen so großen Schmerz wie den seinen; wie hinwieder der Magenleidende behauptet, sein Leiden sei das schlimmste von allen, und wie Jedem dasjenige Leiden als das allerhärteste vorkommt, von dem er befallen ist: so ist es auch bei Seelenleiden; Jeder hält das für das schmerzlichste, welches ihn gerade eben drückt. Er urtheilt eben nach der eigenen Empfindung. Wer z. B. keine Kinder hat, findet Nichts so traurig wie die Kinderlosigkeit; wer viele hat und dabei arm ist, beklagt Nichts so wie die große Kinderzahl; wer bloß eines hat, hält Nichts für schlimmer, als bloß eines zu haben. Denn, sagt man, Das macht das Kind leichtsinnig, es bereitet dem Vater Kummer, dieser liebt es immerfort aufs zärtlichste, und das Kind ändert seinen Sinn nicht. Wer ein schönes Weib hat, klagt, es könne kein größeres Unglück geben als ein schönes Weib; denn da habe man es immer mit Verdächtigungen und Verführungsversuchen zu thun; hat Einer eine häßliche, so behauptet er, das schlimmste sei ein mißgestaltetes Weib; denn da habe man ein förmliches Grausen. Der Privatmann sagt, Nichts sei zweckloser und langweiliger als ein Dasein, wie er es führt; der Soldat behauptet, sein Stand sei der mühseligste und gefährlichste; besser sei es, bei Wasser und Brod zu leben, als solche Plackereien zu ertragen. Wer regiert, der findet Nichts beschwerlicher, als für die Bedürfnisse Anderer zu sorgen; der Unterthan sieht es als schlimmste Sklaverei an, dem Belieben Anderer zu Willen sein zu müssen. Der Verheirathete erklärt das Weib und die ehelichen Sorgen für das größte Unglück; der Junggeselle, es sei für einen selbstständigen Mann nichts unwürdiger als das ehelose Leben, das Entbehren des häuslichen Herdes und der häuslichen Pflege. Der Kaufmann preist den Bauern glücklich wegen seines sicheren Erwerbes, der Bauer den Kaufmann wegen seines Reichthums. Kurz und gut, die [S. 262] Menschen sind ein unzufriedenes, mit ihrem Schicksal haderndes, schwermüthiges Geschlecht. Mancher verdammt das ganze menschliche Dasein und behauptet, mit dem Menschen sei es gar Nichts, die ganze Welt sei ein mühebeladenes unseliges Wesen. Wie Viele bewundern nicht das Alter. Wie Viele preisen die Jugend glücklich! So ist auch das Lebensalter eine reiche Quelle melancholischer Stimmungen. Redet man uns hart wegen unserer Jugend, dann rufen wir: „Warum sind wir nicht schon Greise?“ Kommen die grauen Haare: „Wo ist die Jugend?“ Kurz, tausendfach sind die Veranlassungen zur Betrübniß. Es gibt nur einen Weg, der sich fern hält von solchem Uebelstand, den Weg der Tugend. Oder nein, auch dieser hat seine Trübsal, aber eine Trübsal, die nicht nutzlos ist, die Gewinn und Vortheil bringt. Es hat entweder Jemand eine Sünde begangen, und er hat von reuigem Schmerz durchbohrt seine Sünden abgewaschen, oder er hat Schmerz empfunden mit dem gefallenen Bruder, und er erhält auch dafür einen nicht geringen Lohn; denn das Mitleid mit den Unglücklichen verschafft uns große Zuversicht auf Gott.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger